„Fremde nicht mögen ist hier Mannschaftssport“

 

Seitdem ich mit Kindern arbeite, staune ich wieder. Ständig. Ich staune mit ihnen über Bagger („BAGGER!“ „Ja, guck mal, der buddelt da vorne ein Loch, damit wir bald einen Rasen vor der Tür haben.“ „BAGGER! BAGGER!“ „Ich glaube, das ist ein Kipplader.“ „BAGGER!“), über Tiere (inzwischen kann ich so ziemlich jedes Tier imitieren, falls es dazu ein Partyspiel gibt: ich gewinne), über Blaulicht und Sirenen, über Geräusche und Gefühle, über Ursache und Wirkung. Oft staune ich mit ihnen, obwohl es für mich eigentlich nichts mehr zu staunen gibt, weil ich erfassen kann, was für sie ein Wunder ist. Aber worüber ich dieser Tage immer wieder staunen muss, ohne eine Antwort geschweige denn ein Lösung zu kennen, das ist Hass.

Ich lese im Moment viel und wenig ist erhellend. Ich lese um 5 Uhr morgens, wenn ich noch im Bett liege, die ersten Schlagzeilen, was in den letzten Stunden passiert ist. In der letzten Nacht. (Ich stehe so früh auf, weil mir noch niemand den Job weggenommen hat – haha haha. Ha.) Ich lese von brennenden und blockierten Flüchtlingsunterkünften. Ich lese von in U-Bahnen angepinkelten Kindern. Ich lese Hass, Hass, Hass. Manchmal kontere ich. Selten mit Antworten (nicht mehr, das Nervenkostüm, immer dünner, ihr kennt das), eher mit der Meldung von Hassbotschaften. (Spoilerwarnung: Die Erfolgsquote geht gegen 0.) Es gibt Tage, da raucht mir der Kopf vor lauter Wut und Resignation, vor lauter Informationsoverload und Filterbubble. Manchmal verirrt sich etwas in meinen Facebook-Feed, woran ich mich stoße. Ein Fitnessstudioselfie, ein „Ich nehme am Schützenfest Dorf-kennt-eh-kein-Mensch-teil“-Klick, ein lustiges Tiervideo. Ich möchte nicht verurteilen, dass anderswo geteilt wird, als wäre auf den Straßen gerade kein Terror. Aber es fällt mir schwer.

Ich lese aber auch viel Solidarität. Ich lese Texte, die appellieren: An uns, an unsere Empathie, an unser Handlungspotenzial, an unsere Verantwortung. (Leider lesen die sie nicht. Die, die anzünden, die übergriffig sind, die hassen um des Hassens Willen. Und wenn sie sie lesen, dann, um Kommentare zu hinterlassen, die ihren Hass verschriftlichen.) Ich lese Tweets, in denen sich vernetzt wird, in denen ein Austausch stattfindet, wer wann wo wie und womit helfen kann. Ich sehe, wie im Internet zwar viel Hass reproduziert wird, aber auch, wie viel Gutes in Gang gerät. Dieses Gute darf aber unter keinen Umständen nur schriftlich sein, nur verkopft, nur in den Untiefen des World Wide Web. Es darf nicht untergehen zwischen YouTube-Tutorials zu Flechtfrisuren und Fotos von nässendem Ausschlag, zwischen Mediatheken voller Trash-TV und meinen eigenen Accounts, die in den letzten Jahren Geschichten erzählt haben, die in der Perspektive, eingeordnet im großen Ganzen, ziemlich an Bedeutung verlieren. Dieses Gute muss stattdessen in die Straßen, vor die Flüchtlingsheime, in die Fressen der Arschlöcher.

Manchmal kann ich Gespräche nicht überhören. Im Bus, in der Bahn, an irgendwelchen Haltestellen. Als Pendlerin hat man es nicht leicht, wenn man nichts hasst, außer den Hass. Ich muss immer wieder daran denken, was ich erlebt habe, als ich noch so wohnte, dass ich täglich mit dem Bus fuhr, der auch an der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge hielt. Hieran zum Beispiel. 10.000 Menschen sind aktuell untergebracht, wo ursprünglich eigentlich nur Platz für 500 gewesen ist. Weiße Babyboomer stehen mit ratloser Miene vor Mikrophonen und tun das, was sie am Besten können: Nichts. Ich will nicht sehen, wie Angela Merkel übergriffig Flüchtlingsmädchen streichelt, die sie am Liebsten übermorgen abgeschoben hätte, zurück in deren ach so sichere Herkunftsländer. Ich will auch nicht mehr mit ansehen müssen, wie Angela Merkel um ihre eigene Verantwortung herumkrebst, schweigt und wegsieht. Ich finde es gut, dass die ARD zitiert, was Angela Merkel lange gesagt hat: „…“. Was sie auch jetzt noch sagt, obwohl sie extrem darum bemüht ist, etwas zu sagen. Man kann so wenig sagen, auch wenn da lauter Worte sind, die unbeholfen aus einem herausbrechen.

