Über Kaiserin 1, #einelefantfuerdich und Onlineclans.

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„Ein Elefant hielt mich gepackt und – hob mich sanft auf seinen Rücken. Dann begann er ruhig vorwärts zu schreiten, während ihm die anderen Platz machten. Sie schlossen sich ihm an, und fort ging es, durch dick und dünn, immer tiefer in den Urwald hinein.“ – aus „Sindbad der Sehfahrer“ in ‚Märchen aus 1001 Nacht‘ von 1968

Meine Timeline ist seit gestern voller Elefanten und das macht mir Hoffnung. Hoffnung, dass wir nicht allein sind mit uns und unseren Gefühlen. Dass wir tatsächlich für einander da sind. Einander eine Schulter bieten oder auch zwei geöffnete Arme, in Zeiten, wo viele sich selbst umarmen müssten, wenn sie das Internet nicht hätten; weil Netzwerke noch nie so brüchig waren, gerade familiäre. Internet heißt auch, mit Menschen zu weinen, die man nicht kennt. Um Menschen weinen, die man nie kennen lernen durfte. Und sie trotzdem kennt und gekannt hat.
Ich hatte am 30. Dezember Geburtstag, wie – Überraschung – jedes Jahr. Ich habe gut gegessen, gekocht, gelacht, mich von lieben Menschen umarmen lassen und zurück umarmt und abends wild fuchtelnd auf dem Teppich sitzend pantomimisch versucht, das Wort ‚Kaufsucht‘ darzustellen. Ich habe dem Internet davon erzählt, ich erzähle dem Internet vieles, ich bekomme viel vom Internet zurück, es hat mich aufwachsen sehen und vielleicht sieht es mich auch irgendwann sterben. Vermutlich werde ich an diesem Tag, dem 30.12., an meinem Geburtstag, ab jetzt auch immer an einen kleinen Menschen denken, den ich eigentlich gar nicht persönlich gekannt habe: An Kaiserin 1. Ich durfte ein Stück weit das Leben von Kaiserin 1 mitverfolgen, da ich den Blog ihrer Mutter Mareice fast so lange lese, wie er online ist. Das Kaiserinnenreich gehört zu der Handvoll Blogs, von denen ich wirklich jeden Artikel kenne und den ich vermutlich öfter weiterempfohlen habe, als meinen eigenen.

Auch den Artikel, der am Silvestertag erschien, las ich sofort und saß nach den ersten Zeilen heulend auf dem Badewannenrand und konnte es nicht fassen, schon beim Anklicken des Links, beim Wort Epilog, wusste ich es. Bereit dafür war ich trotzdem nicht. Mir gehen Kinder näher, seitdem ich ihnen näher bin, natürlich. Doch warum weinen um ein kleines Mädchen, das ich gar nicht kannte? Warum weine ich, als ich lese, dass Kaiserin 1 es nicht geschafft hat, dieses Mal nicht? Es kann nicht alleine daran liegen, dass ich relativ nah am Wasser gebaut habe und wegen der ganzen Bandbreite – Rührung, Betroffenheit, Freude, Sorge, Überforderung, Glück, Trauer… – weinen kann und auch will. Nein, irgendwie geht das tiefer. Ich muss an einen Artikel denken, den ich vor längerer Zeit las, irgendwann um Weihnachten rum, vor zwei Jahren. Ich erinnere mich nur noch an grobe Eckdaten, etwa daran, dass @dasnuf ihn schrieb und suche ihn, als #einelefantfuerdich passiert. Unter diesem Hashtag haben in den letzten 24 Stunden unzählige Menschen Abschied genommen von Kaiserin 1.  Fotos von Stoffelefanten, Schmuckelefanten, gemalten Elefanten, Elefantenherden, Elefantenbüchern, gebastelten Elefanten… Viele Menschen, die sich beteiligen, kenne ich, manche seit Jahren, manche persönlich, manche erst seit wenigen Wochen. Ich kenne sie, weil ich sie lese, ihre Tweets und Blogs, weil ich sie und ihre Meinung in Bezug auf Literatur und Musik, Erziehung und Politik, Kochrezepte und Ökobanken sehr schätze, weil ich ihre Fotos anschaue und beherze, weil ich irgendwie dabei bin, wenn sie leben und viele umgekehrt dabei sein, wenn ich durch mein Leben stolpere. An Clans muss ich denken, als ich immer wieder Mareices Worte lese und sie dafür bewundere, wie stark sie ist – oder mir zumindest erscheint: „Wir wünschen uns kein Beileid; wir möchten uns lieber darüber freuen, dass sie da war. Dass sie uns verzaubert hat und glücklich mit uns war.“ Auf Facebook wünscht sie sich zudem, dass wir in der Silvesternacht auf Kaiserin 1 trinken. Viele von den Internetmenschen, die mir am nächsten sind, von denen ich am meisten mitbekomme, tun das: Zeigen Fotos, auf denen sie auf Kaiserin 1 anstoßen oder Wunderkerzen für sie anzünden, noch bevor #einelefantfuerdich am Neujahrstag ganz groß wird. Als ich frierend den bunten Silvesterhimmel beobachte, denke ich an Kaiserin 1 und muss schon wieder fast weinen, obwohl ich eigentlich viel lieber feiern möchte, dass es sie gegeben hat. Ich möchte all die Familien feiern, die so über ihre Angehörigen mit Behinderungen sprechen und schreiben, wie das Mareice getan hat und hoffentlich auch weiterhin tut. Ich hoffe, sie findet irgendwann wieder Worte, die sie mit uns teilen möchte und würde mich unglaublich freuen, wenn sie weiterhin so kraftvoll für Inklusion streiten würde, wie sie das in den vergangenen Jahren getan hat.

