Über Medienethik, Vereinnahmung und Victim Blaming.

Ich habe eine Handvoll Jahre als freie Mitarbeiterin für die Lokalpresse geschrieben. Dort habe ich nicht nur persönlich sehr viel gelernt, sondern vor allem eines: Mich auf verlässliche Quellen und klare Aussagen zu stützen. Wer in irgendeiner Form publiziert, und noch dazu mit einer beachtlichen Reichweite, sollte sich einer Tatsache bewusst sein: Dass er Träger von Verantwortung ist. Medienethik scheint jedoch eine Tugend zu sein, die nicht mehr sehr en vogue ist, in Ausbildungen und Studiengängen keine Berücksichtigung mehr findet und für eine viel geklickte Schlagzeile glatt ganz zu den Akten gelegt wird.
Was Online-Medien seit der Silvesternacht betreiben, kann an vielen Stellen nur als Clickbaiting bezeichnet werden. Sie kommen ihrer Verantwortung nicht oder nur unzureichend nach (Ausnahmen bestätigen die Regel und finden sich unten) und sorgen mit Halbwahrheiten, Panikmache und voreiligen ++++ EXKLUSIV LIVE VOR ORT DABEI WIR WISSEN ALLES UND DAS VOR ALLEM BESSER ++++-Meldungen dafür, dass sie besonders für eine Menschengruppe ausgesprochen teilbar sind: Den rechten Haufen.

Was der rechte Haufen daraus macht, war vor allem eines: Zu erwarten. Kaum entstehen Schlagzeilen, die von 1000 Flüchtlingen, die am Kölner Bahnhof Frauen belästigt und vergewaltigt haben sollen, ist die Lügenpresse doch mal für was zu gebrauchen. Und dabei handelt es sich dieses Mal tatsächlich um Lügen (also: das mit den 1000 Flüchtlingen, nicht die Übergriffe an sich), was alles nur noch mehr ad absurdum führt.
Pegida, NPD & Co skandieren aktuell vor allem eines: Denk doch mal einer an die Frauen! Die Instrumentalisierung von Frauen*rechten erfolgt immer genau dann, wenn sie ihnen in den Kram passt, nämlich dann, wenn weiße Cis-Frauen vor bösen nicht-weißen Männern (im Idealfall: Flüchtlingen) beschützt werden müssen. 1000 übergriffige Flüchtlinge kommen da natürlich sehr gelegen. Ärgerlich nur, dass es sich am Kölner Hbf laut Aussage der Polizei gar nicht um 1000 Flüchtlinge gehandelt hat, sondern um 20-40 (die Zahlen schwanken aktuell noch) bereits straffällig gewordene aktenkundige Männer, darunter mutmaßlich: kein Flüchtling (Zitat Ermittler: „Die bisherigen Hinweise gehen deutlich in Richtung polizeibekannte Intensivtäter, mit Flüchtlingen haben die nichts zu tun“).
Es darf in der Debatte nicht passieren, dass Übergriffe und Vergewaltigungen bagatellisiert werden. In Köln sind in der Silvesternacht solche Übergriffe passiert und an Neujahr auch angezeigt worden – es geht nicht darum, Tatsachen und die Schilderungen der Frauen* in Frage zu stellen. Besagte Bagatellisierung geschieht jedoch nicht, wenn darauf hingewiesen wird, dass Herkunft, Hautfarbe und Muttersprache von Täter*innen ziemlich egal sind. Geschehen Straftaten, so wie in Köln, dann ist es Aufgabe des Rechtsstaates, nach einer Anzeige, in Köln liegen aktuell 90 vor, Ermittlungen aufzunehmen, auch das ist in Köln passiert. Auf Anzeige und Ermittlungen erfolgt dann, so will es der Rechtsstaat, ein Prozess und unter Umständen eine Verurteilung. Was klar ist: Das Internet ist kein Gericht. Undifferenziert Täter*innen durchs Netz-Dorf zu treiben führt oftmals vor allem dazu, dass es die Falschen trifft. Ein Verfahren wird nicht in Social Media Kommentarspalten geführt, sondern vor Gericht, auch wenn sich das dieser Tage viele anders wünschen und Selbstjustiz propagieren.
Ferner möchte ich mich mit meinen Rechten nicht von Pegida & Co vereinnahmen lassen, was genau so lange geschieht, wie es ihnen passt. Frauenrechte interessieren den rechten Mob nur, wenn es sie gegen ein diffuses Feindbild zu verteidigen gilt – also die deutsche Frau, auf die der deutsche Mann Anspruch erhebt, vor den bösen, bösen Flüchtlingen. Ihr könnt uns natürlich hier auch eines Besseren belehren, Pediga & Friends, und Stammtischparolen wie „Der muss es nur mal wieder einer ordentlich besorgen“ aus eurem Vokabular streichen sowie progressive Forderungen in Bezug auf sexuelle Selbstbestimmung, Abtreibung und die Pille danach mittragen. Wollt ihr nicht? Komisch. Ich dachte, ihr wäret Fans von Frauen*rechten?
Enttäuscht bin ich im zudem auch darüber, dass Seiten wie „Rhetorische Perlen von AfD- und NPD-Anhängern“ in ein ähnliches Horn stoßen: Dort wurde flugs gefordert, kriminelle Flüchtlinge abzuschieben. Umgehend. (Der Post wurde inzwischen gelöscht, der Schaden bleibt.) Was die EMMA zu den Geschehnissen in Köln zu sagen hat, habe ich mir bisher lieber gar nicht angeguckt.

