„Das freie Spiel hüten wir wie einen Schatz.“


„Ich habe noch ein ganzes Jahr. Es ist noch nicht vorbei.“ Schon dieser Satz spiegelt unglaublich gut wider, mit was für einer Frau und mit was für einer Erzieherin wir es bei Lisette zu tun haben. Ich hatte die Gelegenheit, Lisette heute im Rahmen eines Vortrags kennen zu lernen, den die Dozentin meiner Praktikumsnachbereitung organisiert hatte. Extra aus Stuttgart angereist war sie, optisch ein wenig älter geworden als im Film, der inzwischen auch schon fast 8 Jahre alt ist. Gleich geblieben aber: Das Strahlen, das sie an sich hat, diese Ruhe, die sie ausstrahlt. Eine Frau, die sichtlich mit sich im Reinen ist und wenig bereut. Sie spricht davon, dass wir uns auf die Kinder einlassen sollen, dass wir den Kindergarten nicht verschulen sollen und: dass das freie Spiel etwas ist, das wir hüten müssen wie einen Schatz. (Ja! Ja! Ja!)

Wie sieht die Welt in 20 Jahren aus? Was müssen wir unseren Kindern heute dafür mit auf den Weg geben? Wie können wir diese kleinen Wesen sinnvoll und hilfreich beim größer werden begleiten? Lisette, die auf viele Arten viel mehr ist, als “nur“ eine Erzieherin, hat ihren ganz eigenen, unkonventionellen und leidenschaftlichen Weg gefunden. Hinreißend, voller Liebe und Humor erzählt der Film von Lisettes letztem Kindergartenjahr im “Kleinen Kindergarten“. So die offizielle Beschreibung. Im Film werden vor allem viele Konfliktsituationen zwischen Kindern gezeigt, die Lisette begleitet, ohne sie für die Kinder (und somit: von oben) zu lösen. Sie zeigt Grenzen auf, ohne zu überrollen, etwas, das gerade mir als Berufseinsteigerin in Konfliktsituationen nicht immer leicht fällt. Ich habe schon viele Lösungsstrategien ausprobiert und immer wieder gemerkt, dass ich, aus Angst, irgendetwas könnte eskalieren, viel zu früh eingegriffen habe. Ich will zukünftig den Mut haben, Kinder auch mal raufen zu lassen. Kinder dabei zu begleiten, ihre Wut produktiv herauszuschreien, aber irgendwann auch wieder herunterzukommen und einander die Hände reichen zu können. Ich will doch noch einmal mein Glück in einer klassischen Kindergartengruppe versuchen, auch wenn mein Fokus wirklich eher auf dem Krippenbereich liegt und Konflikte dort ganz anders gelagert sind (meins ist meins und bleibt meins, auch wenn es gar nicht meins ist und überhaupt – wuääääh!), als zum Beispiel im Vorschulbereich (XY darf nicht mitspielen, weil er immer *setze irgendeine Tätigkeit oder Eigenschaft ein, die Kinder ziemlich daneben finden*, XY ist traurig, es wird geschrien, getobt, geschubst, irgendwer heult und wird von einer Geburtstagsparty ausgeladen, während irgendwer anders alle Beteiligten hämisch auslacht und dann „Fang mich doch, du Eierloch“ rufend wegläuft…). Auch Lisettes Umgang mit den Eltern habe ich als sehr wertschätzend und produktiv empfunden. Gerade in kleinen Elternvereinen gibt es so viele Reibungspunkte mit Eltern und da sachlich, ruhig, kompetent und auf die Kinder konzentriert zu bleiben, stelle ich mir ehrlich gesagt gar nicht so einfach vor. Gerade wenn bei Elternabenden auch mal das ganze Konzept und somit auch die eigene und von Herzen kommende Arbeit in Frage gestellt wird. Das Besondere an Lisettes Kindergruppe ist nämlich: Sie war jahrelang mit im Schnitt 12 Kindern allein. Zwar „nur“ von 8 Uhr bis 12 Uhr 30, da es sich um sehr klassische Kindergarten-Öffnungszeiten handelte, aber trotzdem: Alleine! Mit 12 Kindern! Wow! Ich habe in den letzten anderthalb Jahren häufiger mit einem Betreuungsschlüssel von 1:10 gearbeitet und war danach fix und fertig. Gehen Sie mal zu zweit mit 20 Kindern turnen! Schmeißen Sie mal zu zweit eine Geburtstagstafel für den gerade 5 gewordenen Kilian-Jakob, der vieles kann, aber nicht zivilisiert Kuchen an die anderen Kinder verteilen! Bewahren Sie sich mal Ihren Geduldsfaden, wenn einem gerade trocken gewordenen Kind ein großes Geschäft in der Hose gelandet ist, während Ihre Kollegin gerade den Frühstückswagen in der Küche ausräumt und Sie somit mit 20 Kindern alleine sind – was Sie dazu zwingt, dem armen Kind mit halb offener Waschraumtür, damit Sie die anderen Kinder weiterhin im Blick haben, beim Umziehen und beseitigen der Scham zu helfen, während Sie a) zu dem Kind immer wieder „Ist nicht schlimm, das passiert jedem mal, ist mir als ich so alt war wie auch mal passiert!“ und b) gelegentlich Zurechtweisungen quer in den Gruppenraum reinrufen, dieses und jenes doch bitte auch zu unterlassen, während Sie nur halb im Raum sind (zum Beispiel komische Unternehmungen mit Scheren und Haaren!). An solchen Tagen ist die Devise: Sauber, satt, sicher, kommen Sie mir bloß nicht mit Bildungsplänen! Und ob selbst das immer gewährleistet ist, steht auf einem ganz anderen Blatt Papier geschrieben…

