Ein klarer, aber kalter Oktobertag.

Es war ein Dienstag, an dem ihre Kindheit sich für beendet erklärt hatte. Ein klarer, aber kalter Oktobertag, an dem es vermutlich Spaß gemacht hätte, mit einem tollpatschigen Labradorwelpen durch Herbstlaub zu tollen. Sie hatte keinen Labradorwelpen. Sie hatte Kinder, obwohl es sich meistens mehr so anfühlte, als hätten die Kinder sie.

Sie waren gerade vom Spielplatz zurückgekommen und sie hasste den Spielplatz. Sie hasste die anderen Mütter, die sie fortwährend auffordernd anschauten, weil sie sich im Gegensatz zu ihnen nicht als Spielpartnerin ihrer Kinder verstand, sondern so lange in einem Buch las, bis irgendwas zwischen Schaukel und Sandkasten zu eskalieren drohte. Meistens trat eine derartige Eskalation ein, wenn andere Mütter beschlossen, mit den armen fremden alleingelassenen Kindern spielen zu müssen und die Grenze zwischen Mein und Dein beim Spielzeug verschwamm und die Abenteuerkindheitskinder der Abenteuerkindheitsmütter das nicht ganz so witzig fanden, denn diese eine blaue Schaufel, die brauchten sie jetzt und nicht diese blöden Kinder dieser blöden Mutter, die da auf der blöden Bank saß und ein blödes Buch las. Vermutlich hassten diese Kinder den Spielplatz auch, durften es nur nicht sagen.
Was sie noch viel mehr hasste als Spielplätze, das waren Eltern, die Abenteuerkindheiten organisierten. Sie hatte mal den Satz „Ihre Kindheit ist unser Alltag“ gelesen und hatte den Eindruck, dass andere Eltern den auch gelesen, aber völlig anders ausgelegt hatten. Nämlich so, dass man den eigenen Alltag abschreiben solle, um den Kindern eine muntere Folge an organisierten Abenteuern auf einem wunderschönen Servierteller zu präsentieren. Sie fand, es war Abenteuer genug für Kinder, dass niemand Nein sagte, wenn da eine große Pfütze war, in die man gerne springen wollte. Auch ohne Matschhose, weil die Pfütze gerade auf dem Heimweg vom Kindergeburtstag von Jonte Friedrich – Indoorspielplatz, fünf Erwachsene auf fünf Kinder, Torte vom einzigen vegan-glutenfreien Konditor der Stadt, Geschenktütchen mit Schleichtier, selbst gebackenen Haferdinkelkeksen und einer personalisierten Dankeskarte – irgendwie mehr Abenteuer verhieß, als all das was die Jonte Friedrich Mama aufgefahren hatte.
Sie ließ ihre Kinder in jede verdammte Pfütze springen, auch wenn sie gerade überhaupt keine Lust hatte, einen Haufen pfützennasse Klamotten zu waschen, da das ihren Alltagstrottkram durcheinander brachte, aber das meinte das Zitat, da war sie sich sicher, und an manchen Tagen, ja, da sprang sie einfach hinterher in die Pfütze und musste im Büro die Ersatzstrumpfhose aus der Schreibtischschublade holen und unauffällig auf der Toilette wechseln.

Sie waren also nach Hause gekommen und die Kinder waren mit sandigen Schuhen ins Arbeitszimmer gestürmt, wo Marlon inzwischen saß und Diktate korrigierte und Mathetests und was man sonst noch tat, wenn man Grundschullehrer war. Sie interessierte sich für die Geschichten, die er über die Kinder erzählte, aber sie pflegte ein fast schon überzogenes Desinteresse gegenüber dem, was er tat, um Lehrpläne zu erfüllen, die sie beide falsch fanden.
Die Kinder durften immer ins Arbeitszimmer stürmen, denn sie taten es nicht mit Befindlichkeiten. Wenn sie ins Arbeitszimmer stürmte, dann seufzte Marlon meistens nur und schob sie vor sich her in die Küche, um ihr dort einen Kaffee zu kochen (in den letzten Jahren meistens koffeinfrei), fast so, als wäre das Arbeitszimmer nur ein Raum für stürmische Freude und eine No Go Area für all das, was sie meistens mit sich herumtrug. Freude war nicht ihre Werkseinstellung, auch wenn es nicht schön war, das sich und anderen einzugestehen.

