Wir sind nicht nackt.

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Ich bin in dieses Internet reingewachsen. Es war noch nicht da, als ich geboren wurde, zumindest nicht für die Menschen, die mich großgezogen haben und es mir irgendwann zur Verfügung stellten. Man könnte sagen, dass ich irgendwo an der Schwelle zum Digital Native bin. Ich konnte mit knapp 2 Jahren noch keine YouTube Videos starten und Selfies aufnehmen, denn diese Technologien waren damals noch undenkbar. Aber ich gehöre zur ersten Generation, die in der Schule Computerunterricht hatte und zu den Menschen, die vor ihren eigenen Eltern einen E-Mail-Account hatten und deren Eltern bis heute nicht auf Facebook sind. Ich war immer online: Ich habe in Foren geschrieben und gechattet, Texte gelesen und schließlich begonnen, sie selbst ins Internet zu kotzen. (Über eine kurze und mittelmäßig erfolgreiche Phase als Modebloggerin schweige ich zwar nicht, aber sie gehört auch nicht gerade zu meinen Glanzleistungen.) Ich hatte sehr früh ein Smartphone mit Datenvolumen, das muss 2009 gewesen sein, da war ich in der 10. Klasse und das Senden eines Tweets dauerte circa eine halbe Mathestunde.

Ich habe viele Jahre unter Synonym gebloggt und getwittert. Ziemlich genau ein halbes Jahrzehnt. Das funktioniert, eine Weile, gewiss. Aber dann wirst du größer, also: Dein Alter Ego im Internet. Dann möchtest du Kooperationen mit Buchverlagen eingehen und gibst deinen Klarnamen und deine Adresse im Tausch gegen kostenlose Rezensionsexemplare heraus. Du freundest dich mit Menschen online ein, dazu gehört dann auch eine Facebookfreundschaft (mit der man sich eine gewisse „Wir sind keine 40-jährigen-Typen“-Sicherheit gab) und irgendwann sogar der Austausch von Handynummern, persönliche Treffen, Care Pakete mit Schoki, Mixtapes und Katzenbabypostkarten. Du beginnst, dich politisch zu engagieren, dort bloggen viele und twittern, man tauscht URLs und Usernames aus, meine große Reichweite überraschte immer wieder Menschen und nicht selten auch mich selbst. Und dann spricht dich jemand an, ob du dem Internet von deinen 5 Lieblingsbüchern erzählen möchtest, du sagst zu, die sagen, das ginge nur mit Foto und Klarnamen, du findest das komisch, aber das Projekt toll, also meine Güte, wird schon niemanden weiter kümmern, wenn irgendwo auf irgendeiner kleinen Seite dein Klarname und deine Lieblingsbücher stehen. Dass das alles gar nicht so klein ist, wird dir erst in der Retrospektiv klar, als du siehst, dass dort Leute wie Jürgen von der Lippe, Sascha Lobo, Sibylle Berg, Karla Paul und viele weitere Online- und Offline-Größen über ihre Herzensbücher schreiben durften. Und irgendwann erschien dann dieser Artikel über mich. Ein Artikel, an dem ich eine ganze Weile zu knabbern hatte und der mir noch heute seltsam schwer im Magen liegt, obwohl eher nicht weiter schlimm war. Das Experiment einer Journalistenschülerin, die meinen kommentieren Unmut nicht richtig verstand und mit der Übernahme des Fotos zudem auch noch mein Recht am eigenen Bild verletzte, aber das steht auf einem ganz anderen Blatt. Der Kommentar einer Person namens „erdmännchen“ lautete übrigens:

Es ist doch interessant, wie viel menschen über sich dem rest der welt verraten – und wie überrascht sie dann sind, wenn jemand es einfach mal aufsammelt. Echt gute idee – vielleicht regt das den ein oder andern zum nach denken an.

