Über die Arroganz des Nachhausekommens.

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Zwischen den Jahren ist Zeit, Zeit zum Nachdenken. Über die Arroganz des Nachhausekommens. Und die Romantisierung der Provinz. Über den Tunnelblick derer, die alten Bekannten, die dort geblieben sind, von wo sie geflohen sind, am Liebsten in die Wange kneifen würden, wie einem niedlichen Kind (dass auch das nicht okay ist, ist ein Fass, an deren Öffnung ich gerade nicht auch noch Interesse habe). Ich bin genau dort aufgewachsen und tue genau das, worüber dieser Tage viele schreiben: Ich kehre zwischen den Jahren zurück aufs Land. Und ja, ich lese Vice, Mit Vergnügen, Bento (ich dachte erst, das hätte was mit Bento-Boxen zu tun und habe mich nie mehr wie eine Muddibloggerin gefühlt als da), Im Gegenteil & Co. Wer frei von Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Dass das kein Qualitätsjournalismus ist, ist vermutlich unstrittig. Das ist dieser Blog auch nicht. All diese Seiten schreiben über die Generation Y. Vermutlich tue ich das auch, abstreiten würde es nur wahrer machen. Wäre ich einen anderen Weg weitergegangen, dann würde ich heute vielleicht für eines dieser Magazine schreiben. Viele von uns schreiben über ihre Innenwelt, über Ängste und Sehnsüchte, emotionale Narben und tatsächliche, übers Scheitern und Wiederaufstehen, über Serien, Bücher und Sex, über Twitter, Tinder und Snapchat, über Kinder, die Liebe und andere Verbindlichkeiten, die ziemliches Muffensausen wecken. Und über das Davor, natürlich auch über das Davor. Das Vor-der-Stadt, Vor-dem-Studium, Vor-dem-echten-Leben. Manchmal muss ich schmunzeln, wenn ich diese Artikel lese, manchmal möchte ich kotzen und jetzt, jetzt möchte ich eben selbst darüber schreiben.

Seitdem ich das letzte Mal zu Hause war, haben zwei Läden geschlossen, ein dritter macht gerade Räumungsverkauf. Das letzte Mal war ich geschätzt Anfang November zu Hause. (…) In den letzten Jahren wurden Schulen zusammengelegt, Firmen geschlossen und sämtliche städteplanerischen Vorstöße ad absurdum geführt. Die Infrastruktur liegt dermaßen am Boden, die heult nicht mehr, die ist kurz vor der Leichenstarre. Es gibt weder einen Personenbahnhof, noch sinnvoll fahrende Buslinien – wer schonmal versucht hat, mit 17 sonntags um 9 die Stadt zu verlassen, hat entweder geheult oder die Wanderschuhe geschnürt, aber in jedem Fall ziemlich gelitten. Hast du kein Auto, dann hast du nicht nur kein Auto, sondern auch keine Chance. Für mich hat es nichts Romantisches, für ziemlich viel Geld (trotz BahnCard-leider-nicht-100) mit irrsinnig langsamen Bimmelbahnen vier Stunden Öffis zu durchleiden, um nach Hause zu fahren. Es ist nicht romantisch, bei 0 Grad an einem Umsteigebahnhof ohne jedwede Infrastruktur festzufrieren, weil der Anschlusszug ausgefallen oder schon weg ist. Es ist auch nicht romantisch, sich ständig einen Abholservice zum Bahnhof organisieren zu müssen, weil die Busse alle nicht mehr fahren oder noch nicht wieder. (Eine Mitfahrgelegenheit ins Sauerland finden, das gleicht übrigens in etwa einem Jackpot.)

Natürlich gibt es Gegenstrategien: Ein Auto kaufen, im Bereich des Semestertickets studieren, das die eigene Provinz einschließt, die neue Stadt nicht mehr verlassen oder das mit dem neuen Leben einfach gleich sein lassen. Manches kann für manche funktionieren, vieles funktioniert für viele aber eben nicht. Verantwortung für Angehörige, ein Nebenjob in der Provinz, an dem das Herz hängt, ein Job in der Studienstadt, der dafür sorgt, dass man nicht endlos lange Semesterferien zu Hause verbringen kann, ein Freund*innen-Kreis, der selbst nicht so recht aus dem Dorf wegkommt, die Liebe oder schieres, ‚peinliches‘ Heimweh. Soll es alles geben, vieles ist mir davon passiert, manches nicht, nichts davon bereue ich.

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Ich habe in Gießen studiert. In einer Stadt, die weder schön ist noch hip noch von akuter Gentrifizierung bedroht. Sieht man davon ab, dass es inzwischen ein veganes Restaurant gibt, grüne Smoothies im Einkaufszentrum und auch die Mietpreise langsam steigen, wenn man von der Behausung ‚Schrank unter der Treppe‘ mäßig viel hält. Das mit Gießen und mir, das war insgesamt eher ein Versehen. Ich studiere jetzt im siebten Hochschulsemester. Hinter mir liegt ein abgebrochenes Studium in Göttingen und ein fast fertiger Bachelor in Mittelhessen. Ich hatte Zusagen aus Hamburg und Düsseldorf und kann mir die ganze Sache bis heute nicht so recht erklären. Ich war damals unter Druck, habe mich vor vollendete Tatsachen stellen lassen und bin da gelandet, wo ich nie hin wollte und geblieben. Vielleicht bleibe ich sogar länger, als ich müsste, länger, als ich je geplant hatte. Gelernt habe ich daraus eine Menge, auch, was es heißt, schon wieder dort zu leben, wo irgendwo niemand so recht hin wollte.