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Was der flugs eingerichtete Kölner Krisenstab den Bürger*innen – auch den besorgten – heute als Lösungsvorschlag vorsetzte, ist, mit Verlaub, zum Kotzen. Die Empfehlung lautet: Eine Armlänge Abstand halten, zu allen Menschen an öffentlichen Plätzen, besonders als Frau oder Mädchen von unbekannten Männern. Das ist Victim Blaming, wie es im Buche steht (und schier unmöglich, wenn man den öffentlichen Nahverkehr nutzt, Aufzug fährt, sich durch Einkaufsstraßen quetscht – kurz: existiert). Opfern (oder gerade in Fällen von Vergewaltigungen: Überlebenden) zu raten, sich doch bitte in Zukunft besser zu schützen, ist vor allem blanker Hohn. Egal wie wir uns kleiden, wie wir uns verhalten, was für ein Leben führen: Unsere Körper gehören uns und nein heißt nein. Oder anders: Ich möchte in einer Welt leben, in der ich im kurzen Rock und betrunken durch den nächsten Hauptbahnhof torkeln kann, ohne dass mich jemand angrapscht oder vergewaltigt. Ich möchte in einer Welt leben, in der wir unseren Kindern beibringen, dass sie die Grenzen anderer respektieren sollen, anstatt ihnen beizubringen, einen Elektrozaun um sich selbst zu ziehen, da Übergriffe so oder so da draußen auf sie warten werden. Ich möchte in einer Welt leben, in der eine Auseinandersetzung mit Machtstrukturen erfolgt, anstatt ein Diktat, wie mit der unausweichlichen Ohnmacht umzugehen sei. Wo ich aktuell ziemlich ungern lebe: In dieser Welt.

Wer weiterlesen möchte, kann das zum Beispiel hier tun:
Prinzessinnenreporter – Silvester in Köln – einige Anmerkungen
EditionF – Gewalt an Frauen – Welche Fragen wir uns jetzt stellen sollten
ZEIT Online – Was geschah in Köln?
Netz gegen Nazis – Silvesternacht in Köln: Organisiertes Verbrechen, nicht enthemmte Flüchtlinge

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6 Comments

  1. Genau so ist es. Du triffst es auf den Punkt. Es ist unglaublich wie hier Sexismus und Rassismus aufeinandertreffen. Es ist schrecklich was passiert ist und die eigentliche Frage ist vielleicht eher: warum konnte die Polizei, als sie vor Ort war, die Frauen nicht schützen?

  2. Ich habe eine Handvoll Jahre als freie Mitarbeiterin für die Lokalpresse geschrieben. Dort habe ich nicht nur persönlich sehr viel gelernt

    Offenbar nicht. Nur ein weiterer vor Kleinmädchen-Naivität triefener Beitrag ohne journalistische Substanz.
    Zu deinem radikalfeministischen „Victim-Blaming“-Gedöns, informier dich bitte mal hier:
    http://www.sueddeutsche.de/panorama/koeln-eine-armlaenge-empoerung-1.2806458

    So von wegen journalistischer Sorgfalt…du beißt dich halt auch nur an den Informationen fest, die du unbedingt glauben willst, bzw. die die Ereignisse halt so klein wie möglich reden.

