In meiner Ratlosigkeit höre ich nicht auf euch zu mögen.

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Manchmal bin ich ratlos. Wenn ihr euch nicht haut, sondern schlagt – wirklich heftig, so, dass ich euch in zehn Jahren im Jugendgefängnis sehe und mich frage, was ich jetzt tun kann, damit meine schlimmsten Bilder in meinem Kopf bleiben. Wenn ihr hinter den Schuppen pinkelt und euch das sichtlich mit Stolz erfüllt, während wir gar nicht wissen wohin mit unserer Resignation und irgendeiner euch nötigt, einen Eimer Wasser drüber zu kippen (es ist nicht das erste Mal). Wenn ihr euch im Flur beißt, nur weil ihr nicht gleichzeitig das Dreirad haben könnt. Wenn ihr Beleidigungen aussprecht, die für eure kleinen Münder viel zu groß sind und von denen ich mich frage, wo ihr sie her habt (und die Antwort kenne – leider). Wenn ein halbes Jahr vergangen ist und sich nichts geändert hat – an eurem Jähzorn, an eurer Sprachlosigkeit, an den Hundehaaren in eurer Frühstücksdose.

Manchmal bin ich ratlos – und dann lerne ich von euch. Ich lerne von euch, wie man über Ereignisse staunt, für die man von so weit oben meistens keinen Blick mehr hat. Ich lerne von euch, was es heißt, stark zu sein, wenn alles gegen Stärke spricht – wenn eure Eltern euch zum ersten Mal alleine in der Kita lassen und ihr euch trösten lasst, obwohl wir uns gerade erst kennen lernen, wenn ihr das aufgeschlagene Knie mit Faszination begutachtet und euch von eurem besten Freund draufpusten lasst, wenn der Ausflug zum Wickeltisch einer Expedition zum Nordpol gleicht. Wenn ihr euch nach heftigen Schlägen doch wieder auf dem Bauteppich begegnen könnt, mit erhobenem Haupt und „Guck mal, was ich hier baue! Kannst du das auch?!“ als Ersatz für „Tut mir leid, ich wünschte, ich könnte sagen, es käme nie wieder vor“ gilt. (Nein, ich zwinge niemanden mehr, sich zu entschuldigen.) Ich staune, wenn ihr nach einem halben Jahr in der Kita über den Flur flitzt und Sätze wie „Meine Unterhose brennt!“ ruft – obwohl ihr im Herbst kein einziges Wort Deutsch konntet. Manchmal nehmt ihr mir meine Ratlosigkeit, meine Unbeholfenheit, mein Fremdsein, indem ihr auf mich zukommt: Wie viele erste Tage in Einrichtungen habt ihr mir erleichtert! Indem ihr mir eure Spielzeuge gezeigt habt, (mit) mir Bilder gemalt habt und mich zum Spielen eingeladen habt, ihr mir die Regeln erklärt habt, gegen die ihr in den kommenden Wochen oder Monaten, die wir zusammen haben würde, gut und gerne mehr als einmal verstoßen würdet.

Ihr macht es mir leicht, kein defizitorientiertes Bild von euch zu haben. Sogar wenn ihr aufeinander einschlagt und hinter Schuppen pinkelt, sehe ich eure Ressourcen. Ich sehe sie, auch wenn ich sie gegen Kolleg*innen verteidigen muss und mit euren Eltern darüber streiten muss, was wir unternehmen können, damit ihr eure Ängste und eure Wut, eure Verzweiflung und euren Stress so kanalisieren können, dass ihr künftig Schläge Schläge sein lasst und den Weg zur Toilette statt hinter den Schuppen sucht. In meiner Ratlosigkeit höre ich nicht auf euch zu mögen, auch wenn ihr es mir manchmal nicht leicht macht, euch zu verstehen.

(Bild via Universal Pops.)

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3 Comments

  1. Liebe Mirka, ich hab dir schon mal geschrieben, weil ich so beeindruckt war von deiner Sicht gerade auf die Kinder, die es einem manchmal schwer machen, sie zu mögen. Auch dieser Text berührt mich wieder sehr und ich frage mich, ob du es erlauben würdest, dass ich ihn (mit Quellenangabe natürlich) in Fortbildungen für Pädagoginnen verwende?

  2. Ich arbeite mit Kita-Teams, die in sog. „Sozialen Brennpunkten“ Kinder betreuen. Oft aufgrund der hohen Belastungen und durchaus auch aus Sorge um die Kinder, ist der Blick oft verstellt auf die Einzigartigkeiten und Ressourcen dieser Kinder. Ich führe bspw. in die Methode der kollegialen Beratung ein oder vermittle Wissen über Resilienz, Kinderarmut und Lebenslagen. Solche berührenden Texte sind oft ein guter Einstieg in einen Teamtag. Dank dir!

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