Wenn ich zu Hause bin, dann fahre ich die Straßen meiner Kindheit entlang und die meiner Jugend, die nicht zwingend die gleichen sind, da sich mit meiner Jugend mein Radius erweitert hat und meine Freund*innen nicht länger in meiner Straße gewohnt haben. Ich denke an Dinge, die hier passiert sind, an Momente, die mich haben Ich werden lassen, ich denke an das, über das ich hinweg bin – endlich – und an das, worüber ich immer noch kaum sprechen kann, selbst wenn ich es versuche. Ich feiere kein klassisches Weihnachten, Kirchenaustritt, Konsumkontrik, bla bla, aber ich verbringe Zeit mit meiner Familie und mit anderen Herzensmenschen, die ich zu selten sehe. Ich lade meine Akkus auf, die der mobilen Endgeräte sogar zur Abwechslung mal gratis. Ich fahre an meiner alten Schule vorbei und denke daran, wie froh ich war, als endlich vorbei war. Wie ich mit 15, 16, 17 davon geträumt habe, in die Großstadt zu gehen und niemals zurückzukehren. Wie ich mich in Zeitungsredaktionen in New York, in Paris, in London sah. Wie ich kein Problem damit hatte, eines von den uncoolen Kids zu sein, aber sehr wohl ein Problem damit, dass Gleichaltrige dachten, das müsse doch ein Problem für mich sein. Ich wollte immer weg und dann hatte ich plötzlich die Möglichkeit wegzugehen, so komplett und ganz, und fand es gar nicht mehr so reizvoll. Weil ich mein Leben in andere Bahnen lenkte und auf diesen Bahnen die Großstadt nach und nach entromantisiert wurde. Ich mag weder Schützenfest noch Kirmes noch Karneval noch andere Veranstaltungen, die dem Provinzleben so etwas wie einen Rahmen geben, aber nur weil ich lieber ins Kino, ins Theater, auf Konzerte gehe, bin ich noch lange keine höhere Spezies. Manchmal gehen übrigens sogar Menschen vom Land ins Kino, ins Theater, auf Konzerte, habe ich gehört.

Sein wir ehrlich: Die meisten von uns haben noch ein Kinderzimmer. Außer es ist daraus ein Gästezimmer geworden, in dem ein Ergometer und ein Bügelbrett stehen. Dieses Zimmer ist nichtsdestotrotz für viele die Homebase, ein Ort, an dem Zusammengebrochen werden kann, an dem man nicht länger cool und erfolgreich und gut angezogen und beliebt und undurchschaubar sein muss. Aber da sind eben auch die, die weder weiterhin ein Kinderzimmer haben, noch ein Zuhause, zu dem sie zurückkehren können. Ich habe miterlebt, wie Elternhäuser weggebrochen sind und was es für Menschen heißt, nicht mehr nach Hause zurückkehren zu können und aufgrund dieser Tatsache nicht zusammenzubrechen. Und irgendwann, ja, irgendwann müssen wir uns alle der Frage und dann auch der Tatsache stellen, was passiert, wenn wir kein Zuhause mehr haben. Ob wir aus dem Zuhause, in dem wir aufgewachsen sind, ein Zuhause für andere machen wollen oder ob wir es auflösen, den Mietvertrag kündigen, es verkaufen, je nachdem. Zuhause ist endlich und das ist scheiße. Manchmal sterben Eltern, wenn wir noch nicht 30 sind und manchmal sterben wir, wenn unsere Eltern noch weit davon entfernt sind. Ich hatte das Glück, nie so ganz ausziehen zu müssen, aber das schützt mich auch nicht vor diesen Fragen. Mein wichtigster Zimmerinhalt passt im Moment in einen Kleinwagen, mehrfach getestet, wenn ich will, dann ziehe ich morgen nach Berlin. Aber: Da sind ja schon alle und kommen an Weihnachten nach Hause, um darüber zu predigen. Sie erzählen von U-Bahnen und von Vernissagen, von Pop-Up-Stores und von „diesem kleinen Café in Kreuzberg“, vom Tempelhofer Feld und von dieser legendären WG-Party bei „…, ach, kennst du eh nicht“. Selbst wenn man selbst weggegangen ist, in die Stadt, egal in welche, ist das nur schwer auszuhalten. Manchmal ist Berlin auch Hamburg oder München oder Frankfurt, der Plot der Erzählungen ist der ewiggleiche.