    Es ist inzwischen längst bekannt, dass die kolportierte Aussage „es waren keine Flüchtlinge“ lanciert wurde und die Polizei (Meldung am 1. Januar sinngemäß: „alles ruhig verlaufen“) alles tagelang massiv heruntergespielt wurde.
    Wir wissen nicht wer es ist..so irgendwelche Leute zwischen 100 und 1000. Aber eines wissen wir sicher: die Täter sind „lange polizeibekannt“ (ja toll, also wer denn nun genau?) und keine Flüchtlinge!
    Inzwischen ist längst bekannt, dass etliche Menschen sehr wohl festgehalten wurden und fast alle ihre Asylbewerber-Papiere stolz präsentiert haben (ARD-Brennpunkt heute).

    Die Sache kam nur raus wegen Facebook, und weil die überzogene Polizei-Schelte dazu geführt hat, dass sich einige Polizisten diffamiert und in ihrer Ehre verletzt fühlten, daher zu mehreren die internen Protokolle an die Presse weitergegeben haben – gegen die Vorgaben ihrer eigenen Chefs!
    Seit diesem Artikel müssen wir davon ausgehen, dass das unter den Teppich kehren der Polizei wohl bisher gängige Praxis war:

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article150735341/Die-meisten-waren-frisch-eingereiste-Asylbewerber.html

    Da du so eine tolle Journalistin bist, wirst du diesen Beitrag sicher auch gleich löschen, sei’s drum.

    1. Ich habe ja überlegt, ob ich den Kommentar einer Person mit Fake-Mailadresse überhaupt freischalten will, aber als großartige Kleinmädchenjournalistin tut man ja, was man kann. Sei’s drum.

  3. Ich stimme dem ersten Teil des Artikels vorbehaltlos zu, aber als dann im zweiten von Victim Blaming die Rede war, habe ich mir innerlich mit der Hand an die Stirn fassen müssen. Richtig ist, dass solche Tipps à la „eine Armlänge“ im Endeffekt ohne Nutzen sind, da sich Triebtäter und anderes Gesocks nicht davon nicht in ihre Schranken weisen lassen. Doch Frau Reker vorzuwerfen, sie würde damit gleichzeitig die Opfern verhöhnen, ihnen sagen sie seien selbst schuld, ist mir leider immer noch zu hoch. Das ist mit Verlaub genauso abstrus, als würde ich all denjenigen Victim Blaming unterstellen, die ihren Kindern mit auf dem Weg geben, nichts Süßes von Fremden anzunehmen und nicht in deren Autos zu steigen, weil diese Regel vielen anderen Kindern nichts genützt haben, da sie eben trotzdem entführt, vergewaltigt und/oder ermordet wurden. Denn im Grunde kann es nicht schaden sich vorsichtig und aufmerksam durch große Menschenansammlungen zu bewegen, obwohl einem das auch der gesunde Menschenverstand sagen sollte. Frau Reker hat meines Wissens nach nie gesagt, ja hätten die da am Hauptbahnhof mal eine Armlänge Abstand gehalten, sondern hat sich auf zukünftige Ereignisse bezogen. Noch einmal: Den Frauen, die in der Silvesternacht zu Opfern dieser oder jener Verbrechen geworden sind, ist selbstredend keine Schuld anzulasten und ich bin mir sicher, dass die Oberbürgermeisterin das genauso sieht. Und außerdem sollten die meisten Frauen und Männer ohnehin so viel Verstand haben, dass sie sich auch in Zukunft nicht allein auf solche Ratschläge verlassen werden. Den meisten sollte eigentlich bewusst sein, dass sie mit der Wahl Frau Rekers zur Oberbürgermeisterin nicht automatisch ihr ihre Mündigkeit in die Hände gegeben haben, falls irgendwer denkt, sie würde mit ihren Aussagen auch eine Verantwortung für Vergewaltigungen und Raubüberfällen bei zukünftigen Großereignisse diesen Ausmaßes tragen. Wenn sie sich in irgendeiner Weise mitschuldig gemacht hat oder machen können, dann betrifft dies eher die mangelnde Sicherheit bei solchen Veranstaltungen.

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