Du bist nicht allein.

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Manchmal erzählst du mir von deinen Problemen in einem Tonfall, in dem die Grundannahme mitschwingt, mein Leben wäre ein Selbstläufer. Als würde ich morgens aufstehen und es würden zwitschernde Vögel auf meinen Schultern landen und dann würde ich frisches Brot backen und mit irgendwas Eingewecktem bestreichen. Das ist eine schöne Vorstellung, aber wir sind hier nicht bei Disney. Und weil wir nicht bei Disney sind, sieht es dieser Tage eher so aus: Ich stolpere durch die Novemberkälte zum Bäcker, verpasse Busse oder stecke mit dem Auto im Berufsverkehr fest, bin ungeduldig gegenüber Menschen, die meine Geduld verdienen, kaue an Unwägbarkeiten herum – und verschlucke mich.

In den schwierigen Wochen geht es nicht darum zu gewinnen. Es geht nicht darum, alles zu schaffen. Es geht darum, sich selbst zu beschützen, sich die Abstriche, die man machen muss, nicht vorzuhalten, als wären sie ein Tatbestand. Es geht darum, einfach klarzukommen – mit dem Leben, auf sich. Es geht darum weiterzumachen und nicht zu sagen: „Ich fahre jetzt ans Meer, trinke bis 4 Uhr nachts Wein und lasse mich in Arme fallen, die mich doch nicht fangen können.“ Es geht darum, sich in den „Oh Gott, was soll das eigentlich alles?“-Momenten ein Bild davon auszumalen, wo man gerne in einem Jahr wäre oder in zwei und wenn man darauf keine Antwort finden kann: wo man in einem Jahr oder in zwei gerne nicht wäre.

Es gibt sie, diese Hamsterradtage, an denen man um 5 Uhr morgens aus dem Bett purzelt und gegen Mitternacht wieder darin zusammenbricht, mit müden Beinen und rotierendem Kopf und ohne einen tröstenden Arm, der die Sorgen wegstreichelt, bis man endlich schlafen kann. Tage, an denen jede Faser schreit: „Hallo, kann mal bitte wer mein Leben übernehmen? Die müde Frau hier kann nicht mehr und wäre gerne für zehn Minuten wieder vier Jahre alt und Herrscherin über eine verdammt geile Kuscheldeckenhöhle!“ An diesen Tagen möchte ich dir vor allem deinen Fatalismus ausreden, dein „Du glaubst nicht, was mir schon wieder passiert ist“, in dem mitschwingt, dass du dich vom Schicksal instrumentalisiert fühlst. Denn dann müssten wir uns mal darüber unterhalten, was uns allen in den letzten Jahren so passiert ist: Anstrengende, ausweidende Liebesgeschichten. Erwartungen, denen man nicht gerecht werden konnte, Termine und Fristen, die man versäumt hat, Menschen, die man versetzt hat. Jobs, die zum Kotzen waren oder, Willkommen im nächsten Level, völlig unerwartete Arbeitslosigkeit. Tode, die im Stammbaum den eigenen Zweigen immer näher rücken… Die Liste ist schier endlos.
An manchen Tagen möchte ich dich deswegen anschreien, dir entgegenschleudern, dass wir alle Abstriche machen müssen, um das auf die Reihe zu bekommen, was sich Leben nennt. Ich möchte dir meine Wut gegenüber mir selbst entgegenschreien: Über Freundschaften, die mir aus den Händen gleiten und Freundschaften, die ich nicht in der Lage bin zu beenden, obwohl sie sich längst selbst überlebt haben (du gehörst nicht dazu, keine Sorge). Über kurze, episodische Panikattacken, wenn ich an Prüfungen und Fristen denke. Über die Einsamkeit, die manchmal genau dann kommt, wenn man unter Menschen ist. Über Schulden, die ein Studium verursacht, das sich finanziell kaum rentieren wird. An anderen Tagen möchte ich dir einfach nur von meinem Stolpern erzählen, von meinem und von dem derer, die in meinem Herzen wohnen. Ich kenne niemanden, der nicht ständig stolpert und sich auf die Fresse legt. Es kommt nicht darauf an, nicht mehr zu stolpern. Es kommt eher darauf an, wie gut man sich selbst wieder auf die Beine helfen kann, welche Skills man im Verarzten und Empowern hat. Ein Bad nehmen, einen Kakao mit Sahne trinken, eine dieser Serien in den DVD-Player legen, die sich beim Angucken anfühlen wie eine tröstliche Umarmung, dieser einen Freundin schreiben, deren Worte dafür sorgen, dass die eigene Atmung sich wieder verlangsamt. Ich versuche dir diese Freundin zu sein: Die deine Atmung verlangsamt, die die Papiertüte ist, in die man reinatmen soll, wenn gar nichts mehr geht. Ich möchte dir sagen: Kopf hoch. Mein Monat war auf dem Papier eine absolute Katastrophe, aber ich kann noch laufen. Es gab Momente, die schön waren, Momente, die Hoffnung machen, dass der nächste Monat nur halb so doof laufen wird. Das ist etwas, das ich glauben MUSS, um Bock zu haben, mich allen möglichen blöden Dingen zu stellen, die da so auf mich warten. Etwas, das mich morgens zum Aufstehen bewegt.

Versteh mich nicht falsch: An den meisten Tagen wache ich auf und freue mich. Auf den Tag, auf das was ist, auf das was wird, was sein könnte. Freue freue freue mich. Ich habe es gut. Ich habe Freunde und Familie, ein Dach über dem Kopf, mehr Essen als mir gut tut, ich kann mir Erlebnisse kaufen, an die ich in vielen Jahren noch denken werde (‚Dieses eine Konzert, im Regen, damals, weißt du noch?‘-Momente und Rucksacktouren ans Ende der Welt, diese Touren, auf denen ich nur ganz wenige Menschen ertrage und nach deren Rückkehr ich sofort wieder ausbrechen will, weil alles so laut und voll ist und die Sorgen wieder da sind). Und ich habe mich. Ich kann mich auf mich verlassen, was vielleicht das Wichtigste ist. Ich hoffe, dass du dir irgendwann genug vertraust, um dich auf dich selbst verlassen zu können. Auf dein Talent, deine Instinkte, deine Träume, die Schlüsse, die du aus deinem Scheitern gezogen hast. Dass du dich auf das verlassen kannst, was ich in dir sehe. Hab keine Angst. Du bist nicht allein. Ich halte deine Hand, auch wenn ich manchmal vielleicht nicht den Gegendruck ausüben kann den du dir wünscht. Aber: Du. Bist. Nicht. Allein.

(Bild via morgacito.)

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5 Comments

  1. Hallo Mirka,
    super schön geschrieben!!!
    Tat gut heute nach eine Stolpertag mit eigentlich nur zwei Menschen, die sich blöd verhalten habe (und alles andere war gut). Aber manchmal macht es so viel aus und manchmal will auch ich mich dann nur verkriechen und wäre gerne wieder vier und würde mich bei Mama verkriechen.
    Sehr berührend!
    Nanne

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