Bis sie es dann plötzlich war.

Bildschirmfoto 2015-08-16 um 17.45.57

Das war keine Beziehung, das war eine Katastrophe in Serie gewesen. Eigentlich hatte sie immer an sein Nichtdasein denken müssen. Wenn er tatsächlich weg war, aber auch, wenn er bei ihr war und das war das Schlimmste: Jemandem vor dem geistigen Augen gehen sehen, den man gerade so fest in den Armen hielt, dass man Angst hatte, er bekäme keine Luft mehr. Und keine Lust.
Sie hatte sich oft gefragt, wann sie wohl über ihn hinwegsein würde; jedenfalls nicht, solange die Auto-Korrektur noch seinen Namen vorschlug. Sie war so lange nicht über ihn hinweg gewesen, bis sie es dann plötzlich war. So einfach. So schwer.

Jeder Mann hatte ihr eine Band dagelassen, war ihr irgendwann aufgefallen, als sie in einer langen Novembernacht versucht hatte, ihre Tochter in den Schlaf zu schaukeln und der iPod plötzlich Sigur Rós shuffelte und sie an ihn denken musste. Schon die ersten Takte hätten sie warnen müssen, damals, ihr Kopf auf Jacobs Brust, ihre Gedanken in den Wolken, ihre Sorgen schwer im Magen. Tonia war eingeschlafen, als sie die Kopfhörer ausgestöpselt und sie mitgenommen hatte, auf eine musikalische Reise in die Vergangenheit. En biðin gerir mig leiðan brot hættan sparka frá mér. Die Worte lösten etwas in ihr aus, ohne dass sie ihre Bedeutung verstand. So war das mit Jacob auch gewesen und das war seine Waffe gewesen.

Wirklich über ihn hinweggewesen war sie erst, als Marlon in ihr Leben gestolpert war und auf dieser Party davon gefaselt hatte, dass er Grundschullehrer sei und dass er fand, dass sie aussah wie eine Neele und garantiert selbst Kleider nähen würde (tat sie nicht), Dinge einweckte (hasste sie) und noch SMS schrieb (das taten noch Menschen?). Sie hatte es an diesem Abend nicht ganz verstanden, aber er wirkte, als hätte sie ihm das Herz gebrochen, als sie sich ihm vorgestellt hatte und ihre Vorstellung sich nicht mit der seinen abglich. Fast hatte sie sich entschuldigen wollen. Für ihren Namen, für die Sache mit Nestlé, für das, was sie ihm vielleicht antun würde, weil sie zum ersten Mal das Gefühl hatte, dass nicht sie es war, die dem anderen ihr Herz bereitwillig vor die Füße warf.

Nach Jacob und vor Marlon war sie vorsichtiger geworden. Weil Jacob so gegangen war, wie er gekommen war: Mit einem Knall und voller Desinteresse. Die Männer nach ihm hatten Namen, aber kaum Bedeutung. Henning. Tom. Und Roman. Roman hatte mehr gewollt und sie ein intaktes Herz. Sie hatte sich zwei Sommer und einen halben Herbst durch die Stadt geheult, geschlafen und getrunken und war immer wieder auf Jacob gestoßen, der in Bars gestanden hatte, in denen sie nie gemeinsam gewesen waren. Der plötzlich auch morgens einkaufte, in dem Bioladen, aus dem sie immer das Frühstück geholt hatte und er die Zutaten für das Abendessen, weil er gerne ausschlief und sie auf ihrem Heimweg von der Arbeit nicht am Laden vorbeikam. Der auf einmal, zwar mit dem Hinterkopf zu ihr, drei Meter entfernt in der U-Bahn stand. Jacob, der zwar aus ihrem Leben verschwunden war, aber eben nicht aus seinem. Fast wäre sie weggezogen, im Winter, der dem Herbst gefolgt wäre, in dem ihr dann Marlon passierte. Plötzlich hatte Jacob aufgehört zu existieren, obwohl sie sich drei Tage später bei ihrem Hausarzt getroffen hatten (ernsthaft?) und sie hatte zum ersten Mal Hallo gesagt, seit dieser einen Nacht. Er war überrascht gewesen und hatte ihr und ihrer Sommergrippe eine gute Besserung gewünscht und da war nichts mehr in ihr gewesen, außer Dankbarkeit, dass es endlich vorbei war.

An dem Abend, als Marlon sich davon überzeugte, dass sie keine Neele war, lernten sie beide eine wichtige Lektion: Marlon, dass er die Geschichten, die er zu Menschen im Kopf hatte, vielleicht besser auf Papier bannte, anstatt sie seinem Gegenüber aufzubürden. Und sie, dass sie bereit wäre, für diesen unbedarften, witzigen, tollpatschigen, mutigen und lebenshungrigen Mann alles zu sein, was sie sich nicht zu sein traute – vielleicht sogar ein bisschen Neele.

Auf dem Heimweg – alleine, aber seine Nummer in ihrem iPhone – hatte sie, unangemessen übertrieben grinsend in der stinkenden U-Bahn sitzend, zum ersten Mal seit vielen Wochen auf die Nachrichten-App getippt und nicht groß nachgedacht. Endlich wieder nicht. Auf SMS können wir uns einigen. Deine Anti-Neele. So hatte es begonnen und bis heute nicht geendet. Von Bands hatte Marlon keine Ahnung und das war vielleicht auch ganz gut so.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s