Ein Freitagabend.

Freitagabend, irgendwann im November, ich sitze in einem vollgestopften Wohnzimmer, es geht um Flüchtlinge, wie so oft geht es um Flüchtlinge. Ein Abend wie jeder andere. Ein Abend, an dem mein Gegenüber sich nicht traut, das zu sagen, was er wirklich denkt, weil so schon große Streits und lange Funkstillen begonnen haben. Weil schon der Satz „Ich glaube, ich gehe jetzt besser, weil ich mich sonst vergesse“ gefallen ist und ich mich nie dafür entschuldigt habe. Ich habe in diesem Wohnzimmer gelernt, für etwas einzustehen, ohne vor Wut loszuheulen. Ich habe viele Wuttränen geweint, vorher. Nicht mehr.

„Ich möchte mich nicht von meinen Kindern fragen lassen müssen, wo ich bitte 2015 war, als das alles passiert ist“, sage ich irgendwann im Laufe dieses Freitagabends, ich sage allgemein viel, ich erzähle von meinen letzten Wochen und werde nicht unterbrochen. Ich erzähle davon, was ich jetzt bei der Grünen Jugend mache und davon, was ich mir für die Kinder wünsche, die ich im Moment ein Stück ihrer Kindheit begleiten darf und ich überlege laut, warum ich im Studium so wenig zu Traumapädagogik gelernt habe. Ich sage, dass ich mich vor Geschichtsvergessenheit fürchte und davor, dass Hass erfolgreich als salonfähige Meinung empfunden wird. Mein Gegenüber schweigt. Mein Gegenüber ist schwerhörig und für manche Dinge sowieso taub, manchmal weiß ich nicht, wie viel Sinn mein ewiges Monologisieren überhaupt hat. Vermutlich hat es mich auf das Halten von Reden und Referaten vorberietet und das ist doch auch was wert, wenn ich schon nicht ändern kann, dass der Hass auf alles Fremde auch da schwelt, wo ich ihn nicht auflodern sehen will: In meinem ganz persönlichen Umfeld. Das Private ist politisch, sage ich mir und fahre nach Hause. Wie kalt es plötzlich geworden ist.

IMG_0292

Der Abend wird noch länger. Später sitze ich in dem Wohnzimmer, in dem ich meine halbe Kindheit verbracht habe, in dem ein wenig die Zeit still stehen geblieben ist, wo vergangene Ichs von Fotos in die Runde lächeln, wo ich sein darf, wie ich bin, wo ich geworden bin, wie ich sein darf. Fußball läuft im Hintergrund, mein Vater guckt interessiert hin, am nächsten Tag sagt er, er habe einen Knall gehört und sich kurz gewundert, aber im Fußballstadion knalle es ja inzwischen häufiger. Wir anderen waren so sehr ins Gespräch vertieft, dass wir nichts gehört haben. Reden wir manchmal zu viel von uns selbst, ohne nach links und rechts zu schauen? Ist das ein Teil des Problems? Nach der ersten Halbzeit geht mein Vater schlafen, wir reden weiter. Ich kämpfe gegen die Müdigkeit, der Tag war lang, die Woche sowieso. Ich habe am Mittag ein Referat gehalten, für das ich eine 1 bekommen habe. Thema: „Was ist Religion?“, nach Schleiermacher. Ich habe ein gutes Referat gehalten, augenscheinlich, aber was Religion ist, das weiß ich immer noch nicht. Ich bin nicht religiös erzogen worden, im Gegenteil. Müsste ich eine Selbstbezeichnung wählen, würde ich mit Agnostikerin vermutlich richtig liegen. Im Feedbackgespräch mit dem Dozenten lobt er meine Art des Vortragens und verspricht mir völlig euphorisch, mir im Bezug auf die Anwesenheitspflicht entgegenzukommen, als ich erzähle, dass in den nächsten Wochen immer mal Termine für die Grüne Jugend anstünden, die mit meinem Fernbleiben im Seminar resultieren würden. Wir einigen uns darauf, im Laufe des Semesters über Kompensationsleistungen zu sprechen und ich starte beschwingt ins Wochenende. Wie viel Laub von den Bäumen kommt, auf einmal, es wird vermutlich doch Winter und die Wärme der letzten Tage war trügerisch.

