Happy Midyear VI.

2. Juli 2015. Sechs Monate gelebt. Happy Midyear.

Nachdem es in der letzten Zeit hier eher ruhig war, ist es an der Zeit für einen Beitrag, der inzwischen schon als Blog-Tradition zu verstehen ist: Mein Midyear-Post, mein Jahres-Zwischenresümee. Es ist schon wieder so viel passiert, zum einen im letzten halben Jahr, zum anderen aber auch in der Zeit, die zwischen dem letzten und diesem Midyear liegt.

Gerade ist viel los – mal wieder, schon wieder, wie immer; wie auch immer. Das Semester liegt in den letzten Zügen, mein letztes richtiges Präsenzsemester an der Uni. Im kommenden fünften Semester warten noch zwei Wochenend-Blockseminare und ein einziges Präsenzseminar mit relativ strenger Anwesenheitspflicht auf mich. Das sechste Semester ist komplett frei und steht unter anderem zum Schreiben meiner Thesis zur Verfügung. Meine Studienorganisation war zwar teilweise ziemlich anstrengend, aber es hat sich ausgezahlt, besonders in den beiden zurückliegenden Semestern häufiger mal die Zähne zusammenzubeißen und Mehrfachbelastungen so gut es ging mit geballten Fäusten entgegenzutreten. Dass die nächsten beiden Semester nun quasi frei vor mir liegen, ist ein Geschenk, von dem ich noch nicht ganz sicher bin, wie ich es nutzen werde. Im Moment sind noch viele Pläne in der Schwebe, es gibt verschiedene Wege, die ich einschlagen kann und diese Wege liegen so diffus vor mir, dass ich das Gefühl habe, sie erst gangbar machen zu müssen (Gestrüpp mit einer Machete wegschlagen? Fliegen lernen? Drunter wegtauchen?). Bevor ich über sie sprechen kann und vor allem auch, bevor ich sie guten Herzens begehen kann – die Wege, die vermutlich nur auf mich warten. Ich muss mich aktuell für so viel entscheiden, dass es mir schwer fällt, mir vor Augen zu führen, wogegen ich mich eigentlich gerade im gleichen Atemzug entscheide. Jedes Ja ist auch ein Nein und das aushalten zu lernen, ist vermutlich das, was mich die nächsten Monate am meisten beschäftigen wird.

