Sonst Tränenbad.

2443500958_faca607ff8_z

Sie war schon wieder zu spät dran und wusste nicht, auf wen sie aktuell wütender war. Auf Marlon, der morgens so gute Laune hatte, dass sie schon mehrfach vor 7 Uhr überlegt hatte, sich zu trennen oder ihn, der Einfachheit halber, an Ort um Stelle umzubringen, um das Auseinanderdividieren der Besitztümer und Kinder zu verkürzen. Auf Tonia, die ihre Milch quer über den Frühstückstisch gekippt hatte, während sie Linus an den Haaren zog und dann „Fang mich doch, du Eierloch“ durch die Gegend krakeelte, ohne Anstalten zu machen, überhaupt vor jemandem davon zu laufen. Auf Linus, der anfing bestialisch zu heulen, weil ihm seine Schwester unter Umständen zwei oder drei Haare ausgerupft haben könnte und dessen Stuhlgang heute Morgen so dünn gewesen war, dass sie betete, die Erzieherinnen würden sie heute nicht anrufen, um ihn wegen Durchfalls und schlechter Erziehungsarbeit aus der Kita abholen zu lassen. Oder, und das war am wahrscheinlichsten: Auf sich. Auf sich, weil sie gestern vor den Kindern und mindestens sieben Fremden, von denen einer obdachlos zu sein schien, in der U-Bahn geheult hatte. Auf sich, weil sie heute einen Termin in der Agentur hatte und irgendwelche Trottel wegen ihres Onlineauftritts beraten sollte, die sowieso immer alles besser als sie wussten, obwohl sie nicht einmal in der Lage waren, eine automatische Abwesenheitsnotiz für ihren E-Mail-Account einzurichten. Auf sich, weil sie es nicht schaffte, sich zehn Minuten an den Frühstückstisch zu setzen, um zu verhindern, dass Milchgläser umfielen, Haare gewaltsam Köpfe verließen und Eierlöcher proklamiert wurden. Auf sich, weil ihr Vater vielleicht starb und sie nichts dagegen tun konnte und ihre Mutter auf Durchzug stellte, wenn sie versuchte, darüber zu reden, was wäre wenn… „Ich will nicht, dass du sowas auch nur denkst! Er wird wieder gesund!“ „Aber was, wenn…“ „Ich sagte: Er wird wieder gesund. Und jetzt Schluss.“

An Tagen wie diesen bereute sie es, sich dagegen entschieden zu haben, ihr Geld in ein Auto zu stecken. Wenn sie mit den Kindern in die U-Bahn sprang, um sie zwei Minuten vor dem Morgenkreis völlig gestresst und heulend (meistens die Kinder, manchmal sie) in der Kita zu parken, hatte sie das Gefühl, dass man auf alle wie eine Verliererin wirkte, wenn man Kinder hatte, aber kein Auto. Wie die Leute immer schauten, wenn sie unter dem einen Arm den Tonias Prinzessinnenregenschirm balancierte, unter dem anderen Linus‘ Rucksack, den er unter keinen Umständen weiter würde tragen können (sonst Tränenbad) und, leicht gebeugt gehend, die kleinen Schweißhändchen ihrer Kinder umkrallte, damit diese nicht versehentlich vor die nächste U-Bahn sprangen. Sie stellte sich vor, wie es wäre, die Kinder einfach in Kindersitzen festzuzurren, eine Hörspiel-CD ins Autoradio zu schieben und einfach loszufahren. Eine schöne Vorstellung. Und eine romantisierte. Sie konnte nicht Auto fahren, die Straßen waren um diese Zeit verstopfter als die durchschnittliche Kindernase im Herbst und ständig ereigneten sich irgendwelche tödlichen Unfälle, die sie alle vom Hörensagen kannten und die stets ein hinter vorgehaltener Hand gemurmeltes „zur falschen Zeit am falschen Ort“ beinhalteten.

Noch in der Bahn hatte sie ihrer Mutter eine SMS geschrieben. SMS konnte diese inzwischen. Mama, ich weiß, dass du nicht darüber nachdenken willst, was mit Papa passieren könnte, aber ich habe das gegenteilige Problem: Ich kann nicht aufhören, darüber nachzudenken. Ruf mich an. Ich komme heute Abend. Kuss. Sie stellte sich vor, wie ihre Mutter, die vermutlich gerade dabei war, irgendetwas zu putzen, in ein paar Stunden – nie trug sie ihr Handy am Körper, nie war sie erreichbar, nienienie – ihre SMS las und überlege, ob sie den Umstand des Zurückschreibens auf sich nehmen sollte oder ob sie die Unverschämtheiten ihrer Tochter einfach ignorieren durfte. Diese Unverschämtheiten, sich immer zu widersetzen: Ihr. Gesellschaftlichen Konventionen. Jedweden Erwartungen. Ihr, die sie vom Sterben ihres Vater sprach, während ihre Mutter das Überleben ihres Ehemannes plante.

Sie steckte ihr Handy wieder in die Jackentasche und dann, dann kotzte Linus auf ihre Schuhe.

(Bild via wolfgangfoto.)

Advertisements

1 Comment

  1. Oh mein Gott, wie ich diese Tragödien des Alltags kenne … Man möchte sich einfach wegbeamen und überlegt wirklich, welchen Filmvertrag man da um alles in der Welt unterschrieben hat.
    Aber super beschrieben, ich werde mich hier mal ein bisschen umlesen! Danke für den schönen Moment an einem von Selbstzerfleischung und inneren Dämonenbekämpfung gespickten Morgen!
    LG
    Sybille

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s