Knapp zwei Autostunden trennen mich noch von zu Hause, morgens saß ich schon auf dem Weg zur Uni knapp eine Stunde im Auto. Mobilität hat dafür gesorgt, dass sich mein Leben aktuell regelmäßig an vier verschiedenen Orten abspielt und dass ich auch sonst viel unterwegs sein werde. Als ich erzählte, dass ich nach Offenbach ziehen würde, habe ich Gesichtszüge entgleisen sehen. Anscheinend schickt es sich nicht, in die Stadt mit dem anscheinend „höchsten prozentualen Ausländeranteil“ zu ziehen. Bisher wurde ich weder belästigt, noch überfallen – ich fühle mich eher davon gestört, dass im Rewe am Marktplatz immer Securitymenschen herumstehen und regelmäßig Taschen kontrollieren wollen. Meine Tasche wollte noch nie jemand kontrollieren und ständige (nicht einmal zielführende) Sicherheitskontrollen machen mir Angst.
Ich denke darüber nach, wie es sein muss, nicht mobil sein zu dürfen, während ich die schmalen Landstraßen entlangfahre, die mich von zu Hause trennen. Wie es sein muss, eingegrenzt zu sein, ab- und ausgewiesen zu werden, verfolgt zu sein. Ich habe mich noch nie wirklich unfrei gefühlt, ich kann nur Vermutungen anstellen, die mit tatsächlichen Erfahrungswerten nicht vergleichbar sind. Wenn ich mir also vorstelle, dass mein Leben in Gefahr ist, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, und dass mir dann Menschen sagen, dass ich davor nicht fliehen darf, werde ich wütend. Wütend und panisch und ungläubig. „Dann sollen sie doch für ihr Vaterland kämpfen, diese Feiglinge“, liest man immer wieder. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die, die so tönen, entweder als erstes auf der Flucht wären oder tot. Asyl ist ein Menschenrecht, das es zu verteidigen gilt, denke ich, als ich durch den Regen nach Hause fahre und mich auf eine Umarmung und eine große Tasse Kaffee freue und mir vornehme, endlich meinen „Refugees welcome“-Pullover zu waschen.

Ich weiß nicht genau, was das erste war, das uns über die Geschehnisse in Paris informierte. Eine Nachricht in der Messenger-App Telegram, glaube ich, aber es verschwimmt alles diffus. „Es ist etwas in Paris passiert“, war das erste, was ich sagen konnte, ohne etwas zu wissen. Wir haben den Fernseher wieder eingeschaltet und wurden von Chaos und Unklarheit begrüßt. Wir haben Artikel gelesen und Tweets, ich habe Nachrichten von Menschen bekommen, die es auch alles nicht fassen konnten und ich habe getwittert. Über meinen Schock und meine Hilflosigkeit. Ich twittere seit 2009, für mich ist Twitter ein Ventil, eine Möglichkeit der Kompensation. Ich ärgere mich über automatisierte Tweets der Medien (Deutschland unterliegt Frankreich 0:2, buhu, mimimi) und über nicht automatisierten Dünnschiss, den Rechte bereits wenige Minuten nach der Bekanntgabe erster Toter absondern. Die Willkommenskultur sei schuld, das hätte Frau Merkel davon und diese ganzen linksversifften Gutmenschen sowieso, die würden schon noch alle sehen, was sie davon hätten, wenn sie sich den Terror vor die Haustür holten. Ich zittere, atme dann meine Wut weg, besinne mich darauf, was mein Job als „linksversiffter Gutmensch“ ist und versuche, mich auf die Menschen zu konzentrieren, die wirkliche Informationen aus Paris haben und auf die, die deeskalativ dafür eintreten, dass solche Taten – zu dem Zeitpunkt ist noch nicht einmal klar, aus welcher Richtung der Terroranschlag kommt, was überhaupt genau in Paris los – unbedingt von Flüchtlingen abzugrenzen sind.
Eigentlich hatte ich an diesem Abend früh schlafen gehen wollen, wenige Minuten vor den ersten vagen Informationen aus Paris war ich kurz davor gewesen, mich hinzulegen. Ich bin froh, das, was in Paris passiert ist, nicht verschlafen zu haben, auch wenn ich kaum hinsehen konnte und das Konzept „einsame Selbstversorgerinnenwaldhütte“ mal wieder präsenter in meinem Hinterkopf wurde. Froh deshalb, weil ich gegenhalten konnte und mich zeitnah informieren konnte. Und weil ich froh war, mit so einem Schock nicht direkt nach dem Aufwachen völlig unvorbereitet und allein umgehen zu müssen. Um halb 3 bin ich vor meinem Laptop eingeschlafen, mit der Angst, dass die Ereignisse gegen Flüchtlinge genutzt werden würden im Kopf und der Hoffnung im Bauch, dass gerade das nicht passieren würde und, im Gegenteil, Empathie entstehen würde, weil man eine Fluchtursache unzähliger Flüchtlinge so direkt mitansehen konnte: Terror. Terror, der Islamismus ist, aber nicht der Islam. Wer immer noch nicht verstanden hat, dass die Gleichung „Islam = Terror“ falsch, abscheulich und verachtenswert ist, dem kann ich an dieser Stelle auch nicht weiter helfen und nur raten, die Chance nicht zu verschenken, sich zu bilden und dadurch zu lernen, zu differenzieren und Informationen vor einem fundierten Hintergrund einzuordnen. Islamismus ist zum Kotzen, der Islam ein fester Teil unserer Gesellschaft. (Dies ist nicht als Christian Wulf Zitat zu verstehen.)

