Kannst du schon…?

Holger von Papaganda hat hier gefragt, welche Fragen fremde Menschen am häufigsten (unseren) Kindern stellen. Ich habe zwar keine eigenen Kinder, aber ich bekomme mit, wie fremde Eltern in der Kita fremden Kindern Fragen stellen. Ich bin viel auf Spielplätzen. Manchmal glaube ich, ich wohne in den Öffis und da sind auch viele Kinder, die Fragen gestellt bekommen, ob sie wollen oder nicht. Vom Supermarkt fange ich lieber erst gar nicht an, darauf wird im oben verlinkten Artikel der Fokus gelegt.

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Ich habe das Gefühl, dass Menschen dazu neigen, Kindern „Kannst du schon?“-Fragen zu stellen. Kannst du schon Rad fahren? Kannst du schon schwimmen? Kannst du dich schon alleine anziehen? Kannst du dir schon selbst die Schuhe zubinden? Kannst du schon lesen/schreiben/rechnen/auf Englisch bis 100 zählen? Kannst du ein Instrument spielen? Kannst du nicht mal etwas davon abgeben? Kannst du nicht mal der Frau Danke sagen? Kannst du mal der Tante ein Küsschen geben? Kannst du mal Platz machen? Kannst du nicht mal ruhig sein? Kannst du auf einem Bein hüpfen? Kannst du dir schon ein Brot schmieren? Kannst du schon alleine einschlafen/über die Straße gehen/in den Keller gehen? Kannst du auf einen Baum klettern? Kannst du schon auf Toilette gehen? Kannst du schon sprechen? Kannst du mal endlich aufhören zu weinen?

Kinder lernen recht schnell: Etwas nicht zu können, das ist ziemlich ungünstig. Gelassene und sehr resistente Kinder ignorieren diese Fragen vielleicht, die oftmals grenzüberschreitend sind, aber mit 4, 5, 6, 7 … nimmt man es sich erfahrungsgemäß ziemlich zu Herzen, etwas nicht zu können. Sein wir ehrlich: Auch im Erwachsenenalter macht das keinen Spaß. Ich würde auf die Vielzahl der „Kannst du…?“-Fragen, die man mir stellt oder stellen könnte, am Liebsten auch immer euphorisch mit „Ja! Natürlich! Welche Frage!“ antworten, aber ich kann eben vieles nicht. Und das ist auch mehr als okay so. Doch warum stellen wir Kindern Kindern so viele „Kannst du (schon)“-Fragen, wenn wir doch selbst oft die Erfahrung machen, dass wir ganz schön viel nicht können? Weil es schön ist, jemandem zu zeigen, etwas nicht zu können? Wenn unsere Antwort darauf „Ja“ ist, dann haben wir ein ziemlich ernsthaftes Problem, finde ich.

Ich habe mir vorgenommen, nur noch zwei „Kannst du schon?“-Fragen zu stellen:

1) Kannst du noch ein bisschen Kind sein?
2) Kannst du ‚Nein‘ sagen?

Was ein Kind schon alles kann – und darum sollte es gehen, nicht darum, was es noch nicht kann – erfahren wir am Besten durch Beobachtungen, Wertschätzung und eine ausgestreckte Hand zum Festhalten, wenn die Antwort „Nein“ ist. Stellen wir Kindern mehr „Willst du…“-Fragen: Willst du meine Hilfe? Willst du das ausprobieren? Willst du das alleine machen? Willst du mal schauen, wie das geht? Willst du darüber mehr wissen? Kinder, die etwas wollen dürfen, die werden auch sehr schnell sehr viel können können.

(Bild via pustovit.)

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3 Comments

  1. Vielen Dank, dass du dir Gedanken über die Fragen gemacht hast. Sehr interessanter Ansatz mit den „Kannst du schon…“ Fragen. So genau hatte ich das noch gar nicht kategorisiert. Und die Schlussfolgerung stimmt natürlich: so zeigen wir Kindern, was sie vielleicht noch nicht können. Zumindest ist die Chance 50:50, dass ein Kind etwas noch nicht kann. Ich finde die Fragesituationen allgemein sehr seltsam. Da fragt irgendjemand irgendwas. Im Familien,- und Freundeskreis ist das kein Ding, da kommen auch ständig Fragen. Aber von Fremden?

    Vielen Dank für deinen Beitrag und egal ob mit oder ohne Kind: etwas weniger Fragen an die Kinder fände ich schon gut.

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