It’s not the answer.

“I think everybody should get rich and famous and do everything they ever dreamed of so they can see that it’s not the answer.” —Jim Carrey

Ich sitze zwischen meinen Besitztümern und versuche, nicht in Tränen auszubrechen. Genau genommen sitze ich nicht, sondern knie. Was ziemlich unbequem ist, wenn man das Stunden am Stück tut. Der einzige freie Fleck auf dem Boden ist der Fleck, auf dem ich aktuell knie. Um mich herum: Diddl-Ordner. (Ja. Ich war eines DIESER Kinder.) Bücher, die mich weniger interessieren als der Nagelpilz deiner Großtante Ingeborg. Ein riesengroßer Stapel Zeichenblöcke, obwohl ich kaum im Stande bin, etwas zu malen, das den Eindruck hinterlässt, ich hätte je die Kopffüßler-Phase verlassen. (Grüße an meine ehemalige Kunstlehrerin Frau K., der ich es hoch anrechne, mich in all den Jahren allenfalls wohlwollend beleidigt zu haben!)

Mental habe ich im Moment einen recht erschöpfenden Punkt des „Mehr als genug“s erreicht. Klamotten, Bücher, DVDs, Dekokram, Konsumgeräte, Büromaterialien… Alles im Überfluss vorhanden. So sehr im Überfluss, dass ich mich zwischen meinen Sachen sitzend irgendwie ziemlich überflüssig fühle. Ich habe Vorräte, als hätte ich sehr entbehrungsreiche Zeiten miterlebt, die dieses Verhalten rechtfertigen würden. Ich habe mehr ungelesene Bücher, als jemandem gut tun kann, der sich von Dingen, die es irgendwie noch abzuarbeiten gilt, schnell „bedroht“ fühlt. Die Hälfte meiner DVDs habe ich seit mindestens zwei oder drei Jahren nicht mehr gesehen und werde es garantiert auch die nächsten zwei oder drei Jahre nicht tun. Kurz: ALLES MUSS RAUS.

Nun gut, nicht alles. Vielmehr das, was für mich persönlich keinen Sinn mehr macht, was mich belastet, was Platz wegnimmt, was keine oder kaum Verwendung findet, jemand anderen vielleicht sehr glücklich machen würde, alles raus, was kaputt ist oder wo ich nicht einmal genau sagen kann, warum ich das aufgehoben habe. Die Schränke sollen leerer werden, alles, was aktuell herrenlos irgendwo rumsteht und bleiben darf, soll einen Platz finden.

Als ich zu Hause zwecks Studium ausgezogen bin, habe ich einiges mitgenommen, vorwiegend Bücher und DVDs. Diese habe ich vor meinem ersten Umzug von der ersten in die nächste WG wieder nach Hause gefahren, weil ich gemerkt habe, dass ich sie am Studienort eigentlich kaum benötige, da ich damals schon relativ viel unterwegs war und mich kaum an meinen ganzen Büchern und DVDs erfreuen konnte. Dabei ist es bis heute geblieben, obwohl ich mittlerweile alleine auf knapp über 30 Quadratmetern wohne. Ich habe einige ungelesene Bücher dort und DVDs, die ich mir aktuell oder zumindest zeitnahe ansehen werde. In meiner Wohnung gibt es wenig bis gar nichts auszumisten, sieht man von der Kramsschublade meiner etwas schrottigen Kommode ab, die ich sowieso gerne zeitnahe loswerden würde. Aber das kann und muss bis Oktober warten, denn solange residiere ich unter anderem praktikumsbedingt noch in meinem Elternhaus. Und dort habe ich mehrere Zimmer im Dachgeschoss, denen ich nach und nach an den Kragen rücken werde, jetzt, wo ich meine letzte Hausarbeit endlich abgegeben habe und Dank humaner Praktikumsarbeitszeiten auch mal über etwas Luft zum Durchatmen verfüge. Vorerst soll es nicht darum gehen, mit so wenig wie möglich auszukommen (ich strebe also – erstmal und so wie ich mich kenne allgemein eher nie – nicht an, eine „100 Dinge besitzen“-Minimalistin zu werden, was schon alleine meiner großen Sockensammlung geschuldet nicht gerade ein realistisches Ziel für mich Kalte-Füße-Geplagte wäre). Vielmehr soll es darum gehen, erstmal das wegzuschaffen, was davon abhält, mir die Frage zu stellen, welche Besitztümer so wesentlich für mich sind, dass sie für immer und ewig (oder so lange, wie sie intakt sind zumindest) bei mir bleiben dürfen.

