Du warst nicht beige.

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Ich bin Architekt, ich denke in klaren Kategorien. Gerade und schief. Haus und Wohnung. Altbau und Neubau. Marode und intakt. Fertig und in Arbeit. Hell und dunkel.
Seit deinem Verschwinden gibt es nur noch zwei gültige Kategorien: Davor. Und Danach. Sie sind klar von einander getrennt, als hätte ich eine rote Linie mitten auf den Boden gemalt.

Und dann bist du einfach verschwunden.
Ich meine damit nicht, dass du eine Tasche gepackt hast oder gar einen Turm voll Umzugskartons, dass du deinen Wohnsitz umgemeldet und irgendwo ein neues Leben aufgenommen hast, ein Leben ohne mich, aber mit dir.
Nein, du bist verschwunden, im aller rudimentärsten Wortbedeutungssinne, und ich bin nicht sicher, ob du überhaupt noch im Stande bist, ein Leben mit dir zu führen. Ob du noch lebst, will ich damit sagen.
Es war ein Dienstag wie jeder andere. Dienstage sind irgendwie seltsam bedeutungslos, findest du nicht auch? Nie passieren spannende Dinge, nie gibt es etwas zu feiern, selten verliert man seinen Job an einem Dienstag. Wäre der Dienstag eine Farbe, dann wäre er beige.
Du bist… du warst nicht beige. Kein Bisschen an dir war beige. Nicht das Strahlen in deinen Augen, nicht deine Haare, nicht deine Klamotten und schon gar nicht dein Wesen. Du hast gefunkelt, Menschen haben sich nach dir umgedreht. Du warst mutig und entschlossen, hast verrückte Dinge getan, wolltest jede sich bietende Erfahrung mitnehmen. Keine Ahnung, warum du dann ausgerechnet bei mir hängengeblieben bist. Ob du unsere Beziehung ab einem gewissen Punkt auch als Hängenbleiben empfunden hast.
Irgendwo habe ich gelesen, dass in mindestens dreißig Prozent aller Verschwindens- und, ja, letztendlich dann auch Mordfälle, Liebe das Tatmotiv war. Deswegen habe ich Stunden in Verhören verbracht, in den ersten Tagen. Deine Spuren verloren sich irgendwann am späten Dienstagnachmittag, als ich noch bei der Arbeit war. Danach war ich zu meinen Eltern gefahren, was die Nachbarn bezeugen konnten, die mich um 17 Uhr das Gartentor durchqueren sehen hatten. Um 21 Uhr 49 hatte mich die Überwachungskamera der Tankstelle drei Straßen weiter erfasst. Eine halbe Stunde später hatte mich meine Nachbarin nach Hause kommen gehört, in unsere Wohnung. Ich bin kein sonderlich leiser Mensch und irgendwie scheine ich mein ganzes Leben lang von Nachbarn umgeben zu sein, die auf der Lauer liegen. Warum lag niemand auf der Lauer, als du verschwandest? Warum war ich nicht da, um das zu verhindern?
Ich hätte dich irgendwann verschwinden lassen können, irgendwann dazwischen, aber nichts deutete darauf hin. Ich hatte dich vermisst gemeldet, am Mittwoch, nach einer schlaflosen Nacht, zahlreichen Anrufen auf deinem Mobiltelefon. Da hatte die Polizei noch gesagt, es würde schonmal passieren, dass Menschen sich eine Auszeit nähmen. Du seist ja 25. Ich solle mit deiner Familie und deinem Freundeskreis sprechen, bestimmt sei das alles nur ein dummes Missverständnis. Ich hatte wieder angerufen, wenig später, und deutlich gemacht wie untypisch das alles für dich sei und dass niemand dich gesehen habe. Dass wir alle in Sorgen seien, dass du keine Anrufe entgegen nähmest. Das endlose Klingeln machte mich schier wahnsinnig. Du warst immer gegen Mailboxen gewesen und deswegen konnte ich in diesen dunklen Stunden, denen noch viele weitere folgen sollten, nicht einmal Halt in deiner Stimme finden. Ich hatte Ermittler bereitwillig unsere Wohnung und mein Auto und ein bisschen auch mein Seelenleben durchforsten lassen. Ich war unschuldig, da waren sie sich irgendwann ziemlich sicher, doch der Vorwurf, ich könne es gewesen sein, der etwas mit deinem Verschwinden zu tun hat, der schmerzt immer noch. Noch heute habe ich Angst, deine Eltern oder gemeinsame Freunde könnten genau das insgeheim denken. Insgeheim darauf warten, dass eines Tages herauskommt, dass ich es doch war und dass ich dich in den nächsten Fluss geworfen habe. „Seine Augenbraue hat so verdächtig gezuckt“ würden sie sagen, „Ich habe dem von Anfang an nicht getraut“ würden sie raunen, „Es ist doch immer der Partner“ würden sie ausspucken.
Ich weiß nicht, ob du tot bist, aber ich weiß eben auch nicht, ob du noch lebst. Manchmal habe ich das Gefühl, ich weiß gar nichts mehr, ohne dich. Du warst alle meine Gewissheiten und die hast du mitgenommen, als du gegangen bist. Gehen musstest.(?)