Ich frage mich ja, was die Quintessenz dieses Nachdenkens sein soll, zu dem der Artikel anscheinend mal anregen sollte? Dass ich aufhören sollte, Dinge ins Internet zu schreiben? Dass ich mich nicht beschweren sollte? Dass ich dafür keine Grundlage hätte? Dass ich mich nicht zu wundern brauche? Dann denke ich wohl auf die falsche Art und Weise nach, denn ich finde es nach wie vor eher unschön, in einem vorführend-voyeuristischen Tonfall Informationen zusammenzustellen, die ich so nie gebündelt zur Verfügung gestellt habe und auch ganz sicher nicht hätte und die in mehreren Stunden Recherche zusammengetragen worden sein dürften. Christine Haas, der Autorin dieses Artikels, muss man zwei Dinge lassen: Für eine Journalistenschülerin tritt sie als Autorin im Internet selbst sehr wenig in Erscheinung, zum anderen hat ihr jemand ärgerlich viel über SEO erzählt, sodass dieser Artikel immer noch relativ weit vorne erscheint, wenn man meinen Namen googelt. Aber da Haas „das ganze auch eher als Kompliment“ gemeint hat, wie sie mir freundlicherweise erklärte, fand das Internet insgesamt, ich solle das doch einfach aussitzen.

Gegen das, was Caspar Clemens Mierau und Susanne Mierau passiert ist, ist das oben Beschriebene allerdings sowieso ziemlich nichtig. Was diesen beiden Blogger*innen passiert ist, die ich schon seit einiger Zeit regelmäßig und gerne lese, ist unglaublich und kann im aktuellen ZEIT Magazin und hier online nachgelesen werden. Was aber noch viel unglaublicher ist, ist der Ratschlag, den viele Menschen Personen wie Caspar und Susanne geben, Menschen, die aufgrund ihres Onlinelebens zu Opfern von Stalking geworden sind: Das mit dem Bloggen, dem Twittern, der Selbstinszenierung doch bitte einfach sein zu lassen. Mareice vom großartigen Kaiserinnenreich überlegte auf Facebook, ob es für diesen Ratschlag, dem die verquere Argumentationskette voransteht, dass man selbst schuld sei, wenn man sich online präsentiere und dann sowohl dort, aber auch offline belästigt wird, bereits einen Begriff gäbe. Mir fällt dazu tatsächlich nur einer ein: Victim Blaming. Weil du dem Internet in Ausschnitten erzählt hast, wie du lebst, was du denkst, wie du fühlst – etwas, das unter Umständen sogar Teil deines Berufs ist, was bei Caspar und Susanne der Fall ist – musst du dich nicht wundern, wenn Menschen dich stalken. Zum einen ist das ein Internet-Verständnis, bei dem sich mir die Zehnnägel aufrollen, zum anderen ist das die Legitimierung von Übergriffigkeit, indem den Opfern unterstellt wird, sie hätten durch ihre „Freizügigkeit“ ja wohl genug Köder ausgeworfen. Die Argumentation kommt mir aus einem anderen Feld der Übergriffigkeit sehr bekannt vor und ist nicht nur da absolut zum Kotzen.

Ich möchte den Begriff Victim Blaming nicht den Überlebenden sexuellen Missbrauchs wegnehme. Victim Blaming beschreibt in der Regel Argumentationsstrukturen, die darauf ausgelegt sind, den Überlebenden die Verantwortung für die Tat zu geben. Nicht selten sind hier kurze Röcke, Make-Up, Alkoholkonsum und eine wie auch immer gelesene Außenwirkung gemeint, die in den Augen vieler Menschen Täter*innen provoziert haben. Hier gibt es auch einige interessante Aussagen aus dem Bereich der Polizei und der Justiz, die ich an dieser Stelle lieber nicht zitieren möchte, denn dann bin ich noch wütender als sowieso schon.