Ich war noch nie in Frankreich, noch nie in Paris, aber wenn ich dort in naher Zukunft hinreisen möchte, dann hält mich das, was an diesem 13. November passiert ist, nicht davon ab. Hätte ich keine terminliche Überschneidung, wäre ich Mitte Dezember zu den Protesten rund um die Klimakonferenz, die nach aktuellem Stand definitiv stattfinden wird, gefahren. Ich werde mich nicht davon abhalten lassen, zu feiern, zu trinken, zu umarmen, zu protestieren, zu vergeben, zu vögeln, zu widersprechen, zu tanzen und auch nicht davon, anderen Menschen meine Hände zu reichen. Gerade Flüchtlingen, die vor genau dem Terror fliehen, der Paris erneut erschüttert hat. Ich will meine Hände nicht in meinen Jackentaschen verstecken, zu Fäusten geballt, und die Fresse halten, während der rechte Mob das tut, was er am Besten kann: Fakten so lange umzudeuten, bis sie für ihn funktionieren und arbeiten. Der 13.11.2015 ist ein Tag, der vermutlich für immer im kollektiven Gedächtnis bleiben wird. Vor allem wegen der Geschehnisse in Paris, aber auch wegen der vielen Toten andernorts, etwa in Beirut oder Damaskus. Wir sollten nicht zulassen, dass die Toten von Paris genutzt werden, um Grenzen (noch weiter) zu schließen, das Anzünden von Flüchtlingsunterkünften zu legitimieren oder eine bunte, offene und friedliche Gesellschaft, die sich entschieden gegen Terrorismus stellt, als Gefahr umzudeuten. Ich will nicht zulassen. Und ich werde nicht.

Mareike hat hier sehr lesenswert ebenfalls von ihrem Freitag geschrieben und mich erst auf die Idee gebracht, meine Gedanken in dieser Form zu sammeln.

(Bild via Plastikblume.)

Advertisements

3 Comments

  1. Danke.
    Danke von einem Offenbacher, der es als Errungenschaft ansieht, dass in ’seiner‘ Stadt das Zusammenleben der Kulturen doch ziemlich gut funktioniert und die -gidas hier und beim großen westlichen Nachbarn Frankfurt keinen Fuss auf den Boden bekommen sondern höchstens in den A…

    Gruß
    Sascha

  2. Danke, danke, und liebe Grüße von einer Wahldresdnerin, die manchmal nicht mehr weiß wohin mit all der Wut und Enttäuschung und Angst. Angst davor, dass noch mehr Menschlichkeit verloren geht.
    Manchmal möchte ich mich am liebsten vergraben. Ich bin müde. Ein ganzes Jahr lang jeden Montag auf Demos gehen und frieren und sich heißer schreien und nie, wirklich auch nie, zahlenmäßig an PEGIDA heranzukommen, das macht unglaublich müde. Und dann kommen Nachrichten wie die vom 13.11. und ich stehe irgendwo in Sachsen auf einem Berg, schaue in den Sonnenaufgang und denke, scheiße, und ich denke, jetzt erst recht. Egal, wie müde ich bin.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s