Die Ermittlungen der Polizei waren nicht ergebnislos, das sind sie nie. Die gleiche Nachbarin, die mich hatte heimkommen hören, hatte dich, an diesem Dienstag im Mai, gegen 8 die Wohnung verlassen hören. Das war untypisch. Du arbeitetest gerade an deiner Bachelorarbeit, fleißig, aber selten vor 11 Uhr morgens. Du warst eher ein Nachtmensch. Dass du überhaupt diesen Bachelor machtest, darauf warst du sehr stolz. Du warst ein Arbeiterkind, in deiner Familie waren alle praktisch veranlagt, arbeiteten gerne mit ihren Händen, setzten auf Sicherheit. Tief in deinem Herzen warst auch du eher eine Praktikerin, vielleicht warst du deswegen auch erst auf Umwegen an die Uni gekommen. Du hattest nach dem Realschulabschluss die Schule verlassen, eine Ausbildung zur Hebamme gemacht, nach der Ausbildung ein Jahr in einer Praxis mitgearbeitet und dann hattest du dich, was alle überraschte, für das Abitur an der Abendschule angemeldet. Es sei dir nicht leicht gefallen, sagtest du immer, aber du hattest es gemeistert und mit 22 schließlich das Abitur in der Tasche. Dann hattest du angefangen, Literaturwissenschaft und Erziehungswissenschaft zu studieren und du hattest gelesen, immerzu. Man sah dir an, wie viel Freude dir Lernen machte, wie wenig dich vage Antworten und Behauptungen befriedigten, du wolltest immer mehr und lernen, du branntest für dein Studium. In deiner Bachelorarbeit ging es um den Einfluss von Märchenmotiven auf Kinderbuchbestseller der letzten zehn Jahre. Zwei Wochen vor deinem Verschwinden hattest du gesagt, du stecktest fest, du könntest einfach keine Überleitung zwischen deinen verschiedenen Forschungsergebnissen herstellen, das würde doch alles zu nichts führen. Du hast sie nie zu Ende schreiben, deinen Wissensdurst nie stillen können.
Um 8 Uhr also hast du die Wohnung verlassen, eine Stunde nachdem ich mich auf den Weg zur Arbeit gemacht hatte. Wo warst du hingefahren? Diese Frage beschäftigte auch die Polizei länger. Bis man dein Auto fand. Es stand auf einem gesperrten Rastplatz zweihundert Kilometer von unserer Wohnung entfernt. Zweihundert Kilometer. Auf einem gesperrten Rastplatz. Kurz vor Österreich. Was hattest du da gewollt? Und vor allem: Warum?

Eine Quittung von Netto fand sich im Seitenfach der Fahrertür. Schokolade, ein Tetrapack Wein, Taschentücher, zwei belegte Brötchen von der Bäckertheke im Laden, sechs Halbliterflaschen Wasser. Dein letzter Einkauf hatte knapp 15 Euro gekostet. Du warst ein sehr sparsamer Mensch. Du kauftest nie belegte Brötchen, weil du meintest, zu Hause könne man sie viel kostengünstiger belegen. Was auch stimmte. Da sprach wohl ein wenig das Arbeiterkind aus dir. Warum hattest du zwei belegte Brötchen gekauft und warum warst du auf dem Weg nach Österreich?
Wie gesagt: Manchmal hast du verrückte Dinge getan, aber: Österreich? Das passte nicht zu dir. Du wärest ans Meer gefahren. Selbst um dich umzubringen, wärest du ans Meer gefahren.