Außer auf Konferenzen oder Messen erachte ich es nicht für sinnvoll, mich Menschen mit „Ich bin Alexandra und ich habe fast 5000 Follower auf Twitter!“ vorzustellen. Ich bin nicht meine Accounts, darüber schrieb ich an anderer Stelle bereits ein paar Mal. Mein Online-Auftritt ist kein fortwährendes Herunterholen meinerseits auf meinen eigenen „Fame“. Zumindest hoffe ich, dass er nicht so wahrgenommen wird. Ich habe sehr früh begonnen, Social Media politisch zu nutzen. Und zur Vernetzung, etwas, was ich gerade als Feministin, der es wichtig ist, auch online Raum einzunehmen, und Care Arbeiterin für unerlässlich halte. Starke Netzwerke können die Lage von Frauen* und Care Arbeiter*innen maßgeblich verändern und schlussendlich auch verbessern. Ich zeige Ausschnitte aus meinem Leben nicht nur, weil es mir Spaß macht, sondern auch, weil es zeigt, dass hinter politischem Aktivismus ein stinknormales Leben steckt, das es zu leben und manchmal auch zu bezwingen gilt. Ich will mir so etwas nicht wegnehmen lassen und hoffe, dass auch Caspar und Susanne sich ihr Leben – online wie offline – nicht wegnehmen lassen. Das, was sie uns zeigen, ist großartig und ich möchte es nicht missen, hat mich doch gerade Susannes Schaffen stark beeinflusst. Susanne ist von Grundberuf ebenfalls Kindheitspädagogin und hat mich, auch durch einen persönlichen E-Mail-Kontakt, sehr zu einer Weiterbildung bei der Gesellschaft für Geburtsvorbereitung motiviert. Sie setzt sich in der Blog-Szene für Attachement Parenting ein wie kaum eine zweite, schreibt großartige Artikel und bald soll auch ein Buch über ihren Weg des Erziehens erscheinen, auf das ich mich sehr freue. Ihr Mann ist für viele innovative Projekte (mit)verantwortlich, die ich ebenfalls nicht missen möchte. Ich wünsche ihnen so sehr, dass sie nach all dem, was sie in den letzten anderthalb Jahren erlebt haben, irgendwie zur Ruhe kommen können und sich entspannt auf die Geburt ihres dritten Kindes freuen können.

Dass die Familie Mierau inzwischen Ruhe vor ihrem Stalker hat, ist nicht selbstverständlich. Stalking ist immer noch ein Straftatbestand, der die Justiz maßlos zu überfordern scheint. Ein Abschnitt aus dem großartigen ZEIT-Artikel von Khuê Pham zeigt genau, wo das Problem in Bezug auf Stalking gelagert ist:

Die Tricks der Hacker wirken hier im Gerichtssaal 862 wie Mythen aus dem Outer Space. Immer wieder muss sich die Richterin technische Details erklären lassen: Was bedeutet es, jemandem auf Twitter zu entfolgen? Was ist ein Newsreader? Und ist die C-Base ein realer Ort? Als Caspar Mierau beschreibt, wie man mit spezieller Software Anrufe von falschen Nummern aus tätigen kann, rollt sie vor Überraschung auf ihrem Stuhl zurück: „So was geht?! Ich war Ermittlungsrichterin und hab Telefonüberwachungen veranlasst, aber das wusste ich nicht!“

Ein Verwaltungsapparat, der nicht fundiert versteht, wie das Internet funktioniert (weder Polizei, noch Gericht, noch andere Behörden), soll Urteile fällen. Nicht selten müssen ihnen hierfür Täter*innen oder gar deren Opfer erklären, wie genau technische Prozesse funktionieren. Nicht selten passiert in Bezug auf Cyberstalking ziemlich lange – genau – NICHTS. Zu lange, wenn man sich die Folgen anguckt, die psychisch über Menschen hereinbrechen.

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Ich habe für mich irgendwann beschlossen, dass mein Privatleben auf öffentlichen Kanälen nur so weit passiert, wie die Menschen, die darin auftauchen, bereit sind, meine Öffentlichkeit mitzutragen. Im Umkehrschluss heißt das: Wem ich nichts von Twitter, Instagram und Blog erzähle, der muss auch keine Angst haben, dort kenntlich gemacht zu werden. Und es heißt auch, dass ich Menschen frage, ob ich ein Foto von ihnen posten darf. Es gibt Menschen, die ich besonders schütze: Die Kinder, die ich betreue. Schon alleine wegen Verschwiegenheitserklärungen, die ich zumeist unterschreiben musste, ist es selbstverständlich, dass hier weder der Name meiner Einrichtung noch die Namen der Kinder die ich betreue und schon gar keine Fotos von ihnen auftauchen. Ich hoffe, dass verstehen auch potentielle neue Arbeitgeber*innen, sollten sie auf mich als öffentliche Person aufmerksam werden. Was noch nie passiert ist, in der Branche spielt das Internet eine so weit untergeordnete Rolle, das es kaum vorkommt. Was schade ist, denn auch in der Frühen Bildung ist es eine großartige Chance.