Minimalismus-Manifest

Mein (geplantes) Vorgehen lässt sich in etwa so zusammenfassen:

1. Ein Schritt nach dem anderen.
Dies soll ganz allgemein für die nachfolgenden Punkte gelten, aber auch
für den Ausmist-Prozess an sich. Ein Raum nach dem anderen, darin dann ein Schrank nach dem anderen, eine Fläche nach der anderen. Immer nur eine Baustelle, anstatt überall gleichzeit in maßlosem Chaos zu versinken und das Gefühl zu haben, einfach nicht von der Stelle zu kommen.
2. Dingen eine längere Lebensspanne schenken
Zugegeben: Hier habe ich mich in den letzten Jahren auch nicht immer gerade mit Ruhm bekleckert. Besonders in Bezug auf Handys. Die ersten habe ich tatsächlich nur ersetzt, als sie dabei waren, die ewigen Jagdgründe zu segnen. Aber als die Smartphones Einzug in mein Leben erhielten, verkürzte sich die Zeitspanne, die Handys mit mir verbrachten, rasend schnell. Aktuell nutze ich das Samsung K Zoom, das ich als Testgerät erhielt und das mich wegen der Kamerafunktion wirklich begeistert (ich spiele aktuell mit der Überlegung, mich von meiner Kompaktkamera und eventuell sogar von meiner Spiegelreflexkamera zu trennen, die ich primär angeschafft hatte, weil ich einige Jahre im Lokaljournalismus gearbeitet habe). Ich habe den Vorsatz gefasst, es so lange zu nutzen, bis es stirbt (bei Smartphones ist so schlecht zu kalkulieren, wann das passiert, also schreibe ich hier mal lieber nichts von „DIE NÄCHSTEN FÜNF JAHRE WERDE ICH DAS BENUTZEN!“, geplante Obsoleszenz und so). Mal sehen, wie das so klappt.
3. Qualität vor Quantität
Wie gesagt: Es soll nicht darum gehen, gar nichts mehr zu kaufen oder zu besitzen, sondern darum, mir mehr Gedanken über die Qualität zu machen, woher das Produkt kommt, wie lange es wohl dazu in der Lage ist, mich zu begleiten. Also: Lieber weniger neue Klamotten, dafür aber fairer hergestellte, hochwertigere. Sollte etwas kaputt gehen, das mich begleitet, dann habe ich vor, mich zu fragen, ob es der betreffende Gegenstand verdient, ersetzt zu werden – und wenn dem so ist, wie ich das möglichst nachhaltig und sinnvoll tun kann.
4. Vorratshaltung einschränken
Ich habe auf vielen Blogs immer wieder den Tipp gelesen, dass man von klassischen Gebrauchsgegenständen im Idealfall genau einen Ersatz im Haus haben sollte (Zahnpasta zum Beispiel) und dass man Dinge, die man in einem Umkreis von 20 Kilometern für unter 20 Euro erwerben kann und die man gerne loswerden würde, auch gut und gerne verschenken oder spenden kann, wenn man sich relativ sicher ist, dass man sie auf unbestimmte Zeit nicht (wieder) benötigen wird.
5. Nach Alternativen suchen
Wenn also die Vorräte endlich weitestgehend aufgebraucht sind, werde ich mich der Frage ausgesetzt sehen, wie es weitergehen soll: Nachkaufen – oder einfach mal nach einer Alternative suchen? Ich habe bei meinem Einlesen ins Minimalismus-Thema viele Tipps entdeckt, wie man klassische Supermarkt-Kauf-Sachen selbst machen kann: Waschmittel, Putzmittel, Haarshampoo… Definitiv eine Idee, mit der ich mich, sobald es nötig wird, näher auseinandersetzen werde.
6. Anders konsumieren und schenken
Ich möchte nicht grundsätzlich das Kaufen verteufeln, denn ich liebe gutes Essen, Kinobesuche und Festivals. Das ist in meinen Augen allerdings eine ganz andere Form des Konsums, denn hier kaufe ich mir quasi Erinnerungen oder Miteinander (gemeinsam Kochen rockt!). Wenn mir jemand künftig eine Freude machen will: Ich freue mich über gemeinsame Erlebnisse oder, wenn es tatsächlich etwas ganz klassische Materielles sein soll, Gutscheine für eBooks.
7. Digital statt analog
Um noch einmal auf das weiter oben angeschnittene Thema Kulturgüter zurück zu kommen, habe ich in den letzten Monaten vermehrt festgestellt, dass ich zunehmend gerne digital lese, ich also nicht mehr jedes Buch im Regal stehen haben muss. Absolute Lieblingsbücher dürfen gerne im tatsächlichen Regal stehen, die ganzen anderen Bücher, die von temporärem Interesse sind, dürfen auch gerne auf meinem Kindle Einzug halten. Auch bei Serien und Filmen habe ich festgestellt: Irgendwie muss ich nicht alles besitzen und in meinem Regal horten. Dass ich mich jemals von meinen Gilmore Girls DVDs trenne, sehe ich irgendwie nicht kommen – aber andere Serien gucke ich auch gerne über Amazon Instant Video, da dieser Dienst sowieso in meiner Amazon Prime Mitgliedschaft enthalten war, die ich mal für ein Jahr zum Testen als Neustudentin geschenkt bekommen habe. (Ja, ich weiß, Amazon ist auch nicht die optimale Lösung, aber vorerst habe ich genug andere Baustellen, bevor ich mich diesem Teil meines Lebens annehmen werde.) Ansonsten setze ich relativ viel Hoffnung auf Netflix.
8. Verschenken, spenden, verkaufen/tauschen, wegwerfen
Das ist, was ich mit den überschüssigen Dingen tun werde. Bücher, DVDs und Klamotten, die im Freundeskreis Gefallen finden, verschenken. Dinge, die noch gut sind aber im Umfeld keine Abnehmer finden, der Kleiderkammer oder der Gebrauchtbuchhandlung spenden. Dinge, die noch einen gewissen Wert haben und die ich ungern gratis in die Welt schicken würde, bei eBay/Kleiderkreisel/Tauschticket einstellen (das werden relativ wenige Sachen sein, da ich dies nur tun möchte, wenn sich in meinen Augen der ganze Prozess des Einstellens, Abwickelns und Versendens auch wirklich lohnt). Und „Müll“: Rigoros weg damit!

