„Erster Schultag nach den Ferien“-Aufregung.

 

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Ich sitze hier und kann kaum glauben, dass ein Jahr rum ist. Schon wieder. EIN JAHR. Vor einem Jahr, da hat ein Praktikum dafür gesorgt, dass mir klar wurde: Ich werde Erzieherin. Dass ich Kindheitspädagogin werden würde, das stand eigentlich schon im Mai des vergangenen Jahres fest, als ich in einem Frühpädagogik-Studiengang hospitierte. Dass ich damit aber tatsächlich an der Basis würde arbeiten wollen, das kam erst, als ich nach meinem ersten Kita-Tag so begeistert war, dass ich im Auto auf dem Nachhauseweg vor Erleichterung fast geheult hätte.

Heute, ein Jahr später, macht mich diese Entscheidung glücklicher denn je. Ich habe viel Arbeitserfahrung sammeln dürfen, in zwei Einrichtungen gearbeitet, die mir so viel mit auf den Weg gegeben haben. Vor allem eine erste Idee darüber, welche Erzieherin ich mal sein will. Sein kann. Rückblickend sammeln Familie und Freundeskreis gerne Indizien, die schon immer darauf hingedeutet haben, dass aus mir eine ziemlich gute Erzieherin werden könnte: Das Leuchten in meinen Augen, wenn Kleinkinder auf der Bildfläche erschienen. Meine Begeisterung über meine beiden Babysitterkinder, die ich hatte, noch bevor ich anfing, Philosophie und Politik zu studieren. Die Tatsache, dass ich am allerliebsten Artikel schrieb, in denen Kinder die Hauptrolle spielten (ich erinnere mich heute noch lebendig daran, wie ich vor etwa drei Jahren von einer Kindergartenneueröffnung berichtete und ganz ergriffen dabei zusah, wie Dreijährige die kleine Raupe Nimmersatt performten). Charaktereigenschaften, die irgendwo zwischen Vermittlungsdrang und Helfersyndrom zu verorten sind. Ich weiß noch, dass ich ein paar Monate vor meinem Abi darüber nachdachte, nochmal alles umzuschmeißen und Soziale Arbeit zu studieren, aber tief in mir drin das Gefühl hatte, ich müsste jetzt doch irgendwie erstmal meinen lebenslangen Plan A verfolgen. Seitdem ich mich exmatrikuliert habe, habe ich mir angewöhnt, nicht weiter zu planen, als bis zum Jahresende. Damit fahre ich bisher ziemlich gut.

Morgen kehre ich also für 6 Wochen dahin zurück, wo für mich irgendwie alles begann: In die Einrichtung, die meine vage Idee „Irgendwas mit Kindern“ mit einem stabilen Boden untermauert hat. Ich habe dort viel Wertschätzung und Zuspruch erfahren, was mir auch den Mut gab, meinen Berufswunsch klar zu benennen: Erzieherin. Was gemessen an meinem früheren Berufswunsch so anders ist, dass es mich mehr als einmal in einen Rechtfertigungszwang gebracht hat, der vor allem auch viel damit zu tun hat, dass das Berufsbild irgendwo immer noch bei „spielen, singen, basteln“ hängen geblieben ist, was natürlich auch dazu gehört. Mit Betonung auf einem dicken, fetten Auch. Ich kriege von Halli Galli Kopfweh, singe wie eine besoffene Matrosin und meine Bastelarbeiten könnten auch aus dem Kunstunterricht ambitionierter Zweitklässler stammen. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich mal eine ganz passable Erzieherin abgeben werde. Und sei es nur, weil ich zeige, dass es menschlich ist, nicht Bock auf jedes Spiel zu haben, schief zu singen und so zu basteln, dass nur Menschen es toll finden können, die einen sehr lieb haben. (Und ich glaube, ich kann ganz gut trösten, zuhören und motivieren. Aber das nur am Rande!)

Ein bisschen Wehmut begleitet mich nun schon seit Ende Juli, da mein Quasi-Teilzeit-Job in einer Krippe ausgelaufen ist und es keine Möglichkeit gab, den Vertrag zu verlängern. Ich werde immer wieder von Momenten heimgesucht, in denen ich mich frage, wie Prozesse weitergegangen sind, an denen ich irgendwie noch beteiligt war, aber deren Fortlaufen ich nun verpasse. Ob M. ihre Angst vor Monstern im Schlafraum überwunden hat. Ob R. den Übergang von Krippe zu Kindergarten gut geschafft hat. Ob L. mittlerweile mit der Gruppe so toll spricht, wie sie es immer in unbeobachteten Momenten mit ihrer Mama tut. Was aus L. und seiner Gemüse-Aversion geworden ist. Und und und. Einerseits ist dieses „Weiterdenken“ ein wenig anstrengend, andererseits bin ich froh, dass mich das dort Erlebte noch weiterhin beschäftigt, denn wäre mir mein Abschied nicht so schwer gefallen, wie er mir gefallen ist, dann wäre ich vermutlich doch im falschen Berufsfeld gestrandet. Ich freue mich darauf, die Gruppe im Oktober zu besuchen und bin gespannt, wer sich noch an mich erinnern wird. Und ich hoffe, dass meine Nachfolgerin, die ihr Anerkennungsjahr dort absolviert, rockt und gut zu „meinen“ Kindern ist.

Im Oktober, nach meinem Praktikum und zum neuen Semester, geht es weiter. Wir erinnern uns: Ich hatte noch eine kleine Stelle in einer anderen Kita, die vorerst bis zum Jahresende erweitert wurde. Auch dort zieht es mich wohl nun primär in die Krippe, worüber ich mich sehr freue und was meinen Wunsch festigt, meine Bachelorarbeit über den U3-Bereich zu schreiben. Und 2015? Tja, wie gesagt: Ich denke erstmal nur bis zum Ende des jeweiligen Jahres, in dem ich gerade so vor mich hinlebe. Sollte mein Job nicht ein weiteres Mal verlängert werden, dann freue ich mich auf neue Kinder und neue Herausforderungen und verlasse auch diese Einrichtung mit einem weinenden und einem lachenden Auge.

Ich wünsche euch einen schönen Spätsommer und hoffe, ihr habt ebenfalls Projekte und Unternehmungen, die euch erfüllen und eure Tage schöner machen. Ich packe jetzt meine Tasche, freue mich, ab morgen endlich wieder was zu tun zu haben und verfalle in leichte „Erster Schultag nach den Ferien“-Aufregung.

 

(Bild via Robert S. Donovan.)

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2 Comments

  1. Hey,
    wie bist du an diese Kita-Teilzeitjobs rangekommen? Ich studiere auch Kindheitspädagogik und hätte gerne mehr Praxis…

    Ich mag wie du schreibst, so reflektierte Menschen gibt es in meinem Studiengang leider nicht…

    Tini

    1. Danke für das Kompliment, Tini! ❤

      An die Jobs bin ich über einen E-Mail-Verteiler der Praxisstelle meines Studiengangs gekommen. Die Einrichtungen wenden sich anscheinend an unsere Praktikumsberaterin und die leitet das dann weiter. Ansonsten kann es bestimmt auch nicht schaden, einfach mal eine Initiativ-Bewerbung an große Träger zu schicken. Ich bin bei der evangelischen Kirche als pädagogische Mitarbeiterin eingestellt worden, die zahlen auch recht ordentlich. 🙂

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