Nichtsdestotrotz beschreibt das nur den Schutz, den Menschen in meinem Umfeld genießen. Aber was heißt das für mich? Und für jeden Menschen, der unter Nennung von Klarnamen und Adresse Dinge ins Internet schreibt? Könnte uns allen das passieren, was den Mieraus passiert ist? Meine Adresse und mein Name stehen im Impressum dieses Blogs, dazu bin ich aus Rechtsgründen verpflichtet. Ich habe keine Angst und möchte sie mir auch nicht machen lassen. (Genauso wenig wie vor dem Besuch von Großveranstaltungen nach Terroranschlägen, übrigens.) Die Mieraus leben zu großen Teilen vom Schreiben und haben deswegen eine größere Reichweite, zumindest wenn man ihre Blogs betrachtet. Auf Twitter und Instagram sieht es schon anders aus und vermutlich passiert gerade dort das Teilen der Infos, die für Stalker*innen am meisten von Interesse sind. Ende Oktober wurde ich in den Bundesvorstand der Grünen Jugend gewählt und bin dort nicht nur Beisitzerin, sondern auch Frauen-, Inter-, Transpersonen- und genderpolitische Sprecherin. Seitdem für mich klar war, dass ich kandidieren werde, trete ich mit meinen Accounts geschlossen unter Klarnamen in Erscheinung. Wenn ich in dieser Form für eine Jugendorganisation auf Bundesebene arbeite und eintrete, dann ist klar, dass mein Internetleben ein unglaublicher Stützpfeiler dieser Arbeit ist. (Ich bin immer noch ein bisschen nervös, dass mein Name jetzt bei Wikipedia steht!) Und trotzdem, liebe potenzielle Stalker*innen, solltet ihr eines nicht verwechseln: Das, was Menschen bereit sind – auch und gerade unter Klarnamen – im Internet zu zeigen und das, was in ihrem Leben wirklich passiert. Zwischen den Instagramfotos, zwischen den 140 Zeichen Tweets, zwischen den ausufernden Blogpostings passiert in der Regel auch ein nicht-öffentliches Leben, das nicht selten weniger schön ist, als das, was Menschen in den Online-Auftritt von Menschen hineininterpretieren. Meine Accounts sind zum einen politisches Instrument, zum anderen aber auch ein Wohlfühlort. Wenn es mir schlecht geht, dann bin ich offline. Nur weil online alles gut ist, ist es das nicht auch automatisch offline. Ich glaube, ich bin nicht die einzige, die lieber woanders heult, als vor mehreren 1000 Menschen. Und wenn ihr schon Online-Menschen ihr Leben neidet, dann macht euch wenigstens klar, dass ihr übergriffig seid, sobald ihr Hasskommentare schreibt, sobald ihr unaufgefordert und unerwünscht anruft, sobald ihr nachstellt und vor allem sobald ihr Gewalt- und Morddrohungen aussprecht. Das Internet hört dann auf, ein anonymer Raum zu sein, sobald ihr dafür sorgt, dass es für andere kein geschützter mehr ist. Ich weiß, dass Täter*innen meistens für sich plausible Gründe haben, zu stalken – und ich hoffe, dass es nicht immer einen Gerichtsbeschluss bedarf, sie in Kontakt mit Initiativen wie Stop-Stalking zu bringen. Ich wünsche mir bessere Aufklärung, eine klarere Rechtslage und weniger Misstrauen gegenüber Menschen, die das Internet mit großer Reichweite für sich nutzen.

Wir machen uns nämlich nicht nackig, nur weil wir unser Leben im Internet zeigen. Nur weil wir viel zeigen, heißt das nicht, dass wir nicht sehr bewusst steuern, was wir zeigen. Und was nicht. Jede*r von uns hat andere Grenzen – für mich persönlich sind das etwa Details aus meinem Intimleben oder Fotos, die mich in mir unangenehmen Situationen (was für mich schon beim Konsum von Alkohol beginnt) zeigen. Meine Kinder würden übrigens auch nur in bestimmtem Umfang online „passieren“. Aber: Es ist okay, Fotos seiner Kinder zu zeigen, über seine liebste Sexstellung und den letzten Partner, mit dem man diese ausgeübt hat (falls der das okay findet) zu schreiben, mit einer Pulle Wein am Hals zu posen… Das alles ist nicht nur okay, sondern vor allem nicht als Legitimierung für Stalking gültig. Stalking ist eine Straftat, die Täter*innen begehen und auf deren Kehrseite Opfer stehen, die keine Schuld daran tragen, dass sie belästigt, beleidigt, verfolgt oder wie auch immer geartet angegangen werden.

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