Sein wir ehrlich: Sogar wenn ich die Hälfte meiner Besitztümer verkaufe, verschenke, spende und teilweise auch wegwerfe, dann habe ich immer noch ziemlich viele Sachen. Aber: Es ist ein Anfang und ich mag Anfänge. Ich hoffe, ihr habt Lust, mich auf den ersten Schritten zu begleiten und mir vielleicht ein bisschen darüber zu erzählen, wie ihr so zu eurem Besitz steht.

Links zum Thema:
Mr Minimalist
The Minimalists
Minimalismus leben
MalMini
Minima Muse
Becoming Minimalist
minimal student
Minimalistisch Lebende
Minimalism Journey
MinimalistenFreund.de
frau momos minimalismus
Alex Rubenbauer
Lazy and Lovely
Apfelmädchen
Karo Kafka
Fräulein Ordnung

Eine Facebookgruppe zwecks Diskussion und Inspiration gibt es auch: Auf dem Weg zum Minimalismus.

Diese Bücher habe ich in den letzten Wochen gelesen:
Miss Minimalist von Francine Jay – auf dieses Buch stieß ich, als ich nach Lektüre zum Thema Ausmisten suchte und ich muss sagen, dass es für mich der Auslöser war, mich eingehender mit dem Thema Minimalismus zu beschäftigen und ein eigenes Projekt beginnen zu wollen
Die Entdeckung der Schlichtheit von Daniel Siewert
100 Tipps, die das Leben einfacher machen von Pia Mester
A Day in the Life of a Minimalist von Joshua Fields Millburn
Mini-missions for simplicity von Courtney Carver
Genug: Wie Sie der Welt des Überflusses entkommen von John Naish

“Der Mensch findet zuletzt in den Dingen nichts wieder, als was er selbst in sie hineingesteckt hat.” – Friedrich Nietzsche

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5 Comments

  1. Oh, danke fürs Erwähnen in der Linkliste, liebe Mirka. Nach zwei Wochen Shopping-Diät will ich nächsten Monat damit starten, mehr in MICH zu investieren. Ich will einen Gelassenheitskurs besuchen, vielleicht auch wieder einen Fotokurs. Gesünder essen, mich mehr bewegen und vor allem: Entspannen. Also nicht nur aufm Sofa, sondern aktiv. Mit Progressiver Muskelentspannung, Autogenem Training… Ich wünsche Dir viel Erfolg auf Deinem Weg des Minimalismus. Meiner wird wohl „moderater Minimalismus“ werden.

    Liebe Grüße
    Britta

  2. An diesen Moment, in dem ich beschloss, dass meine Besitztümer langsam weniger werden sollen anstatt mehr, kann ich mich noch erinnern. Plötzlich erfreute ich mich nicht mehr an den Dingen, sondern fühlte mich eher erdrückt. Alles erforderte Aufmerksamkeit, alles wollte benutzt oder abgestaubt werden – was mich Lebenszeit kosten würde, die ich schlichtweg nicht dafür aufbringen möchte.

    Ich wünsche dir viel Erfolg beim Minimalisieren! 🙂

  3. Kleiner Klugscheißerkommentar zu 4.: Zahnpasta ist ein Verbrauchsgut, Gebrauchsgegenstände kann man mehrmals benutzen ;).

    Und zum Minimalismus und Ausmisten: das habe ich auch letztens bzw. sogar fast schon die letzten Jahre gemacht. Es ist erstaunlich was sich noch so alles in den Schränken findet! Du kennst sicherlich auch die Free-your-stuff-Gruppen bei Facebook? Da kann man Sachen verschenken und findet sehr schnell einen Abnehmer, der es auch wirklich gebrauchen kann. =)

  4. Finde deinen Beitrag äußerst motivierend! Drücke mich nämlich schon seit Ewigkeiten darum, endlich den Dachboden auszumisten… *hust*

    Was ich im übrigen sehr praktisch finde, ist, kaum noch Tonträger zu Hause verstauen zu müssen. Läuft mittlerweile alles über Streamingdienste. Ok, Vinyl ist da natürlich auch irgendwo eine Ausnahme, aber auf CD-Booklets wirkte das Artwork ja noch nie so richtig gut… 😉

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