Während sie überlegte, wie sie Marlon dazu bringen konnte, gleich den Sand aufzusaugen, obwohl er mit dem Sand eigentlich nichts zu tun hatte, warf sie einen Blick auf ihr iPhone und zucke dann zusammen. Vier Anrufe in Abwesenheit und eine Nachricht auf ihrer Mobilbox. Sie ließ sich von ihrem Job viel wegnehmen, aber nicht die Stunden zwischen 15 und 19 Uhr, weshalb sie irgendwann begonnen hatte, ihr Handy auf stumm zu stellen, sobald sie die Bürotür lautstark hinter sich ins Schloss fallen ließ. Die Missbilligung ihrer Chefin darüber war gigantisch, aber das war sie ihr gegenüber spätestens seit dem Tag, an dem es ihr nicht länger möglich gewesen war, ihre Schwangerschaft im Büro zu vertuschen. Seit diesem Tag hatte ihre Chefin ihr unterschwellig vorgehalten, dass ihr zwar klar gewesen sei, dass sie irgendwann Kinder kriegen würde, aber dass das doch bitte nicht so früh zu passieren gehabt hätte. Hätte sie bei ihrer Einstellung gewusst, dass sie eine Person einstellte, der die Dinge einfach genau dann passierten, wenn sie nicht passieren sollten, hätte sie wohl doch den ideenlosen Quereinsteiger eingestellt, der vorgeschlagen hatte, künftig einen Agenturschwerpunkt auf das Marketing für Hundefutterhersteller zu legen.
Vier Anrufe waren ein Warnsignal. Vielleicht gab es Probleme mit dem aktuellen Projekt oder sie hatte irgendeine Frist vergessen, an die ihre pflichtbewusste Kollegin sie erinnern wollte, damit sie ihrer Chefin nicht noch mehr Gründe geben würde, in Ungnade zu fallen. Obwohl diese Gründe bereits vorlagen, bisher nur unausgesprochen im Raum standen.

Mit fahrigen Fingern entsperrte sie ihr Handy, dessen Bildschirm ein Foto der Kinder zierte, auf dem die Große gerade versuchte, den Kleinen mit Sand zu füttern. Es gab kein einziges Fotostudiofoto der Kinder. Kein Foto, auf dem sie gekämmte Haare hatten. Kein Foto, auf dem nicht irgendetwas schmutzig oder löchrig war, das sie trugen. Manche Fotos waren sogar leicht verwackelt, weil sie sich beim Aufnahmen kaum hatte halten können oder die Kinder vieles getan hatten, aber nicht still gehalten.
Sie klickte auf die Telefon-App und verdrängte den Gedanken, warum ein Telefon inzwischen eine App benötigte, um Telefonieren zu können und warum man mit Telefonen überhaupt noch telefonierte, wenn Telefonate doch meistens damit endeten, dass jemand sagte „Ich schreibe Ihnen eine Mail, sobald ich dazu mehr sagen kann“ oder „Ich schreibe dir nochmal bei WhatsApp, wenn ich es sicher weiß“.
Und dann wusste sie es.
Sie stand umgeben von Sandkörnern im unaufgeräumten Wohnungsflur und die Tapete oben links in der Ecke löste sich langsam ab und sie wusste, dass etwas Schlimmes, etwas wirklich Schlimmes, geschehen war, denn die Anrufe kamen vom Handy ihrer Mutter. Anrufe vom Handy ihrer Mutter waren ein größeres Warnsignal, als jeder Anruf ihrer Chefin es jemals hätte sein können. Als sie das letzte Mal vom Handy aus angerufen hatte, hatte ihre Schwester gerade ihr Kind verloren und danach den Mann und dann auch ein kleines wenig sich selbst und schlussendlich hatten sie Charlotte an Island verloren, was gut für Charlotte gewesen war, aber nicht für den Rest.

Sie hörte das Lachen von Marlon aus dem Arbeitszimmer und das Kichern von Tonia und Linus vor Aufregung überschnappende Stimme und in ihrem Kopf begann sich alles zu drehen.
Sie überlegte Marlon zu rufen, aber er konnte später für sie da sein. Es war besser, wenn er für die Kinder da war, weil sie es vielleicht die nächsten Stunden nicht sein könnte. Vielleicht auch Tage. Sie war sich nicht sicher, aber sie hatte da so ein Gefühl. Ein Gefühl, das sich bestätigte, kaum dass sie die Mailbox anrief.
„Eine neue Nachricht von 018039837123, empfangen heute um 17 Uhr 23.“ Sie blickte kurz auf die Uhr, die im Flur hing und die ein ewiges Mahnmal dafür war, dass sie überallhin zu spät aufbrachen. Seitdem sie Mutter war, machte sie plötzlich ein regelmäßiges Workout: Sie rannte, ein Kind halb unter den Arm geklemmt, seitdem sie es nicht mehr in der Trage transportieren konnte, das andere an der Hand hinter sich herschleifend, auf öffentliche Verkehrsmittel zu, nur um diese dann doch zu verpassen.
Genau wie sie die vier Anrufe und die Mailboxnachricht von 018039837123 verpasst hatte. Nach der Anrufuhrzeit eine kurze, unheilvolle Pause.
Dann: Die zittrige Stimme ihrer Mutter.
„Papa ist im Krankenhaus.“
Sie hatte es gewusst. Und dann ging alles ganz schnell, der Anfang vom Ende ihrer Kindheit und das Danach.

Advertisements

2 Comments

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s