Mich hat nicht nur der Film an sich sehr berührt, sondern gerade auch das Gespräch, das im Anschluss daran mit Lisette selbst möglich war. Natürlich: Sie hat das Rad nicht neu erfunden, Wertschätzung und Achtsamkeit ist zunehmend ein Paradigma, das in der Erzieher*innen-Ausbildung und im Frühpädagogik-Studium an Bedeutung gewinnt, aber (und dieses Aber ist so, so groß): in der Praxis sieht es oft anders aus. Ich habe erlebt, das Kinder grob angefasst wurden, obwohl ich an der Uni Emmi Pikler kennen und schätzen lernte. Ich habe erlebt, dass geschrien und manipuliert wurde, dass gezwungen und gedrängelt wurde, obwohl schon Maria Montessori wusste, dass es am Sinnvollsten ist, Kindern dabei zu helfen, es selbst zu tun. (Ja, auch bei Pikler und Montessori gibt es Aspekte, die veraltet sind, aber dem Kern ihrer Pädagogik stimme ich gerne zu und ziehe aus ihren Lehren viel für meine praktische Arbeit – und das gerade, obwohl ich oft schwer Zugang zu Theorie finde und mich mehr von meinen Instinkten leiten lasse, als von erziehungswissenschaftlichen Schriften.) Ich habe auch Desinteresse erlebt, nicht nur in Problemeinrichtungen, auch in Einrichtungen, die vielleicht auf den ersten Blick wie Wohlfühloasen wirkten. In unserer Praktikumsnachbereitung haben wir über pädagogische Handlungsweisen diskutiert und sind recht schnell übereingekommen, dass es einen Typ Pädagog*in gibt, der so in keinem Lehrbuch auftaucht: Die Erzieherin (oder auch: der Erzieher, aber von der Sorte habe ich bisher erst 3 kennen gelernt, obwohl ich, vieler befristeter Verträge und Praktika geschuldet, in den letzten anderthalb Jahren gut 100 Kolleg*innen kennen lernen und mit ihnen arbeiten durfte) als kuhäugiger Kaffeetrinkerin. Wir waren uns auch einig darin, dass da selten Boshaftigkeit hinter steckt, sondern viel eher Resignation. Schlechte Betreuungsschlüssel, marode Einrichtungen, ein Arbeitsklima unter dem Gefrierpunkt, Eltern unterschiedlicher Couleur mit tausend verschiedenen Forderungen, Wünschen und Sorgen, denen man schlecht allen gerecht werden kann, körperliche Wehwehchen, schlechte Bezahlung, immer noch 12 Jahre und 7 Monate bis zur Berentung… Ich habe Kolleginnen erlebt, die unbeirrt immer noch so arbeiteten, wie meine eigenen Erzieherinnen vor fast 20 Jahren. Mit vorgezeichneten Figuren auf Tonkarton, die die Kinder artig ausschneiden sollten und die man dann begeisterten Muttis schenken sollte oder strategisch so in der Kita verteilte, dass auch alle sehen, dass dort voll krass kreativ geschaffen wird! Kleine Künstler*innen und so! Die Bildungselite von morgen! Auch wir kennen die Bildungspläne für Kitas vom jeweiligen Land! Jaha! Dass das stumpfe Ausschneiden von irgendwelchen perfekten Vorlage-Kopien nicht im Interesse irgendeines Bildungsplanes sein kann, das fällt dabei oft hintenrüber. ich habe Kolleginnen erlebt, die zu so wenig Selbstreflexion in der Lage waren, dass ich manchmal gerne mit ihnen umgegangen wäre, wie sie mit den Kindern. (Und damit meine ich nicht, dass ich sie zum vorstrukturierten, angeleiteten Basteln genötigt hätte. Ich meine damit ganz andere Dinge.) Ich wünsche mir, dass wir Pädagog*innen mehr Mut entwickeln, die Kinder machen zu lassen, ihnen nicht nur Konfliktlösungskompetenz zuzutrauen und sie beim Entwickeln dieser sensibel zu begleiten, sonder auch, dass wir, wie eingangs schon erwähnt, den Wert des freien Spiels (wieder-)entdecken. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, Grundschullehrerin zu werden: Weil ich nicht nach Lehrplan arbeiten möchte, nicht einen Stundenplan befolgen möchte, nicht Zensuren verteilen möchte. Ich will Teil des Bildungssystems sein, ja, aber nicht Teil der Schule. Ich will, und auch darauf ist Lisette in unserem Gespräch sehr schön eingegangen, nicht Teil davon sein, während der vierten Klasse zu entscheiden, welche Schulform die richtige für das entsprechende Kind ist. Ich will keinen Stempel mit „Hauptschule“ irgendwo draufklatschen, genauso wenig, wie ich Kinder damit unter Druck setzen möchte, dass sie unbedingt das Gymnasium besuchen müssen und dort erfolgreich sein müssen. Auch ich bin keine Freundin des dreigliedrigen Schulsystems.

