Nach dem Takt.

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Sie hatten von der ersten Minute an harmoniert. Man könnte sagen: Da war ein Takt gewesen, in dem sie miteinander getanzt hatten. Sie hatten geliebt, gelacht, geheult, geflucht, gekotzt (verbal wie tatsächlich, nach zu viel Wodka auf zu leere Mägen), gestritten, getröstet. Kurz: Gelebt. Miteinander. Jahrelang. Sie waren einander Netz und doppelter Boden.

Kennengelernt hatten sie sich in der Schule. Der erste Tag in der Oberstufe. Der erste Tag vom Rest des Schullebens. Zu fünft hatten sie nur einen Kurs gehabt: Politik bei der Körner. Die Körner war mittelalt, mittelmotiviert und mittelglücklich mit ihrem Leben und so trug es sich zu, dass sie zu fünft drei Jahre lang mittelmäßige Noten für mittelmäßige Projekte bekamen. Sie, das waren Sina, Kaja, die eigentlich Katharina hieß, Charlotte, Tanja und Louisa. Anders als viele Mädelscliquen in der Spätpubertät sahen sie nicht aus wie geclont. Keine gleichen Klamotten, Haarfarben und Hobbys. Eigentlich sahen sie aus wie ein Haufen Mädels, der sich eher ins Gesicht springen würde, als einander eine Schulter zum Anlehnen zu leihen. Vielleicht hatte es deswegen so gut funktioniert. (Für eine Weile.)

Irgendwann, tja, irgendwann waren sie einfach aus dem Takt geraten. Hatten zu Musik getanzt, auf die sie sich nie geeinigt hatten. Jede von ihnen hatte mal mehr und mal weniger gestrauchelt, aber die einzige, die sich im Takt befunden hatte, in deren Song sie sich gerade befanden, hatte es nicht geschafft, die anderen aufzufangen, mitzureißen, da abzuholen, wo sie sich gerade befanden. Weder alle auf einmal, noch eine nach der anderen, nicht einmal nur eine andere von ihnen. Und irgendwann, da hatten sie erkennen müssen, dass es keinen gemeinsamen Song mehr für sie gab. Dass jede von ihnen gerade dabei war, ihr eigenes Album zu komponieren.

Kaja hatte als einzige den Absprung geschafft, bevor alles begann, in sich zusammenzufallen. Vielleicht hatte der Zerfall auch mit Kajas Weggang begonnen, wer wusste das schon so genau. Kaja war nach Frankreich gegangen, vom einen auf den anderen Tag, einfach so. Dort hatte sie ein Kind mit einem Franzosen bekommen, das sie heute mit einem Inder in Nepal großzog. Viel mehr musste man über Kajas Persönlichkeit auch eigentlich gar nicht wissen. Kaja hatte keinen Beruf, sondern Projekte, die sie selbst als Berufung ansah. Sie hatte selten Geld, aber das hatte sie nie von irgendwas abgehalten. Sie stellte Kerzen her, sittete Rasse-Hunde, kassierte in einem Feinkostladen, brachte Japanern Deutsch bei. Alles was Kaja tat, war exklusiv. Das Besonders gab ihr den Kick. Einmal hatte sie gesagt: ‚Wenn das Reihenhaus mir hinterherläuft, dann brenne ich es ab.‘

Aber keine von ihnen war bereit gewesen, den anderen einzugestehen, dass sie mit der Melodie, zu der sie sich bewegten, schon lange nichts mehr anfangen konnten. Keine war bereit gewesen, die Musik leiser zu drehen oder abzuschalten. Andererseits hatte aber auch keine die Anlage der anderen demoliert, sondern einfach alles weiter dudeln lassen, bis der Lärmpegel unerträglich wurde.

Wo wir auch schon bei Sina wären. Sina und Reihenhaus, das war etwas, was unweigerlich Teil einer Assoziationskette war. Sina buk die saftigsten Apfelkuchen der Stadt, spülte ihre Tupperdosen sofort nach dem Nachhausekommen heiß aus und machte sogar unter den Möbeln sauber – und das mit 16. Sinas Mutter war gestorben, als sie 12 war und hatte Sina zu dem gemacht, was sie war: Die geheime Königin ihrer Familie, die aus zwei Brüdern und einem wortkargen Vater bestand, der seine Tochter abgöttisch liebte, ohne dass er dafür jemals die passenden Worte gefunden hätte. Sina riss Verantwortung an sich wie ein Jagdhund ein zuckendes Kaninchen. Am Anfang, da hatten die anderen das toll gefunden: Wenn es etwas zu planen gab, dann plante Sina. Wenn es etwas zu besorgen galt, dann besorge Sina. Wenn es etwas zu klären gab, dann klärte Sina. Aber ab einem gewissen Punkt hatten die anderen das Gefühl gehabt, dass, wenn es darum ging, was sie von einer Sache halten sollten, alle der Meinung sein mussten, die Sina vehement vertrat Einmal hatte Sina ‚Ich verstehe nicht, warum du das anders siehst als ich‘ gesagt und vor Verzweiflung fast geheult.