Die Polizei hat dann auch diese anderen Fragen gestellt. Ob du depressiv, oder zumindest traurig gewesen seist. Du. Ausgerechnet du. Nein, habe ich fast geschrieben, nein! Das seist du nie und nimmer gewesen! Du, WIR, seien glücklich gewesen. Vielleicht hätte ich dich nach dem Uniabschluss gefragt, ob du meine Frau werden willst. Aber was wusste ich schon? Du hast nicht viel über deine Gefühle gesprochen, du hast kein Tagebuch geführt, dein Computer gab nichts her, außer Unidokumente, ein paar Vertragsabschlüsse – Mobilfunk, Autoversicherung -, Mails von Freunden, zu denen du schon länger keinen Kontakt mehr hattest. Du warst jemand, der nicht viele Menschen brauchte, du warst dir selbst genug und manchmal frage ich mich, was dich dazu gebracht hatte, etwas in mir zu sehen, das es mich wert machte, mich in diesen innersten Zirkel aufzunehmen. Vielleicht, weil wir uns ähnlicher waren, als man auf den ersten Blick dachte. Vielleicht, weil ich ein wenig beige und du sehr schillernd warst, wir im Kern aber kaum mehr als uns selbst ertrugen.
Man hat uns auch gefragt, ob du bedroht wurdest. Ob es irgendetwas in deiner Vergangenheit gab, das dich und dein Leben in Gefahr bringen könnte. Prostitution. Eine gewaltsame Beziehung. Drogen. Du warst ein unschuldiger Mensch, das habe ich gesagt und im doppelten Sinne gemeint. Du warst unschuldig insofern, dass du niemals eine Straftat begangen hättest, aber du warst auch unschuldig. Du hattest mit wenigen Männern geschlafen, vor mir. Mit zweien. Mit beiden hattest du eine Beziehung gehabt. Wir schliefen zum ersten Mal miteinander, da kannten wir uns bereits zwei Monate. Nicht, dass das Gegenteil ein Problem gewesen wäre. Du hättest mir alles erzählen und offenbaren können, meine Schultern hätten liebend gerne deine Tiefen getragen, deine Experimente und Verfehlungen, dein Scheitern und dein Umluftringen, doch entweder gab es das nicht oder du hast mich einfach nie so weit vordringen lassen.

Die ersten Wochen hingen noch überall Plakate mit deinem Foto und Tatsachen. Maria Katharina Schiller, 169 Zentimeter, geboren am 13. Februar, 25 Jahre, Studentin. Blaue Augen, blonde, schulterlange Locken. Mutmaßlich zum Zeitpunkt des Verschwindens in einem schwarzen Parka gekleidet. Helle Jeans, ein schwarzer Unikapuzenpullover. Die Sachen, die du auch am Tag vor deinem Verschwinden getragen hattest und die nicht mehr über dem Stuhl im Schlafzimmer hingen. Dein schwarzer Rucksack fehlte auch. Diese Tatsachen wurden dir nicht im Mindesten gerecht. Weil ich die Facetten kannte, das Subjektive an dir, dein Lächeln nach dem Aufwachen, das Beben deiner Schultern, wenn du weintest, deine Laute beim Sex und beim Anblick von Tierbabys.