Ich bringe Kindern täglich mein Verständnis von Gerechtigkeit bei. Mein Verständnis von Gerechtigkeit ist ziemlich simpel: Ich wünsche mir eine Welt, in der alle Menschen auf Augenhöhe miteinander leben – ganz gleich, wo sie herkommen, welcher Geschlechtsidentität sie sich zugehörig fühlen, wen und wie sie lieben, welcher Religion sie angehören. Ich wünsche mir, dass die, die viel haben auch viel geben. Ich wünsche mir Solidarität und eine ausgestreckte Hand, wenn man selbst stabil genug steht, um nicht einmal ins Straucheln zu geraten, wenn man anfängt, ein ziemlich großes Paket mitzutragen. Eine Flucht ist keine Kaffeefahrt und wer das immer noch nicht verstanden hat, der tut mir leid.
Ich möchte meinen eigenen Kindern nicht irgendwann erklären müssen, warum ich damals nichts getan habe, im Sommer 2015. Warum ich weggesehen habe. Warum ich zugelassen habe, was gerade passiert. Warum ich darauf gehofft habe, da möge jemand kommen, der das schon alles richten würde. Ich möchte keine Fatalistin (mehr) sein, nicht auf eine Obrigkeit hoffen, die für mich handelt. (Wie gehandelt wird, das beweisen Volksvertreter*innen seit Wochen: ziemlich bescheiden.) Und deswegen habe ich beschlossen, dass ich mehr tun will, als einfach nur Dinge im Internet teilen und selbst ins Internet schreiben. Ich weiß, dass das geschriebene Wort viel bewegen kann, vielleicht sogar dieser Artikel, vielleicht aber eben auch nicht und genau deswegen reicht mir persönlich das einfach nicht mehr. Ich will nicht nur Handlungsanweisungen schreiben und meine Wut mit euch teilen, ich will etwas ändern. Etwas besser machen.

Auf dem Personalfoto, das im Flur unserer Kita hängt, trage ich einen „Refugees Welcome“-Pullover. Ich bin dankbar, dass ich so zur Arbeit gehen darf, wie ich bin: Mit meinen Idealen, meinen Träumen, meinem Weltbild. Und ich bin dankbar, dass ich mein Bestes geben darf, kleine Menschen darin zu festigen, zu akzeptieren. Sich, ihr Gegenüber und vor allem das, was von anderen als „abartig“ konstruiert wird. Als ich diesen Artikel lese, muss ich daran denken, was ich tagtäglich seit zwei Jahren erlebe: Kinder verschiedener Nationalitäten leben, spielen, lachen, lernen, singen, tanzen, teilen, essen, kuscheln, malen, wachsen miteinander. Sie bringen einander Stofftiere und Schnuller, wenn sie sehen, dass der andere weint und traurig ist (eine Leistung, die ich schon mehrfach bei kaum 1,5-Jährigen beobachten konnte) und halten einander die Hand, wenn beim Einschlafen Mama oder Papa ganz arg vermisst werden. Warum halten wir nicht Menschen die Hand, die ihr Heimatland vermissen oder gar die Menschen, die sie dort zurücklassen mussten, die sie auf der Reise verloren haben, über die sie nicht sprechen können und um die sie auf der Flucht kaum trauern konnten? Warum spenden wir, wenn schon Trost kaum möglich ist, dann nicht zumindest das, was wir nicht mehr brauchen, was aber noch so gut ist, dass es anderen beim Aufbau einer neuen Existenz behilflich sein kann? Warum begegnen wir einander nicht wieder ein bisschen mehr wie die Kinder? Wann haben wir verloren, offen zu sein für Fremdes, das einfach nur neu ist und nicht bedrohlich? Wann haben wir gelernt, zu ignorieren, wenn jemand leidet, anstatt mit großen, aber wach- und achtsamen Augen sofort zur Stelle zu sein und die naheliegendsten Hilfsmaßnahmen anzubieten? Wann sind wir so ignorant geworden? Und wann haben wir zugelassen, dass Menschen Menschen hassen, als wäre das eine Leistung, und stolz auf ihr Land sind, aus dem es gilt alles Neue herauszuhalten, als wäre das eine Leistung?