Wenn die Musik nicht nur schrecklich ist, sondern auch noch so laut, dass man sich selbst kaum noch denken hören kann, dann ist es an der Zeit zu gehen. Dass war eine Regel, die für jede Party galt. 

Tanja kam immer am Schluss, außer vielleicht in dieser Geschichte, denn die endete nicht mit Tanja. Tanja war niemand, der auf der Zielgeraden das Zepter an sich riss. Tanja wurde im Sportunterricht zum Schluss in die Mannschaft gewählt, obwohl sie nicht einmal unsportlich war. Tanja war immer die letzte in einer Schlange, obwohl sie immer früh genug losging, egal wohin. Tanjas Herz war schon auf so viele Arten gebrochen worden, dass sie sich manchmal fragte, wie sie ernsthaft denken sollte, dass das nicht ihre Schuld war. Tanja war gutmütig, aber weinerlich. Tanja war großherzig, aber zu leicht auszunutzen. Sie gab in Streitgesprächen auch nach, wenn sie eindeutig im Recht waren, es gab keine Kompromisse, die nicht allein ihr Kompromiss waren. An manchen Tagen fragte sich Tanja, warum diese Mädchen ausgerechnet entschieden hatten, mit ihr befreundet sein zu wollen und genau da lag das Problem. Tanjas Selbstwertgefühl war mikroskopisch klein und natürlich gab sie sich die Schuld daran, dass alles auseinander brach. Sie hatte sich nicht genug bemüht. Sie hatte nicht oft genug eingelenkt. Sie, sie, sie.

Einen Song noch. Nur noch diesen einen. Dann…

Louisa malte. Schon im Politikunterricht hatte sie unauffällig ihren Collegeblock gegen einen Malblock getauscht und Bilder gemalt, die vor Farbpracht schier explodierten. Louisa war zart und leise, sehr mit sich beschäftigt und hatte immer ein Ohr, für jeden. Sie umarmte viel, lachte wie eine Elfe und liebte Kinder, Tiere und alte Menschen so sehr, dass sie mit allen ehrenamtlich arbeitete. Aber: Louisa fraß in sich hinein. Sie sprach selten aus, was ihr auf der Seele brannte und das war verflucht viel. Die lieblose Mutter, der karrierebesessene Vater, die hinterhältige große Schwester. Louisa hatte zwar ein Elternhaus, aber kein Heim. In ihrem Haus roch es nie nach frisch gebackenen Keksen, sondern immer nach den Putzmitteln, die die Putzfrau für die mehr als 200 Quadratmeter großflächig einsetzte, dabei war das erste, was man dachte, wenn man Louisa sah: Dieses Mädchen ist, wie frisch gebackene Kekse duften. Louisa sah man selten ausrasten. Einmal hatte sie die Mädchen mit zum Graffiti sprayen genommen, ohne ihnen zu erzählen, was sie an diesem Abend tun würden. Sina war schier ausgerastet, Charlotte hatte eine knallrote Jacke getragen, Tanja über die Kälte gejammert. Nur Kajas Augen hatten vor Begeisterung und ehrlicher Bewunderung gefunkelt. Louisa wurde oft unterschätzt.

Ja – was dann?

Charlotte war laut, so unfassbar laut. Wenn sie einen Raum betrat, dann so, dass alle ihr Erscheinen bemerkten. Es war ihr egal, dass dieses Bemerken selten positiv behaftet war. Charlotte mähte andere mit ihrer entwaffnenden Direktheit schier um. Sie meinte das meiste nicht einmal böse, merkte bloß nicht, dass ein anderer Tonfall, eine andere Wortwahl, vielleicht den Umständen angemessener wären. Sie stieß Lehrer vor den Kopf, stritt mit ihren Eltern, legte sich mit Kaja und Sina an, die ihr in Unnachgiebigkeit in nichts nachstanden und hatte nur einen Plan vom Leben: Keinen Plan zu haben. Aber: Charlotte bemühte sich, alles zusammen zu halten. Sie initiierte Treffen, auch wenn selbst ihr bewusst war, dass die anderen zunehmend unwilliger waren, einander auszuhalten. Sie war es, die alle zu ihrer Hochzeit einlud, als Sina haltlos überfordert von einjährigen Zwillingen war, die einfach nicht bereit waren, ihren strikten Planungen Gehorsam zu leisten. Als Louisa ihren Mann mit dessen Bruder betrog und voller Wut auf sich selbst Abend für Abend Farbeier auf Leinwände warf. Als Tanja wegen Depressionen in Therapie war und die dunklen Tage die hellen deutlich überwogen. Als Kaja wütend den Vater ihres Sohnes vor die Tür gesetzt hatte, weil er zunehmend an ihrem Exzentrismus herummäkelte. Sie hatte bis zum letzten Tag gekämpft.

Und jetzt, jetzt waren sie irgendwo nach dem Takt. Und, da waren sie sich endlich mal wieder einig, hatte keine von ihnen je hingewollt.

(Bild via aftab.)

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