Du bist weg und so viele Fragen sind offen. Werde ich jemals Antworten bekommen? Und wenn ja: Werde ich dann endlich weitermachen können? Oder, anders: Ist mit dir auch meine Zukunft verschwunden? Ich habe immer gedacht, das alles mit dir erleben zu werden. Heiraten, Kinder kriegen, ein Haus bauen, einen Hund haben, alt werden, im Seniorenheim um das letzte Stück Streuselkuchen streiten. Ich habe uns gesehen und gehofft, du hättest ähnliche Bilder vor Augen. Was waren deine letzten Bilder – oder siehst du immer noch welche, nur bloß ohne mich?
Du hast eigentlich nie Raum für Zweifel gelassen. Dass diese Utopie einseitig sein könnte, dass du nicht die sein wolltest, die mit mir diesen ganzen Erwachsenenquatsch ausprobierte, über den wir noch vor wenigen Jahren abfällig gelacht hatten – das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Du hast gesagt „Wenn wir mal Kinder haben,…“ und „Ich glaube, wir sollten irgendwann ein Haus kaufen.“ Natürlich war das vage, voller Später und Irgendwanns, aber es war ein Plan und keiner, den ich dir aufgezwungen oder untergejubelt hätte. An langen Sonntagen haben wir über die Namen für unsere Kinder diskutiert – Emil und Amelie, das war der Plan, und dann wollten wir weiterschauen – und die Vorteile von einer Fußbodenheizung diskutiert. Dass du zehn Jahre jünger warst, hat nie eine Rolle gespielt. Dass ich zehn Jahre älter war auch nicht. Manchmal glaube ich, du warst sogar die Vernünftigere von uns beiden. Du hast mehr von dem wenigen, was du hattest, gespart, als ich von der ordentlichen Summe, die mir im Monat zur Verfügung stand. Du hattest sogar ein Festgeldkonto. Verbindlichkeiten machten dir keine Angst. Harte Arbeit auch nicht. In der Zeit, die wir uns kannten, hast du in verschiedenen Nebenjobs gearbeitet. Du hast gekellnert, auf Kinder aufgepasst, in den Semesterferien in einem Büro ausgeholfen, Geburtshilfekurse an der Volkshochschule geleitet und manchmal, ja, da hast du sogar alles gleichzeitig getan. Du hast selten mehr als sechs Stunden geschlafen und warst trotzdem der ausgeschlafenste Mensch, den ich kenne. In der Vorlesungszeit hat man dich kaum stillsitzen sehen, immer warst du auf dem Sprung irgendwo hin – außer sonntags, der Sonntag hat immer uns gehört. Ich glaube manchmal, du wärest eine gute Chefin geworden. Du konntest gut organisieren und anleiten, delegieren und an den richtigen Stellen auch mal auf den Tisch hauen. Dein Einfühlungsvermögen und dein Gespür für den richtigen Ton taten ihr Übriges. Neben dir fühlte ich mich manchmal wie ein Junge. Obwohl ich der war, der sein Studium bereits abgeschlossen hatte und irgendwann das Architekturbüro seines Chefs übernehmen würde. Vermutlich hätte ich unser ganzes Leben lang mehr verdient als du und am Ende wäre es dennoch deine Arbeit gewesen, die mehr gezählt hätte, mehr wert gewesen wäre. Ich gab Menschen vielleicht ein Zuhause, aber du wolltest ihnen eine Chance geben.

Du warst eine Stressesserin. Vor Prüfungen aßest du Schokolade und Chips, als würde in den nächsten Tagen die Hungersnot auch bei uns Einzug halten. Du teiltest dein Essen nicht gerne, außer, du hattest im Vorfeld kalkuliert, dass jemand mitessen würde, dann botest du großzügige Portionen feil. Kochen konntest du gut, du hattest es von deiner Mutter als Jugendliche gelernt und hinterher die Hausmannskost, die du von zu Hause kanntest, gegen mediteranere Speisen ausgetauscht. Auch wenn du das immer geleugnet hättest: Dein Gewicht war dir nicht egal. Nach Wochen des Stressessens, fastetest du eine Weile und danach gab es irgendwelche abenteuerlichen Salatkombinationen, Fisch- und Geflügelgerichte und keinen Nachtisch. Mich hast du selten kochen lassen, vielleicht, weil ich zu viel Öl benutzte und in etwa sieben Gerichte beherrschte, die ich immer und immer wieder kochte. Dafür habe ich die Wäsche gemacht, mich hat es seltsam beruhigt, schmutzige Wäschestücke zu sortieren – nach Farben, Kochwäsche, Socken, Handwäsche -, mit dem richtigen Waschmittel zu behandeln, aufzuhängen, von der Leine zu nehmen und hinterher zusammenzufalten. Wir waren beide Menschen, die klare Strukturen und Schemata mochten und mussten uns nie über Unordnung streiten, denn die gab es in unserer Wohnung nicht. Als uns einmal ein befreundetes Paar besuchte, scherzte er „Ihr hättet aber nicht so penibel für uns aufräumen müssen“ und wir haben uns erstaunt umgesehen und dann verstohlen gelacht. Ordnung war für uns kein Feiertagszustand und deswegen kann ich dir irgendwie nicht verzeihen, dass seit deinem Weggang nichts mehr an seinem Platz ist.