Die letzten Wochen waren vor allem eines: Verflucht anstrengend. Dank semi-guten Zeitmanagements, musste ich Ende Mai zwei Hausarbeiten innerhalb von drei, vier Tagen in die Tasten hauen und nebenbei versuchen, einen Umzug auf die Beine zu stellen. So viel ist währenddessen liegen geblieben, gerade auch das Internet, obwohl ich so gerne viel geschrieben hätte und die Ideen oftmals Achterbahn in meinem Kopf gefahren sind. „Ich habe im März dem WG-Leben den Rücken gekehrt. Hoffentlich endgültig, aber das kann man ja nie so genau wissen.“ schrieb ich vor ziemlich genau einem Jahr. Diesen Beitrag schreibe ich aus einem 13 Quadratmeter großen WG-Zimmer in Laufnähe zur Uni, für das ich nicht einmal 200 Euro zahle. Ansonsten war ich eingebunden in drei Weiterbildungen und Schulungen, von denen zwei sich gerade dem Ende neigen. Meine Tagespflegequalifizierung schließe ich am Mittwoch mit einem Kolloqium ab, wo ich innerhalb von 3 Minuten erzählen, wie mein pädagogisches Konzept als Tagespflegeperson (mit dem Wort Tagesmutter tue ich mich etwas schwer) aussähe. Ich werde vom Mitbestimmungsrecht der Kinder erzählen, von Partizipation. Von „Hilf mir dabei, es selbst zu tun“. Vom lebenspraktischen Ansatz. Von Sicherheit von Achtsamkeit. Von Rücksichtnahme und Geborgenheit. Ich werde von veganem und glutenfreien Essen erzählen, von meinem Wunsch Kinder nicht mit einem festgefahrenen Tagesrhythmus einzuengen, ihnen aber dennoch haltgebende Rituale zu ermöglichen. (Wenn ich noch etwas Zeit habe, dann erzähle ich auch, dass ich meine Tagespflegegruppe Bullerbü nennen würde, weil ich Astrid Lindgrens Vorstellung von Kindheit liebe und dass ich von einem riesengroßen Bällebad träume.) Und ich werde erzählen, was ich kann und warum man genau mir seine Kinder anvertrauen sollte. Dass ich das Selbstbewusstsein habe, mich vor eine Gruppe zu stellen und das genau benennen zu können, gibt mir jeden Tag aufs neue Bestätigung darin, das ich mich für den richtigen Weg entschieden habe. Ich hoffe, dass ich das in Zukunft auch über alle Weggabelungen, an denen ich mir aktuell etwas ratlos die Beine in den Bauch stehe, sagen kann. Schön war auch, dass wir am Mittwoch in der Abschlusssitzung der Tagespflegequalifizierung eine „Ermutigungsdusche“ gemacht haben. Alle sieben Teilnehmerinnen haben den anderen Teilnehmerinnen auf Zettel geschrieben, was sie im Rahmen des Kurses an den anderen zu schätzen gelernt haben. Ich schrieb vor Twitter auf einer Weile, dass ich mir wünsche, dass mehr Menschen bereit sein, Komplimente anzunehmen, anstatt sie mit einer eigenen Abwertung von sich zu weisen. Ich habe mich jedenfalls sehr gefreut über die Worte, die widerspiegeln, wie mich meine Kolleginnen in den letzten 5 Monaten und 160 Stunden Qualifizierung erlebt haben: „Du bist der Kopf der Gruppe“, „Du sprichst so ein hohes Deutsch, ich konnte viel von dir lernen“ (besagte Teilnehmerin lebt noch nicht lange in Deutschland und lernt noch fleißig Deutsch), „Du bist immer hilfsbereit gewesen“… Diese Worte ermutigen mich tatsächlich, gelassen ins Abschlusskolloqium zu gehen, im Rahmen dessen wir uns nicht nur selbst präsentieren sollen, sondern auch pädagogisches Fachwissen anwenden müssen. Ich freue mich – was für einen Menschen, der vor seiner mündlichen Abiprüfung vor Angst fast gestorben wäre, echt ein ganz schöner Sprung ist. Für einen Menschen, der in seinen ersten Unisemestern lieber 15 Seiten Hausarbeit geschrieben hat, als ein Referat zu halten. In keinem Jahr zuvor konnte ich so gut den Finger darauf legen, wo ich massiv dazugelernt habe, wie in diesem. Ich glaube manchmal, meine Tätigkeit als Mentorin für die neuen Erstsemester im vergangenen Jahr hat mich ein bisschen entfesselt und hat viel in Bewegung gesetzt. Noch vor zwei Jahren war es undenkbar, dass ich mich in einem vollen Hörsaal melde und erzähle, was mir durch den Kopf geht. Dass ich meine Gedanken laut werden lasse. Wer mich kennt, der weiß, dass ich oft Zweifel an meinem Studium habe, dass ich es oft als zu weit von der Praxis entfernt empfinde, aber eines habe ich gelernt und schon dafür wird es sich immer lohnen, studiert zu haben: Mich zu äußern. Das Studium hat eine noch reflektiertere Person gemacht, eine, die versucht, Quellen kritisch zu hinterfragen, das Für und Wider abzuwiegen, allem Hand und Fuß zu verleihen. Auf meinen Schultern fechten aktuell Engel und Teufel aus, ob ich nicht doch noch etwas studieren will – noch einen Bachelor, vielleicht doch irgendwann einen Master. Mein Wissensdurst ist noch nicht gestillt, aber andererseits weiß ich nicht, ob mein Panzer dick genug ist, um mich noch weiter über universitäre Strukturen zu ereifern. (Wir erinnern uns: So viele Weggabelungen! So viele Jas und Neins und hoffentlich irgendwann keine Vielleichts mehr!)

In den letzten Wochen und Monaten ist außerdem etwas ziemlich Bemerkenswertes geschehen: Meine Aussöhnung mit Gießen. Dass ich hier gelandet bin, war eine etwas überstürzte und kopflose Entscheidung, eine, die ich mehr als einmal bereut habe, vor allem am Anfang. (Jetzt, wo mein Studium fast geschafft ist, kann ich es ja erzählen: Im 2. Semester lag ein ausgefüllter Studienortwechselantrag in meiner Schublade, den ich erst vor einigen Monaten seufzend weggeworfen habe.) Mir war hier alles zu eng, zu unpolitisch und das ist es auch heute oft noch. Neulich etwa bin ich von einer flüchtlingspolitischen Veranstaltung nach Hause gegangen und habe die letzten Stunden so lange zerdacht, bis mir auffiel, was mich eigentlich so gestört hat: dass mir das alles irgendwie nicht links genug war. Ich erinnere mich daran, wie ich vor vielen Jahren hierüber ein wenig verhalten kicherte:

Sagen wir so: Ein gar nicht mal so kleines Bisschen erkenne ich mich darin wieder. Auch wenn mein politischer Aktivismus aktuell ziemlich eingeschlafen ist (hey, Grüne Jugend Menschen, weiß man schon, wann und wo der Herbst-Bundeskongress stattfindet?).
Ich kann gar nicht so genau sagen, warum ich das Gefühl habe, irgendwie angekommener in Gießen zu sein, als noch vor einem Jahr oder gar vor knapp zwei Jahren. Ich habe hier immer noch keinen riesengroßen Freundeskreis, sondern eher ein solides Bekanntennetzwerk – das mir aber auch reicht. Wie sehr ich an meinen Davor-Freundschaften hänge, denen, die schon da waren, bevor ich anfing, zu studieren, merke ich immer wieder. Ihnen muss ich nicht die ganzen Geschichten, die sich zu dem Päckchen, das ich zu tragen habe, aufsummiert haben, erzählen – sie kennen sie, denn sie waren dabei. Sie haben meine Hand gehalten, mal tatsächlich, mal aus der Ferne, wenn es mir schlecht ging. Sie haben mir gesagt, dass alles wieder werden würde. Sie hatten recht und sie kennen jede meiner Narben, jeden meiner Höhenflüge, jede Landung, sei sie noch so hart oder sanft. (Und es tut weh, dass nicht mehr alle dabei sind, die am Anfang dabei waren. Gar nicht mehr oder nicht mehr in dem Umfang, in dem sie es einst waren. Manchmal ist Erwachsenwerden ein Arschloch.) Ich will das nicht alles nochmal neu erzählen müssen, außer dem Menschen, der sich vorstellen kann, mein Mensch zu werden. Dieser eine Mensch, der bereit ist, sein Päckchen mit meinem zu addieren und es gemeinsam weiterzutragen. (Noch hat er sich mir nicht vorgestellt, fürchte ich. Ich wäre bereit, denke ich.)
Ich weiß nicht, wie lange ich noch in dieser Stadt wohnen werde, mit der ich so zu kämpfen hatte. Auf jeden Fall bis nächsten Sommer, vielleicht auch darüber hinaus. Es gibt gute Jobmöglichkeiten in Frankfurt, aber Frankfurt ist nicht meine Stadt, schon gar nicht zum Wohnen. Jedes Mal wenn ich in Frankfurt einfahre, betrachte ich mit gemischten Gefühlen die ganzen Hochhäuser und sehne mich nach einem Haus im Grünen mit Gemüsegarten oder zumindest einem verdammten Rasenstück. Vielleicht gehe ich im Herbst 2016 doch noch nach Berlin, für eine Weile (erzählt mir bitte keine Geschichten über all die Menschen, die mal eben ein paar Jahre nach Berlin gehen wollten und dann nie wieder weggekommen sind…), vielleicht geht es wieder näher nach Hause, vielleicht mehr dahin, wo Herzensmenschen wohnen… Ich bin in der glücklichen Lage, als angehende Erzieherin gerade in Ballungsräumen die Wahl zu haben. Es gibt genug Krippenjobs, auf die ich mich bewerben kann. Vielleicht kommt auch alles ganz anders und ich kriege tatsächlich dauerhaft eine Vollzeitstelle in der Krippe, in der ich seit Anfang des Jahres ziemlich glücklich arbeite. In den Sommerferien probiere ich jedenfalls schonmal aus, wie sich so eine Vollzeitstelle anfühlt – und wenn alles gut läuft, bleibt es zum Herbst auf jeden Fall mindestens bei einer halben Stelle.

Ich bin an so vielen anderen Dingen dieses Jahr gewachsen, an Dingen, in die ich mich spontan gestürzt habe. Ich habe wenig gezögert, einfach gemacht. Manches habe ich aber auch nicht gemacht. Nicht geschafft. Ich habe wenig gelesen, zumindest Bücher aus meinem Regal (dafür sehr viele Artikel, Fachbücher quer und einige trashige E-Books, von denen ich nicht einmal die Titel ins Internet schreiben möchte) und muss mich vielleicht endlich ein wenig damit abfinden, dass sich mein Leseverhalten geändert hat. (Auch wenn ich gerade ein Bücherblogprojekt mit einer langjährigen Freundin plane, stay tuned!) Ich kann mich zudem nicht daran erinnern, jemals so wenig Serien geguckt zu haben. Primär lasse ich mich berieseln von Serien, die ich schon x-mal sah und die mich einfach glücklich machen. Vermutlich brauche auch ich Rituale. Gereist bin ich ebenfalls nicht, ich habe mir in letzter Zeit viele Gedanken darüber gemacht, warum andere Menschen ständig neue Sehnsuchtsorte haben und mein einziges Bedürfnis das ist, mit Zelt und Rucksack in den skandinavischen Wäldern abzutauchen. (Ich werde darüber schreiben, bald.) Diesen Sommer stehen zwei Festivals an, klein, gemütlich und überschaubar. Ich freue mich darauf, besonders auf dem Moment, in dem mein Zelt steht und ich meinen Popo im Campingstuhl platziert habe und einfach mal nicht zu erreichen bin und nichts zu erledigen habe. Was für andere der Verzicht auf zivilisatorische Annehmlichkeiten ist (siffige Dixiklos, harter Zeltboden, kalte Ravioli – glaubt mir, ich habe schon Menschen erlebt, die am dritten Tag eines Festivals vor lauter Duschsehnsucht fast den Campingplatz mit einem Tränenmeer fluten!), ist für mich purer Luxus. (Auch darüber will ich schreiben, irgendwann.)

