Im Erinnern vergessen.

3838537325_3b70cc410d_z

„Können wir meine Oma abholen fahren?“ Lene wusste nicht, wer überraschter gewesen war, dass Frankie erstmals ansatzweise so etwas wie eine Anforderung stellte: Sie, ihr Vater oder Frankie selbst. Frankie hielt kurz inne, dann stammelte sie: „A…also nur, wenn das keine Umstände macht. Es liegt auch fast auf dem Weg.“
‚Fast auf dem Weg‘ stellte sich als ein 100 Kilometer langer Umweg zum entlegensten Fleck der Welt heraus, aber niemand sagte ein Wort. Sie brauchten fast zwei Stunden für diese 100 verdammten Kilometer und spätestens, als sie durch einen Ort namens „Nichtinghausen“ fuhren, der aus kaum mehr als einer Straße bestand, war Lene kurz davor, in Pauls Kopfstütze zu beißen, der den Volvo mit einer Hand über schmale, kurvige Landstraßen immer tiefer ins Sauerland lenkte.

***

Für Frankie hatte es lange eine essentielle Unterscheidung gegeben: Die zwischen Oma und Omi. Omi war eine lebenslustige, humorvolle, keksebackende und schnapstrinkende Großmutter gewesen. Omi, die ihr durch so viele Krisen mit ihren Eltern geholfen hatte – und vor allem durch die finale – war vor drei Wochen gestorben. Einen spontanen, einfachen Tod. Zumindest für sie war es einfach gewesen. Frankie hatte es in den Grundfesten erschüttert zurückgelassen und vermutlich war Omis Tod ein Auslöser dafür gewesen, dass sie nun schon den zweiten Tag mit Lene und Paul in den Sonnenuntergang fuhr. Sie vermisste Omi und fragte sich, ob das der völlig bescheuerte Grund dafür war, dass sie ihre Mitfahrer dazu genötigt hatte, zu Oma zu fahren.
Mit Oma gestaltete es sich von jeher als … kompliziert. Oma war in so ziemlich allem Omis Gegenpol. Wenn Omi hätschelte, dann krittelte Oma. Wenn Omi Vanillekipferl spendierte, ließ Oma einen Bausparvertrag springen. Wo Omi auffing, schubste Oma.
Oma hasste Frankies Tattoo und die Tatsache, dass sich bereits zwei Knicke in ihrer noch so jungen Bildungsbiographie befanden. Oma hasste, dass Frankie ihre Haare selbst schnitt und kein Fleisch aß, dass sie Wohnungslosen Geld in ihre Pappbecher warf und sie nicht auch einfach ‚Penner‘ nannte. Oma ertrug es allgemein nicht, dass Frankie nicht einfach die Klappe und die Füße still hielt, wenn jemand etwas sagte, das gegen Frankies Weltoffenheit ging – sie deutete es in ihrem ganz besonderen Fall als Respektlosigkeit vor dem Alter. Wenn Frankie ehrlich war, dann liebte sie ihre Hahnenkämpfe mit Oma. Anders als ihre Eltern ließ Oma sie immerhin ausreden, bevor sie zurückschrie.
Vor einem Jahr hatte die Diagnose gelautet: Beginnende Demenz.
Oma besuchen, die vielleicht gar nicht mehr Oma war, das war ihr ganz persönlicher Gang nach Canossa.

***

Schon aus dem Augenwinkel sah er ihr an, dass irgendetwas nicht stimmte, ganz gleich, wie sehr sie sich bemühte, locke auf dem Sitz zu sitzen und den Blick entspannt wandern zu lassen. Die hervortretenden Fingerknöchel, der wippende linke Fuß und die wilden Augen erzählten eine andere Geschichte.
„Frankie?“ Er wandte den Blick kurz von der Straße ab.
„Ja?!“ Ihr Zusammenzucken war besorgniserregend.
Er warf einen Blick in den Rückspiegel, um sich zu vergewissern, dass Lene immer noch schlief. Irgendwo zwischen „Nichtighausen“ und „Schlagmichtot“ hatten sie Lene an ihre Träume verloren. Es überraschte ihn immer wieder aufs Neue, wie jung sie aussah, sobald ihre Fassade fiel. Er hätte ihr ewig so zusehen können, wären da niht die Straße gewesen und das elende Energiebündel auf seinem Beifahrersitz.
Kurzentschlossen löste er seine rechte Hand vom Lenkrad, griff nach Frankies verkrampften Fingern, die sich unwesentlich entspannten, aber immerhin den Druck seiner Hand erwiderten und schließlich ihre Finger mit seinen verschränkten. Sie sah kurz auf ihrer beider Hände, dann blicke sie wieder aus dem Fenster und begann zu erzählen.
Frankie erzählte von dem ersten Mal, das sie das Haus ihrer Oma türenknallend verlassen hatte. Da war sie 9 gewesen. Sie erzählte von Weihnachtsfesten, an denen niemand keinen Streit gehabt hatte. Sie erzählte von Machtkämpfen, von Prestigedenken, von ihrem Scheitern. Manche Geschichten strotzen vor Auslassungen, fast so, als gäbe es Dinge, die sie selbst im Erinnern gerne vergessen würde. Andere rezitierten ganze Gespräche, die sie gehabt hatte und aus denen sie nicht immer als Heldin herausgegangen war, obwohl sie nicht selten die Hauptprotagonistin gewesen war. Irgendwann flossen die Tränen, da war das Wort Demenz schon gefallen.
Als er ihre Tränen kaum noch aushielt, ging er vom Gas und fuhr kurzentschlossen in den nächsten Feldweg. Wo er fast Bambis Mutter umgebracht hätte.

(Bild via Bindaas Madhavi.)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s