Du warst ein sehr pflichtbewusster Mensch. Du hast die Kehrwoche nie vergessen, während ich in dieser Woche meist mit besonders dreckigen Schuhen durchs Treppenhaus gebollert bin. Sogar betrunken hast du dich noch abgeschminkt und das Kleid zum Lüften an einem Bügel an die Tür des Kleiderschrankes gehängt. Manchmal glaube ich, du hättest sogar bei einem Hausbrand erst noch schnell dein Bett gemacht, bevor du dich hättest evakuieren lassen. Meine Schwester nannte das das „Bree Van der Kamp“-Syndrom. Mein bester Freund hat mal spekuliert, du sähest vermutlich nur ein Projekt in mir und wenn du mich und mein Leben durchsortiert hättest, dann würdest du woanders weitermachen. Hattest du am 13. Februar etwa das Gefühl, dein Auftrag in meinem Leben sei getan?

Als ich dich mal fragte, warum du ausgerechnet Hebamme geworden warst, wie überhaupt jemand mit 16 auf die Idee kam, Kinder auf die Welt holen zu wollen, hast du mich lange angesehen und dann gesagt: „Nicht jeder hat Angst vor Verantwortung.“ Andere haben dich oft gefragt, warum du nicht das Naheliegendste getan und ein Medizinstudium aufgenommen hättest. „Ich mag Babys“, hast du dann gesagt, „Menschen, die mag ich irgendwie nicht so gerne.“ Manchmal glaube ich, dass es aber eher der Tod war, den du nicht mochtest. Jedes Mal, wenn du von der ersten Todgeburt, die du begleiten musstest, erzählst, hast du Rotz und Wasser geheult und dich an mir festgehalten, als wäre dir gar nicht klar, dass ich dich niemals loslassen würde, außer du würdest es verlangen.

Es spielte für dich keine Rolle, was andere über dich dachten: Sie kannten dich eh nicht. Privat warst du ein unauffälliger Mensch. Du standest nicht gerne im Mittelpunkt, du hattest wenig soziale Kontakte und sprachest nicht gerne über dich und deine Interessen. Fremden machtest du manchmal sogar Glauben, du hättest keine – keine Interessen. In den höchsten Tönen lobten dich hingegen jene, die dich beruflich kennen gelernt hatten (du verstecktest unten im Kleiderschrank einen Karton mit Geburtskarten der Babys, denen du auf die Welt geholfen hattest und mit Dankesbriefen ihrer glücklichen Eltern), die mit dir zur Schule gegangen waren oder studierten. Eltern beschrieben dich als einfühlsam, kreativ und viel erwachsener, als man anhand deines Geburtsjahres annehmen müsste. Ehemalige Mitschüler, auch wenn ich nur wenige kennen gelernt hatte, attestierten dir einen unbändigen Ehrgeiz, der aber niemals dazu geführt hatte, dass du anderen geschadet hättest. Kommilitonen mochten deine Art zu diskutieren, Seminare mit deiner Präsenz auszufüllen, dich an Absprachen zu halten, wenn es um Referate ging.
Ist dir vielleicht auch aufgegangen, dass ich so einen Menschen wie dich gar nicht verdient habe? Ich könnte es dir nicht verübeln. Manchmal halte ich es ja kaum mit mir selbst aus.

Im krassen Gegenteil zu deiner Unauffälligkeit stand das, was du manchmal tatest, ohne groß darüber zu sprechen: Bunt geringelte Strumpfhosen tragen. Mit ein paar Antifa-Leuten faule Eier an das Haus der schlagenden Studentenverbindung werfen, obwohl du sonst eher unpolitisch rüberkamst. Eine weinende, fremde Frau in der U-Bahn umarmen. Der Postbotin in Unterwäsche öffnen. Dem Hausmeister einen Kuchen backen. Trotz Höhenangst Fallschirmspringen gehen. Für einen Halbmarathon trainieren. Deswegen, und nur deswegen, habe ich manchmal Zweifel. Zweifel, dass du einem Verbrechen zum Opfer gefallen bist. Vielleicht wolltest du einfach nur mal rauskommen, für ein paar Tage, und bist beim Wandern abgestürzt?