Allgemein plane ich gerade, sobald ich im Spätsommer etwas mehr Zeit habe, meinen Olineauftritt etwas auszubauen (hier) und zu professionalisieren (andernorts). Durch eine Weiterbildung zur Familienbegleitung möchte ich gerne bald freiberuflich bei Familienzentren in die Kursarbeit einsteigen und irgendwann würde ich auch gerne Vorträge halten und Fortbildungen geben. Dafür brauche ich eine Plattform, etwas weniger Kreatives, für das ich zwar auch über diese Kanäle Werbung machen kann, wofür ich aber auch ausdrücklich unter meinem Klarnamen Werbung machen kann und möchte. (Stay tuned, Part II.)

Ich freue mich auf die zweite Jahreshälfte, die nun vor mir liegt wie ein unbeschriebenes Blatt. Gebt mir Stifte (viele, bunte, verschiedene!) und ich tobe mich an ihr aus. Wenn ich mutig bin, dann nehme ich vielleicht auch eine Schere zur Hand und dann, tja, dann kann ich für nichts mehr garantieren. (Meine Haare können davon ein Lied singen.)

Danke. Für alles. (Das musste auch mal wieder gesagt werden.)

Die Postings der letzten Jahre findet ihr natürlich auch auf meinem Blog: 2010, 2011, 2012, 2013, 2014.

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5 Comments

    1. So wie es aussieht schon, aber halt erst nächstes Frühjahr – und das gehört zu den Dingen, über die ich bisher noch nicht so viel erzählen kann. (Ich warte da aktuell selbst noch auf nähere Infos und habe noch keine weiteren Pläne gemacht. Ich tue mich immer etwas schwer mit „ungelegten Eiern“. 😉 )

  1. Du gehst deinen Weg und so ist es genau und zu 100 % richtig. ❤ Es ist schön, dich über das Internet ein kleines bisschen zu begleiten und dich an Aufgaben, Irrungen und Wirrungen aber auch vielen Großartigkeiten wachsen zu sehen. Danke und alles Liebe. Du weißt, ich mag dich sehr. Fühl dich gedrückt und das Buch hab ich nicht vergessen, es liegt bei mir rum und macht sich nach meiner Bacheloarbeit (Abgabe kommenden Freitag!) auf den Weg zu dir. ❤ Lisa

  2. Komm doch nach Bremen, hier ist sind ziemlich viele schön links… Krippen gibt es viele und Grün und Stadt, Bremen wird auch manchmal Klein-Berlin genannt.

    Was für Fortbildungen möchtest du denn geben?

    Liebe Grüße
    Nanne

    1. Liebe Nanne,

      Bremen hatte ich bisher nie auf dem Schirm, vielleicht, weil ich meine Entscheidung (nachdem ich nach Gießen gegangen bin, ohne dort jemanden gekannt zu haben und das zwar okay, aber nicht immer einfach fand) bei der nächsten Stadt auch ein bisschen von meinen Menschen abhängig machen will. Da stehen Berlin und das Rheinland höher im Kurs, irgendwie. Aber wer weiß, wo mich mein Weg letztendlich hinführt. 😉

      Ich würde gerne Erzieher*innen fortbilden oder als Quereinsteigerin an einer Fachschule für Sozialpädagogik unterrichten. Zwar nicht für immer, da ich eher von meiner eigenen Einrichtung träume, aber das wäre ein toller und vermutlich auch für mich sehr lehrreicher Zwischenstop oder auch etwas fürs Alter, wenn die Knochen das Herumrobben auf dem Boden nicht mehr so toll finden. 😀

      Liebste Grüße zurück!
      Mirka

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