Weil man sich nicht mehr kennenlernen kann.

“I no longer have the energy for meaningless friendships, forced interactions or unnecessary conversations. If we don’t vibrate on the same frequency there’s just no reason for us to waste our time. I’d rather have no one and wait for substance than to not feel someone and fake the funk.” ― Joquesse Eugenia

Ich habe dich an die Hand genommen und dir mein Leben gezeigt und du hast gelacht und auf Grenzen gedeutet, die ich ohne dich niemals gesehen hätte. Mein Leben war für dich wie eine Schutzmauer um etwas, das eher einen ideellen Wert hatte. Vielleicht war ich es sogar, dieser ideelle Wert, für dich. Ich bin kein ideeller Wert, möchte ich schreien. Ich bin der Jackpot, möchte ich schreien. Ich hätte deine Hand gehalten, möchte ich schreien. Was ich tue ist: Heulen. Ich war keine Rucksacktour in Südostasien und kein Masterprogramm in Peru. Ich war keine ungeplante Weltreise und auch kein Ein-Mann-Zelt, in dem man problemlos zu zweit schläft. Ich war nicht unverbindlich und spontan, sorglos und voller Sonnenschein aus dem Arsch. Ich wollte einfach nur die Sie in deinem Wir sein und deine Erlaubnis, deine Wertschätzung, dein Ja.

Du warst wie eine Seifenblase. In dem einen Augenblick tanztest du um mich herum, umschmeicheltest du mich, aber kaum, dass ich nach dir greifen wollte, platztest du. Was ich tun möchte, wenn ich daran denke. Platzen. Vor Wut. Die Schillernde-Seifenblasen-Phase ist längst vorbei und zwar sowas von. Die letzten Seifenblasen hast du vor meiner Nase zwischen deinen Handflächen platzen lassen.

Ich höre nicht auf, mir Sorgen um dich zu machen. Wenn du traurige Lieder auf Facebook teilst, obwohl wir da längst nicht mehr befreundet sein sollten. Aber ich will nicht die Kontrolle verlieren, schon gar nicht über dein Nach-Mir. Restkontrolle 2.0. Deine Kanäle sind meine Farewell-Tour.

Vielleicht hätte ich deine Päckchen mit dir getragen, die Geschichten hinter den traurigen Songs und den Fotos, bei denen du aus der Kamera guckst und jemanden an, der nicht da ist, niemals da sein wird (nie wieder?), aber du hast nie darum gebeten und meine Angebote immer als Einmischung missverstanden. „Geht schon“, hast du gesagt und mich zum Abschied gedrückt. „Brauche ich nicht“, hast du gesagt und die Tür geschlossen. „Reicht dann auch echt mal“, hast du fast gebrüllt und mich von dir weggeschoben und die Tür nicht mehr geschlossen, sondern zugeknallt, als mein Jackenzipfel noch dazwischen hing. Die Verletzungen, die ich mit mir rumschleppe, sind weitaus drastischer als eine gerissene Jacke, aber du wolltest meine Päckchen vergleichsweise so ungern tragen, wie ich deine gern getragen hätte. „Wird schon wieder“, sagtest du zu meinem Scheitern. „Oarrr, stell dich doch nicht so an“, sagtest du zu meiner Traurigkeit. „Muss das jetzt sein?“, fragtest du zwischen zusammengebissenen Zähnen, wenn dir meine Gefühle mal wieder so gar nicht passten.

Irgendwann habe ich mal in mein Tagebuch geschrieben: „Ich sehe was, was du nicht siehst und das sind wir miteinander in 40 Jahren“. Weißt du was? Diese Vision hat inzwischen Grünen Star. Das Bild, das ich von dem, was zwischen uns hätte sein können, hatte, ist so verschwommen, wie das, was ich nach dem sechsten Cocktail noch sehe. Ja, das habe ich probiert. Mehrfach. Hat auch nicht geholfen. Aber immerhin habe ich all das ausgekotzt, was sich wegen dir in einem riesengroßen Klumpen in meinem Magen aufgestaut hatte. Ich habe dich ausgekotzt, aber mein Kopf hat das noch nicht so ganz verstanden. Wie wird man Kopfkotze los, ohne sich das Herz rausreißen zu müssen?

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7 Comments

  1. Niemand in diesem Internet, aber sich wirklich niemand hat die Fähigkeit mich mit seinen Texten so zu berühren, wie du es tust. In den letzten Jahren hast du mir so manchen schönen Moment, manchmal auch ein paar Tränchen, aber ganz viel Lesefreude geschenkt. Es klingt immer so fangirlig, aber du sollst ja auch nicht vergessen, dass es Menschen gibt, die deine Bücher irgendwann kaufen mögen. Ich danke dir dafür! ❤

  2. Kopfkotze und Rest-Kontrolle 2.0 sind die Worte, die es für mich perfekt beschreiben. Auch wenn die Gefühle schon lange vorbei sind, die schönen genauso wie die wütigen, bleiben trotzdem Überreste, die man (noch?) nicht wegkriegt.

  3. Der letzte Satz hat mich überrascht und kurz erstarren lassen. Er hat irgendwie dieses Schmetterlingskribbeln in meinem Bauch erzeugt. 🙂

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