Es deutete nichts auf ein Gewaltverbrechen hin, aber es gab eben auch nichts, das dieses eindeutig ausschließen konnte. Vermutlich hattest du keinen Tramper mitgenommen, zumindest fanden sich keine Spuren in deinem Auto. Doch warum hattest du auf diesem Parkplatz gehalten? Warst du zu Fuß weiter? Aber ohne dein Handy? Das lag neben der Netto-Quittung, im Seitenfach deiner Tür. War der Akku schon leer gewesen, als du das Auto zurückgelassen hattest oder zurücklassen musstest? Dein Rucksack war verschwunden, die Polizei wertete das als gutes Zeichen – anfangs. Vermutlich seist du losgewandert, irgendwohin. Es wurde geprüft, ob an deinem Auto (unverschlossen zurückgelassen, sehr untypisch) ein Defekt vorlag (natürlich nicht). Dein Geldbeutel musste sich in deinem Rucksack befunden haben, aber es hatte keine Kontobewegungen gegeben, seit diesem Dienstag, was die Polizei als schlechtes Zeichen wertete – natürlich. Was war auf diesem Parkplatz passiert? Was war passiert, das dich dorthin gebracht hatte? Was war mit uns passiert und was mit dir? Manchmal wache ich nachts schreiend auf, weil ich davon träume, was mit dir passiert sein könnte. Und manchmal, da wache ich nach einem schönen Traum auf, will mich an dich kuscheln, ihn mit dir zusammen weiterträumen – und dann, dann ist da einfach nur Leere. Meine schlimmsten Albträume schreibt die Realität.

(Inspiriert zu diesem inzwischen ziemlich genau drei Jahre altem Text wurde ich, als ich in einer freien Stunde wahllos Wikipediaartikel zu unter mysteriösen Umständen verschwundenen Personen las und mich das Verschwinden von Maura Murray einfach nicht mehr losließ. Ein Verschwinden, das bis heute ungeklärt blieb. Dieser Text ist all denen gewidmet, die verloren gingen und denen, die zurückblieben.)

(Bild via Great Beyond.)

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5 Comments

  1. Der Text hat mich echt mitgenommen. Wunderbar geschrieben, sehr fesselnd. Ich fühle mit diesen Menschen, die solch ein Schicksal schon ertragen mussten.

    Liebe Grüße
    Charlie

  2. Wow, ein wirklich toll geschriebener Text, unglaublich herzergreifend! Es muss furchtbar sein einen Menschen zu verlieren und ihn nicht wieder zu finden, nicht zu wissen was passiert ist, warum der Mensch verschwunden/gegangen ist.. Ich glaube es ist schon grausam, wenn jmd, den man liebt stirbt, aber nicht zu wissen was mit dieser Person passiert ist.. :/ Mag ich mir nicht ausmalen sowas..

  3. Boah. Das war jetzt wirklich fies. Ich hab mir beim Lesen nämlich einige Male gedacht „Hm, was für eine unsympathische Person“ – ich weiß nicht genau, was das ausgelöst hat, aber wahrscheinlich die Heteroidylle gemischt mit der Reinlichkeit. Da hat mich die „Auflösung“ gleich doppelt getroffen. Stilistisch fand ich den Einsatz der verschiedenen Zeitformen etwas merkwürdig, aber wahrscheinlich hast du es einfach nur richtig gemacht und ich bin genau das nicht gewöhnt. 😉 Von der Wortwahl und dem sonstigen Stil her find ich den Text nämlich sehr gelungen und freue mich, hoffentlich bald mehr von dir zu lesen!

    1. Dein Kommentar hat mich sehr gefreut. Ich muss sagen, dass ich den Protagonisten selbst eher unsympathisch finde und weder mit ihm, noch mit ihr in meinem Privatleben etwas würde zu tun haben wollen. Genau deswegen war es mir wichtig, mal so eine Geschichte zu erzählen – oft fehlt mir sonst ein bisschen die Distanz zu meinen Figuren, ich mag sie zu gerne, ich verstehe sie zu gut, ich bin zu sehr wie sie und umgekehrt. Ich versuche auf jeden Fall, wieder mehr zu schreiben – es tut nämlich so, so gut!

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