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Aktion #bloggerfuerfluechtlinge entstanden, die ich ziemlich großartig und unterstützenswert finde und wenn jetzt einer mit mir darüber diskutieren möchte, ob es okay ist, dass Fashionblogmädchen plötzlich politisch werden, dann sei gesagt: Nein, die Diskussion führe ich nicht. Genauso wenig, wie ich darüber diskutieren möchte, was Til Schweiger, Joko & Klaas und Co tun oder lassen dürfen. Ich bin der Meinung, dass jeder Mensch, der bereit ist, seine Reichweite für diese Sache zu nutzen, ein Mensch ist, den wir für diese Sache brauchen. Gerade Menschen wie Til Schweiger sprechen Menschen an, die wir aus unserer Filterbubble hinaus kaum zu erreichen vermögen. Jedenfalls halte ich meinen Einfluss auf Keinohrhasen-Fans für relativ begrenzt. Ich finde es wichtig und richtig, dass in Tagesthemen-Kommentaren klar Stellung bezogen wird. Ob ich Claus Kleber weinen sehen wollte? Nein, eigentlich nicht, aber geschadet hat es nicht. Genauso wenig, wie ich es für nötig halte, den vierjährigen Niklas, der sagt, in seiner Kita sind nur Kinder, keine Ausländer, durchs Internet zu feuern. Aber: Alles, was niedlich ist und der Sache dient und niemandem schadet, ist vermutlich genau das, was die Generation Onlinepathos benötigt, um zu verstehen. Wenn es der Sache dient, dann hoppele ich für Flüchtlinge im Hasenkostüm durch die Einkaufsstraße und verteile Zuckerwatte und Eiskonfekt, auch wenn das eigentlich eher meinem Naturell widerspricht.

Liebes Internet, in all den Jahren, in denen ich nun schon blogge hast du mich selten enttäuscht. Ich kann mich an keinen einzigen ernsthaften Hasskommentar erinnern und eine Handvoll kritische (da war mal was mit „Lobpudelei“, was fast schon putzig war, und eine E-Mail, in der mir eine Leserin schrieb, früher sei irgendwie mehr Lametta gewesen). Vielleicht ist es jetzt an der Zeit. Aber: Das hier ist mein Tanzbereich. Und hier wird nur für Flüchtlinge getanzt. 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag: Refugees welcome.

Zum Weiterlesen – Artikel, die mich die letzten Wochen beschäftigt haben. Oder die mich inspiriert haben.
11 Möglichkeiten, wie du Flüchtlingen schnell und unkompliziert helfen kannst
Wie kann in Frankfurt konkret geholfen werden?
Ihr wollt Kleider spenden? So geht’s! (Dass Menschen böhse onkelz Shirts spenden – ohne Worte.)
Den Langenscheidt Deutsch-Arabisch/Arabisch-Deutsch gibt es jetzt gratis.
Warum Flüchtlinge Smartphones haben.
Heidenau. Nicht ein Täter sitzt in Haft.
Heidenau, Freital, Nauen: Es ist deutsch in Kaltland.
Warum wir die Grenzen öffnen müssen, erklärt ein Migrationsexperte.
Kann man angesichts der LaGeSo-Situation noch Journalist sein?
Christa schreibt über gute Menschen und Gutmenschen.
Mareice schreibt über ihr spontanes Engagement am LaGeSo. Und darüber, was sie nicht weiß.
Karens Wut ist auch meine Wut.
Angelika berichtet, dass an allen Ecken Hilfe benötigt wird.

weitere Links folgen ggf.

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8 Comments

  1. Wirklich ein ganz, ganz toller Post! Du sprichst mir aus der Seele.. so viel Hass auf der Welt, in Deutschland, vor der eigenen Haustür.. es ist grausam und eklig!!!

  2. Liebe Mirka,
    danke, danke, danke. Als zugezogene Dresdner Studentin gehe ich seit einem Jahr gegen sogenannte „besorgte Bürger“ auf die Straße, doch die erscheinen mir vergleichsweise harmlos gegen die Flut an schlechten Nachrichten, die uns jeden Tag erreichen. Auch ich liege jeden Tag um fünf im Bett (nicht job-, sondern gewohnheitsbedingt allerdings) und lese Nachrichten, und ich bemerke, ich stumpfe ab. War es jetzt das Boot mit 400 oder das mit 700 Leuten, welches gekentert ist? Diese Woche, letzte Woche, letzten Monat? Oh, ein Anschlag auf ein Flüchtlingsheim – wo jetzt genau wieder? Diese Woche gab es täglich neue Angriffe. Es ist zum Verzweifeln.
    Ich weiß nicht, ob du diesen Artikel hier gelesen hast:
    http://www.zeit.de/gesellschaft/2015-08/rechte-gewalt-fluechtling-sachsen-pegida/komplettansicht, er hat mich sehr nachdenklich und pessimistisch gestimmt. Ich halte den angesprochenen Aspekt für zu kurz gekommen in der Debatte, wie man mit rechten Terroristen umgeht. Die Debatte, ob wir Menschen ihr Grundrecht auf Asyl gewähren oder nicht und ob wir das ganze Asyl Missbrauch nennen oder nicht, dürfte es meiner Meinung nach nicht geben.
    Die besten Grüße, und danke fürs Position beziehen.
    Mara

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