Denke ich an meine Zukunft, dann sehe ich: Nichts. Nicht, weil ich keine Pläne hätte, aber da sind so viele Unwägbarkeiten. Ich bewundere die Arroganz, mit der Menschen aus der Provinz sagen, dass sie nie-nie-nie wieder dorthin zurückkehren. Andere habe ich auf Demos in diesem Tonfall „Nie wieder Deutschland“ rufen gehört und damit deutlich mehr anfangen. Ich bewundere die Unnachgiebigkeit, mit der auf Gartenzäune und auf gepflegte Rasenflächen herabgesehen wird oder auf Leute aus dem Dorf, auf Einkaufszettel, auf volle Kühlschränke und auf ein geregeltes, organisiertes Leben. Schockierend, aber: Das haben auch ziemlich viele Menschen in der Stadt. Habe ich gehört. Von einer Freundin. Diese Menschen gehen manchmal sogar Jobs mit festen Arbeitszeiten nach, die man nicht lässig im Home Office namens ICE abrocken kann – genau wie in der Provinz! Verrückt, ne?

Es ist keine Leistung, in die Stadt zu ziehen. Ebenso ist es keine Leistung, auf dem Land zu bleiben. Es ist keine Leistung zurückzukehren, keine Leistung, zwischen A und B zu pendeln, keine Leistung, sondern ein Lebensentwurf, der für manche so funktioniert und für andere nicht. Für Kreuzberg gibt es keine Bonuspunkte, genauso wenig, wie es für Oer-Erkenschwick Minuspunkte gibt. Eigentlich geht es doch nur darum, irgendwie klarzukommen.
Manchmal habe ich dennoch nicht übel Bock, zurück in die Provinz zu ziehen und „Fickt euch“ als Muster in meine garantiert gut gepflegte Rasenfläche zu mähen. Mindestens 100 Herzen auf Instagram, wetten? Aber vermutlich romantisiere ich einfach nur das Aussteigen, bei all den Artikeln über das Nachhausekommen. Diese schließen – direkt oder indirekt – damit, wie geil es ist, nach einer erholenden Exkursion in die entschleunigte Spießbürgerlichkeit, in den eigenen Kiez zurückzukehren, wo man dann das Weihnachtsgeld von Oma in New Balance Schuhe, einen Herschel Rucksack und den Rest der Uniform investiert.

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2 Comments

  1. Kein Zuhause mehr haben? Das trifft bei mir zu. Seit 1999 in Fernost. War 21 als ich weg bin. War in den ersten 10 Jahren zweimal „zu Hause“, danach etwas öfters, wegen Arbeit, jetzt wieder weniger.
    Jeder sucht im Ausland was anderes. Freiheit, Geld, Arbeit, Herausforderung, oder auch einfach nur sich selbst und seine Grenzen.
    Zu Hause, im Sinne von Heimat, das ist meiner Definition nach der Ort, an den man denkt, wenn man sagt: „als ich klein war“, oder „damals“. Klar, für jeden ist das der Ort, an dem man die meiste Zeit seiner Kindheit verbracht hat.
    Aber es gibt da interessanterweise auch noch eine zweite Heimat. Das ist mir vor ein paar Jahren bewusst geworden. Weil ich schon so langer im Ausland bin, liegen natürlich auch meine ersten Eindrücke von hier mittlerweile schon so lange zurück, dass sie das Prädikat „damals“, „als ich noch jung war“ erhalten haben. Und wenn ich heute zurückblicke auf diese uralten Erinnerungen meiner ersten Auslandsjahre, dann habe ich das Gefühl, ja dieser Ort ist auch meine Heimat, hat mich geprägt, ist mit mir gewachsen. Wir haben uns beide verändert. Ich und dieser Ort hier (wo, das sage ich jetzt nicht, ist aber auch irrelevant). Weil gleichzeitig die „erste Heimat“ noch weiter in die Vergangenheit und ins Entfernte gerückt ist, deswegen erscheint dieses zweite Heimatsgefühl sogar noch realistischer.

    Also, alles nur gemacht und relativ, dieses ganze Heimatsgedödel.

    Beste Grüße

  2. Irgendwie ist es so gesehen praktisch, keine emotionale Bindung an einen Ort zu haben, den man Heimat nennen würde. Klar gibt es da Menschen, zu denen man eine Verbindung hat, aber die ist losgelöst von diesem romantischen Konzept der Heimat. Irgendwann nach den Irrwegen durch Hessen und das Rheinland dann wieder in der Stadt der Kindheit zu landen, ist auch mehr irgendwelchen Kindheitserinnerungen und „die Famile wohnt eh da“ geschuldet als dem Coolness Faktor von einer Großstadt in Südhessen. Vielleicht auch dem Trotz, was man denn jetzt noch in diesem failed state im Osten soll, wo da doch eh jeder Arsch und sei Mutter hinzieht? So gesehen kann ich vielleicht einfach nicht nachvollziehen, was Menschen dazu treibt das Martyrium auf sich zu nehmen, trotz abwesender Infrastruktur die Famile auf dem Land zu besuchen. Vielleicht auch nicht, weil meine Familie einfach am anderen Ende der Linie 12 lebt.

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