Oft frage ich mich: Werde ich in 40 Jahren noch in diesem Beruf arbeiten (können). In V-I-E-R-Z-I-G Jahren. Im Moment versuche ich, ein Jahr nach dem anderen zu leben, keine großen Zukunftspläne zu schmieden, da es sowieso immer anders kommt. (Wir erinnern uns: Eigentlich würde ich im Frühling meine Bachelorarbeit schreiben, eigentlich wäre ich demnächst Politologin.) Was ich aber weiß: Ich bin mit dem Team, in dem ich aktuell arbeiten kann, vom Glück geküsst. Ich arbeite in einer jungen, idealistischen und dynamischen Einrichtung, in der der Betreuungsschlüssel überdurchschnittlich gut ist, wenn nicht gerade eine Grippewelle die Hälfte der Belegschaft dahinrafft. Ich habe die Chance, viele tolle Weiterbildungen zu machen – Weiterbildungen, die früher oder später vielleicht auch zumindest ein Stück von mir wieder aus der Kita raustragen könnten. Ich kann mir gut vorstellen, mit einigen Jahren Arbeitserfahrung Fortbildungen für Erzieher*innen anzubieten. Und ich würde gerne Elternkurse anleiten, da ich oft nichts mehr vermisse, als deren Mut, ihre Kinder zu erziehen. Nebenbei ein wenig über Pädagogisches zu schreiben wäre auch sehr schön. Ich hoffe, mir gerade dadurch mein Brennen für den Beruf, meine Draufsicht und meine Liebe zu den Kindern bewahren zu können. Es ist wichtig, auch mal etwas anderes zu sehen, als tagtäglich die gleiche Einrichtung, in die man nach und nach immer mehr seiner Befindlichkeiten und Unzufriedenheiten hineinträgt.

