Und die Male danach.

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Vor drei Jahren, da war es vorbei. Endlich. Gewartet hatte ich und manches Mal auch gezittert. Geheult. Geflucht. Gelacht auch, ja, aber zu wenig für meinen Geschmack. Vor kurzem sagte eine Freundin zu mir: „Ich kenne niemanden, der so ungern zur Schule gegangen ist, wie du.“ Vermutlich hat sie damit recht. Dabei war ich nicht einmal eine schlechte Schülerin. Noch heute starre ich manchmal verwundert auf die Note auf meinem Abiturzeugnis, aber das konnte ich vor drei Jahren noch nicht wissen: Als ich meine Erleichterung in die Tasten haute, dass 13 Jahre dieser Tage ihr Ende fanden.

Ich bin meinen Weg schwankend gegangen, aber dennoch geradlinig. Ich hatte nie gleichzeitig eine 5 in Mathe und Latein. Ich habe nie die Schule gewechselt (aber darüber nachgedacht und sogar Alternativen besichtigt). Ich habe mich nicht geschämt, um Hilfe zu bitten, als es nicht weiterging und mir mit mäßigem Erfolg erklären lassen, was ich eigentlich gar nicht so recht verstehen wollte (den Ablativus Absolutus, Ableitungen, die tausendste grammatikalische Sonderregel im Französischen). Und heute sitze ich hier und frage ich mich, warum ich mir das angetan habe. Besonders die Mittelstufe. Warum ich so wenig auf mich geachtet habe und warum mir niemand gesagt hat, dass es auch anders geht. Dass man nicht mit 15 heulend auf dem Badezimmerboden sitzen muss, weil alles zu viel ist, vor allem die eigenen Erwartungen. Andererseits habe ich mit diesem Satz auch meine Antwort auf die Frage: Wegen meiner Erwartungen habe ich das durchgezogen. Ich bereitete mich gedanklich auf eine glänzende Karriere als Journalistin vor.

Ich will mich aber gar nicht in dem verlieren, was war. Ich will mich lieber Hals über Kopf in das stürzen, was ich damals für möglich hielt und immer noch für möglich halte. In das, was mir in den vergangen drei Jahren passiert ist: Das schöne Leben. Ich habe Hände gehalten und zurückumarmt, Sorgen weggestreichelt und gegen sie angeredet, ich habe getraut mich zu streiten, weil ich keine Angst mehr habe, dass Menschen mich nicht genug mögen, um zu bleiben, wenn es mal ungemütlich mit mir wird. Meine Ohren waren meistens offen, manchmal habe ich sie mir aber auch zugehalten. Ich habe mehr als einmal „Ich mag meinen Körper“ gesagt und es auch wirklich so gemeint, trotz oder gerade wegen der Dehnungsstreifen am linken Oberschenkel und über dem Po, trotz oder gerade wegen der ersten Falten, trotz oder gerade wegen meiner ständig katastrophal liegenden Haare. Ich habe den Mut gehabt, genug zu vertrauen, um Menschen so nah an mich heranzulassen, dass ich mich angreifbar mache – und habe es kein einziges Mal bereut. Ich bin gereist, habe mit drei Unterhosen im Rucksack Norwegen gesehen, eine Woche am Meer im Auto geschlafen, lag zu viert in einem winzigen Kinderzimmer in einem Ferienhaus an der Nordsee und habe zum Einschlafen Deichschafe gezählt. Ich habe auf Festivals getanzt, in gelben Gummistiefeln mit Comicmustern, habe Konfetti geworfen und Seifenblasen gepustet und mit Menschen in Zelten gelegen, von denen mir vor drei Jahren noch gar nicht klar war, dass ich ihnen erlauben würde, meine Facetten kennen zu lernen und mir ihre zu zeigen. Ich habe so viel gelacht wie noch nie in meinem Leben.

Vor allem aber bin ich einen Weg gegangen, der vor drei Jahren vieles war, aber nicht ersichtlich. Nicht naheliegend oder gar passend. Hätte mir mal jemand gesagt, dass ich auf die Frage, warum ich meine Festivalbändchen abgeschnitten hätte, lachend „Die haben beim Wickeln gestört“ antworten würde, dann… Ja, was dann? Vor drei Jahren war ich bereits an einem Punkt, an dem ich verstanden hatte, dass es immer genau dann anders kommt, wenn man sich sicher ist. Aber ich habe mich nie nicht als Journalistin gesehen. Die Geschichte meines Scheiterns, das mein größter Gewinn werden sollte, habe ich hier schon oft genug erzählt: Die vom Studienabbruch, vom Umbruch, vom Aufbruch. Diese Geschichte ist vielleicht meine liebste Geschichte, weil sie so ist, wie das Leben: Eine verdammt großartige, bunte, anstrengende, fantastische Überraschung, an der ich mich bis heute nicht satt sehen kann.

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2012 wie 2015 jedoch:
Keine Zeit, aber genug Luft zum Durchatmen. Immerhin. Wir lesen uns, bald.
Es geht mir gut.

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