Wenn wir gemeinsam Kaiserin 1 gedenken, so wie in Form von #einelefantfuerdich geschehen, dann ist das für mich nicht ein bloßer Hashtag, bei dem man eben mitmacht. Zum einen nicht, weil mir Kaiserin 1 näher schien, als manch eine meiner Facebookbekanntschaften, zum anderen, weil ich das Kaiserinnenreich ein Stück weit zu meinem Clan zähle. Das Kaiserinnenreich hat meinen Blick unglaublich geschärft, hat mich ganz neue Facetten mitdenken lassen, hat mich noch mehr für Inklusion brennen lassen, als so schon. Das Kaiserinnenreich hat meine letzten Stereotype abgebaut, mir irrationale Berührungsängste genommen und ich hatte sehr gehofft, 2016 bei einem meiner Berlinbesuche die wundervollen Kaiserinnen mal persönlich kennen lernen zu dürfen (und würde mich darüber immer noch sehr freuen). Ich erlebe in meiner alltäglichen Arbeit mit Kindern und ihren Familien, wie viele unnötige Barrieren es gegenüber Menschen mit Behinderung gibt und hoffe sehr, dass ich eines Tages eine Krippe leite, in der Kinder nicht nur achtsam betreut, begleitet und gebildet werden, sondern auch inklusiv. Inklusive Krippen sind bisher in etwa so selten wie Einhörner, Kinder mit Behinderung sind es nicht und gerade ihre Familien würden in der Regel durch qualitative und professionelle familienergänzende Betreuung sehr entlastet.

Dieser ganze Clangedanke lässt mich nicht los in meinen Gedanken an Kaiserin 1. Ich suche also den Artikel von Patricia (@dasnuf), die hier eine Liebeserklärung an ihren Clan geschrieben hat, inspiriert durch Susanne, die kurz vorher über Elternclans geschrieben hatte und darüber auch 2014 einen grandiosen Vortrag auf der re:publica hielt. Beide beziehen sich in ihren Schilderungen stark auf Eltern-Blogs, ich habe aber den Eindruck, dass fast jeder Mensch Teil eines Onlineclans sein kann, wenn er sich das wünscht. Ich habe das noch nie so genau benannt, aber es stimmt jedenfalls für mich. Ich habe Menschen beim Erwachsenwerden beobachtet und bin darüber selbst erwachsen geworden. Ich war nie die einzige, die ihr Studium abgebrochen hat oder umgezogen ist, die an Beziehungen verzweifelt ist oder einen Neuanfang gewagt hat. Da war immer jemand, dem es ähnlich erging und der mir mit einem „Ich verstehe dich“ oder zumindest einem „Ich höre dir gerne zu“ so manche Last von den Schultern genommen hat. Ich bin froh, dass in meiner Timeline so viele Menschen sind, die nicht wie ich sind – meine Filterbubble ist zwar vorhanden, aber dabei trotzdem bunt. Menschen mit Kindern und ohne Kinder, alleinerziehend oder gemeinsamerziehend, mit Haustieren oder Nutztieren, mit Bücherwänden oder eBooks, mit kaum Besitz oder ganz viel und vor allem für viele verschiedene Themen brennend. Meine Timeline geht so unterschiedliche Wege, lebt so vielfältig und in unseren Gedanken an Kaiserin 1 nehmen wir uns dann doch wieder an die Hand und geben uns Halt. Ich hoffe, dass dieser Halt bei Mareice ankommt, wenn sie das möchte. Ich hoffe, dass wir weiterhin nicht nur die Höhepunkte der anderen liken, sondern auch die Tiefpunkte nicht nur miteinander aushalten, sondern auch gemeinsam verarbeiten. Ich hoffe, dass wir Kaiserin 1 als das Mädchen in Erinnerung behalten, als das wir sie kennen lernen durften: Das „zarte, starke, punkige, tapfere, lebensfrohe, wunderschönes Mädchen“, das 4 Jahre und 2 Monate das Leben von Mareice und Thorben und irgendwann auch von Kaiserin 2 bereichert hat. Und ich hoffe mindestens genauso sehr, dass Menschen mit Behinderung genau das für uns sind: Menschen; mit Behinderung. Aber nicht Behinderte.

Und ja, bei diesem Song werde ich ab jetzt vermutlich für immer nicht nicht weinen können:

 

Weitere berührende Artikel, in denen Abschied von Kaiserin 1 genommen wird, findet ihr bei leitmedium und ringelmiez, die im Gegensatz zu mir Kaiserin 1 persönlich kennen lernen durften.

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