Was mich abschließend noch sehr gefreut hat: Die Dokumentation wurde von Regisseurin Sigrid Klausmann und Produzent Walter Sittler umgesetzt, die gemeinsam drei Kinder haben, die Lisettes Kindergartengruppe besuchten. Walter Sittler ist eines meiner Kindheitsidole. Ich kann gar nicht an beiden Händen abzählen, wie oft meine Mutter und ich schon alle Staffeln von „Nikola“ gesehen haben! Und spätestens, als er von Erich Kästners „Als ich ein kleiner Junge war“ schwärmte, hatte er ein Stein bei mir im Brett. Dass jemand so Reflektiertes und Besonnenes als Produzent gewirkt hat, merkt man der Dokumentation an, die auch und gerade von den kleinen Momenten lebt: Zum Beispiel, als Lisette nach einem langen Sommer zum letzten Mal die bullerbüroten Fensterklappen „ihrer“ Kita schließt und, wie sie denkt, in den endgültigen Feierabend radelt. So ganz mit der Rente, hat sie uns verraten, hat das dann nämlich doch nicht geklappt. Wegen personeller Engpässe arbeitet sie nun schon seit einigen Jahren wieder in ihrer alten Einrichtung – erstmals in einem Team mit zwei Kolleginnen. Sie sagt, sie genießt es weiterhin sehr, mit den Kindern zu arbeiten und sie zu begleiten. Dadurch, dass sie aktuell drei Tage arbeitet, habe sie obendrein die Freiheiten, die sie sich fürs Alter gewünscht habe: Sie könne einmal im Monat mit ihrem Mann nach Holland fahren, in ihre Heimat. Die Einrichtung sei inzwischen zwar anders, als zu den Zeiten, in denen sie dort alleine und Vollzeit gearbeitet hat, aber das sei auch gut so, ein Wandel, der vermutlich nötig gewesen wäre. Die Ideale und das Konzept, das auf diesen basiert, die sein aber nach wie vor unverändert und kämen den Kindern zugute.

Was ich mir wünsche: Wie Lisette niemals abzustumpfen. Die Welt durch die Augen der Kinder sehen zu können, auch wenn meine Augen immer schlechter werden. Den Blick gen Himmel zu richten, auch wenn mich viele Gewichte (Bildungspläne, Eltern, Kinder, die man – auch und gerade wegen deren Eltern – im Kopf mit nach Hause nimmt, schlechte Rahmenbedingungen…) auf unangenehme Art und Weise erden. Kindern Rücksicht und Nachsicht, Geduld und Mut, Tatkräftigkeit und Kreativität mit auf den Weg zu geben. Auch mit 65 und mutmaßlich maroden Gelenken noch zur Begrüßung mit einem aufgeregten Kind im Flur auf und ab hüpfen, als wäre das die erste Woche als Erzieherin und nicht eine der letzten. Und wenn ich das alles irgendwann nicht mehr kann, dann wünsche ich mir den Mut, Platz zu machen für Menschen, die es können, bevor auch ich kaum noch über den Rand meiner Kaffeetasse in der Lage zu schauen bin.

Mehr zum Film erfahrt ihr hier, außerdem lege ich euch dieses Interview ans Herz, das Lisette Eltern.de gab.

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4 Comments

  1. Hallo Mirka,
    ich bin erst vor kurzem auf deinen blog gestoßen…und wahnsinnig beeindruckt von dem was du schreibst und wie du es schreibst. Und das in deinem jungen Alter…(das ist nicht abwertend gemeint!)
    Deine eigenen Kinder werden eine wundervolle Mutter haben und ich wünsche, dass du ganz ganz lange Erzieherin sein wirst um so viele Kinder wie möglich auf ihrem Weg zu begleiten.
    Leider habe ich eher das Gefühl, dass es immer weniger Erzieherinnen gibt, die so achtsam denken wie du! Mein Sohn hat zum Glück in seinem kleinen, gemütlichen Kinderladen auch 2 tolle Exemplare erwischt…ich selber arbeite auch in einer Kita (allerdings als Therapeutin) und habe schon ganz anderes gesehen was den Umgang mit Kindern betrifft…:(
    Mach weiter so, ich freue mich auf deine Artikel.

    LG, Carola

    1. Liebe Carola, vielen Dank für diesen schönen und bestärkenden Kommentar! Die Arbeit als Therapeutin in einer Kita stelle ich mir auch sehr anspruchsvoll und vor allem wichtig und bestimmt auch erfüllend vor. 🙂 Schön, dass du jetzt hier mitliest! 🙂

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