Welche Kindheit ich mir für dich wünsche.

„Wenn ich auch nur eine einzige düstere Kindheit erhellen konnte, bin ich zufrieden.“ – Astrid Lindgren

16181148360_0608ef55da_z

Ich wünsche mir, dass da jemand ist, der über deine ersten Schritte jubelt, deine ersten Worte aufschreibt, vor deinem ersten Schultag ein paar heimliche Rührungstränen verdrückt. Jemand, der dich durch die Wohnung trägt, wenn du Koliken hast, dir ein schiefes Einschlaflied singt, wenn du die Nacht zum Tag machst und den verdammten rasselnden Ball immer wieder in deine Patschehändchen drückt, auch wenn du ihn drei Sekunden später doch wieder kichernd fallen lässt. Jemand, der dich nicht schreien lässt, stundenlang, allein in deinem Bett. Jemand, der dir lustige Tierpflaster auf deine aufgeschürften Knie klebt und mit dir unter einer Decke eingekuschelt Schokolade isst, um noch so fiese Kindheitsmonster zu vertreiben. Ich wünsche dir, dass du das Glück hast, mit anderen Kindern aufzuwachsen – wenn nicht mit Geschwistern, dann mit Freund*innen, die dein Lachen und dein Weinen mit dir teilen, es spiegeln. Ich wünsche dir jemanden, der keine Angst hat, Verantwortung für dich zu übernehmen und eine Rolle in deinem Leben zu spielen. Jemanden, der vehement widerspricht, wenn du kurz davor bist zu glauben, dass rosa eine Mädchenfarbe ist und nur Jungs zur Feuerwehr gehen dürfen. Ich wünsche mir Erzieher*innen für dich, die achtsam sind, die dir dabei helfen, es selbst zu tun, die dich nicht dazu zwingen, vorgemalte Igel aus Tonkarton auszuschneiden, wenn du darauf überhaupt keinen Bock hast. Ich wünsche dir, dass du im Bildungssystem nicht verloren gehst, auch wenn und gerade weil es so angelegt ist, dass viele, mit denen du in der Krippe noch spielst, mit den Jahren nicht mehr an deiner Seite sein werden. Ich wünsche dir jemanden, der dich entscheiden lässt, welchen Schulabschluss du machen möchtest, der diese Entscheidung mit dir trägt, der der auch in deinem Scheitern ein Anker ist, der dir sagt, dass du nicht deine Noten bist. Jemanden, der gemeinsam mit dir versucht, vor einem Vokabeltest das Lateinbuch niederzustarren (okay, eigentlich wünsche ich dir jemanden, der dich davon abhält, Latein zu belegen, aber das ist eine ganz andere Geschichte und die hat eher mit meinem eigenen Scheitern zu tun…) und geometrische Figuren aus Pappe mit dir bastelt, um die pupsfurzdoofe Textaufgabe, an der ihr nun schon seit drei Stunden siebenundzwanzig Minuten und elf Sekunden sitzt, endlich, endlich zu bezwingen. Ich wünsche mir, dass da jemand ist, der auch mal Nein sagt, der Grenzen aufzeigt, der versucht, dir Richtig und Falsch nicht aufzuzwingen, sondern bereit ist, jeden Tag neu auf eine Reise mit dir zu gehen, um ansatzweise Antworten auf diese so verflucht schwere Frage zu finden. Ich wünsche dir ein Dach über dem Kopf, genügen Essen, Geld für Erlebnisse, die dir wichtig sind (Klassenfahrten, ein fettes Stück Torte im Lieblingscafé, ein Zelturlaub an der Nordsee…). Ich wünsche dir jemanden, der dich in die Welt der Bücher entführt, der dir bereits im zarten Alter von neun Monaten ein Badewannenbuch aufs Auge drückt, das du erstmal so ins Wasser plumpsen lässt, dass alle Beteiligten nass sind, auch die, die gerade kein Bad nehmen, der dir Michels Flausen und Pippis Kraft mit auf den Weg gibt, der dir Märchen erzählt und dir vermittelt, dass es okay ist, sein Leben lang auf den Brief aus Hogwarts zu warten, jemand, dessen Bücherregal irgendwann auch deins sein wird. Ich wünsche dir, dass du Lieblingsdinge hast: Essen, Filme, Orte, Menschen, Farben, Lieder, Gerüche, Worte, Küsse. Und, dass dir diese Lieblingsdinge oft zuteil werden: Schlag dir den Bauch mit Apfelkuchen voll, sing aus vollem Hals „Anne Kaffeekanne“, fordere zum zwölften Mal in diesem Monat, „Die Eiskönigin“ zu sehen. Lass dir Rituale schenken, Rituale sind wichtig. Ich wünsche dir jemanden, der kein defizitorientiertes Bild von dir hat, sondern deine Ressourcen sieht, deine Talente und Stärken fördert, dein Strahlen herauskitzelt und deine Lust auf Neues. Ich wünsche mir für dich, dass dein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung erfüllt wird und darüber hinaus wünsche ich dir nicht nur eine gewaltfreie Kindheit, sondern eine voller Liebe und Glitzer, voller Achtsamkeit und Konfetti, voller Selbstbestimmtheit und Einhörnern. Ich wünsche mir, dass du nein sagen darfst und ja sagen willst, zu so vielen Dingen. Dass da Hände sind, die dich tragen und emporheben. Hände, die niemals loslassen, außer du willst es. Hände, die dir beibringen, selbst Hände zu halten, irgendwann.

(Das wünsche ich mir nicht nur eines Tages für meine Kinder, sondern für alle Kinder. Sein wir diese Menschen in den Leben von Kindern.)

(Bild via Tim Reckmann.)

Advertisements

8 Comments

  1. So schön geschrieben..hab richtig Tränen in den Augen. Bin sehr gerührt. So eine Kindheit hätte ich mir auch gewünscht und wünsche ich mir umso mehr für meine späteren Kinder.

  2. *pipiindenaugen*
    Das wünsche ich mir auch für meine Kinder.
    Nur manchmal gar nicht so leicht umzusetzen. Vielleicht drucke ich deinen Post aus und schnappe ihn mir, sobald es mal nicht so klappt, wie man sich das vorstellt!

    Danke schön!
    Anja

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s