Das gesellschaftliche Ansehen liegt am Boden und heult.

Neulich, da saß ich in der Bibliothek und bin ausgerastet. Nicht, weil der Typ mit dem BWL-Buch plötzlich in der Ruhezone in sein iPhone quäkte. Nicht, weil mir schon wieder ein Mädel mit Michael Kors Handtasche und „Marathon lauf ich daran nicht“-Absatzschuhen auf den Fuß gestampft ist, als wir uns um den letzten freien Sitzplatz prügelten. Und auch nicht, weil mal wieder die komplette Literatur für die Hausarbeit ausgeliehen und ich gezwungen war, auf Amazon Bücher zu erwerben, die mich nicht im entferntesten interessieren (alles für die Modulabschlussprüfung, #yolo).

Nein. Ich bin ausgerastet, weil ich mal wieder in einem sozialen Netzwerk las, wie ein frisch fertig studierter Sozialarbeiter unter gar keinen Umständen einen Job im Kindergarten würde haben wollen, „denn dann hätte er ja eine Ausbildung zum Erzieher machen können“.
Okay.
3.
2.
1.
WAS?

Eigentlich bin ich in den letzten Jahren ziemlich entspannt geworden. Ich rege mich nicht mehr über jede Kleinigkeit auf und manchmal habe ich sogar die Stärke, Kommentare unter Facebookpostings, die mir irgendwie am Herzen liegen und meine Meinung widerspiegeln, nicht zu lesen. Und wenn doch, dann lese ich sie, denke mir „Vollidiot*innen ohne erfülltes Leben“ und koche mir dann einen Tee in meiner schönen Wohnung oder schreibe Glücklichmachmenschen, dass ich froh bin, mit ihnen und nicht mit solchen Doofköpfen befreundet zu sein.
Wie gesagt: Ich bin ziemlich entspannt geworden. Man wird ja auch nicht jünger und mit jedem Tag entfernt man sich ein Stück weiter von der „ICH MUSS ZU ALLEM EINE MEINUNG HABEN UND DIESE HINAUSSCHREIEN UND DURCHSETZEN!“-Phase, die sich Pubertät nennt.
Aber natürlich habe ich noch Achillesfersen. Und eine ganz besonders: Meine (für mich noch sehr neue!) Berufswahl.

Ich werde Erzieherin. Ich sage das so, weil ich es falsch finde, der Berufsgruppe der studierten Erzieher*innen einen neuen Namen zu geben, nur um sie attraktiver zu machen. Ich fühle mich nicht besser, wenn ich das, was ich Tag für Tag tue, als mein Wirken als „Kindheitspädagogin“ bezeichne. Ich muss mir durch mein Studium nicht selbst etwas beweisen und mich von der ausgebildeten Erzieherin absetzen. Dass es dennoch die neue Berufsbezeichnung gibt, dass wir uns Kindheitspädagog*innen nennen werden, sobald wir fertig mit unserem Bachelor sind, ist aber einer Tatsache geschuldet, die nicht von der Hand zu weisen ist:

Das gesellschaftliche Ansehen, das Erzieher*innen „genießen“, liegt am Boden und heult. Wie die Kinder, wenn es uns nicht gäbe.

Bildschirmfoto 2014-06-29 um 19.28.12

Wenn ich mich so umhöre, dann bin ich manchmal geschockt, was Leute denken, das ich tue, wenn ich arbeite beziehungsweise welche Aufgaben die nächsten vierzig Jahre auf mich warten werden. Natürlich spiele, singe, tanze, male, bastle, tröste, wickele ich. Natürlich schmiere ich Brote, schubse jauchzende Kinder auf Schaukeln an, fege vollgekrümmelte Böden und rufe Eltern an, die ihr krankes Kind aus der Kita abholen sollen. Natürlich tue ich all das, was in den Köpfen der meisten als „Berufsbild“ verankert ist.
Aber: Das tue ich auch.
Über, unter, hinter und neben diesen Tägtigkeiten steckt so viel mehr. Vor allem und maßgeblich: Der Bildungsgedanke. Deswegen spiele und singe ich nicht irgendwie mit den Kindern. Ich frage mich, welche Fähigkeiten dabei gefördert werden und bei welchen Kindern diese Förderung besonders nötig und sinnvoll wäre. Ich beobachte Kinder, um den Kolleginnen, die die Bildungsdokumentationen (Portfolio) erstellen, eine Stütze sein zu können, wenn sie den Entwicklungsstand der einzelnen Kinder festhalten wollen. Ich stärke die Vorläuferfähigkeiten für den Schrift-Spracherwerb, lese Bilderbücher nicht einfach nur vor, sondern, immer den Begriff Literacy im Hinterkopf behaltend, mache eine Betrachtung mit ihnen. Wenn ich sie beim Wickeln frage, welches Tier das denn da auf dem lustigen Bild auf der Windel ist oder sie beim Essen Nahrungsmittel und Utensilien benennen lasse, dann mache ich das nicht, weil ich es lustig finde, herauszufinden, wo das Wissen der Kinder aufhört oder was sie falsch benennen (obwohl es durchaus putzig ist, wenn eine Zweijährige darauf beharrt, Tomaten wären Erdbeeren), sondern weil ich weiß, welche Bedeutung Alltagsintegrierte Sprachförderung für Kinder hat.
Irgendwann, wenn ich fertig mit dem Studium bin, werde ich Vollzeit arbeiten und selbst diese Portfolios erstellen und, ganz wichtig, Elterngespräche führen. Wenn ich Elterngespräche führe, dann muss ich Expertin für ihre Kinder sein. Ich werde ihnen schildern können müssen, wie ich ihren Entwicklungsstand einschätze, wo ich Stärken und Schwächen sehe, vielleicht werde ich auch in die Entscheidung mit einbezogen, wann ein Kind eingeschult werden soll, Gutachten für etwaige Therapeut*innen schreiben müssen.

Natürlich könnte ich all das auch, wenn ich „nur“ eine Ausbildung hätte. Das „nur“ habe ich ganz bewusst in Gänsefüßchen gesetzt, weil ich unter keinen Umständen die Erzieher*innen-Ausbildung abwerten möchte. Im Gegenteil: Ich glaube, dass viele Fachschulen extrem gut auf den Arbeitsalltag vorbereiten und ich ärgere mich immer wieder, dass ich nicht parallel zum Abitur eine Ausbildung zur Erzieherin gemacht habe. Im Studium habe ich manchmal das Gefühl, diesen Schritt übersprungen zu haben und das spricht in meinen Augen definitiv dafür, weiterhin den Dualismus (klassische Ausbildung UND Studium) beizubehalten, uns Kräften in Kitas weiterhin offen zu lassen, über welchen Weg wir ins Arbeitsfeld gelangen wollen.

Warum ich mich dennoch fürs Studium entschieden habe? Weil ich denke, dass, gerade, wenn man wie ich sehr idealistisch ist und das Berufsbild auf stabilere Beine stellen möchte, ein Studium eine extrem gute und starke Argumentationsbasis ist. Ein Studium ist gesellschaftlich anerkannt, bringt einem oftmals automatisch mehr Achtung ein. Was ich unter keinen Umständen begrüße. Ich möchte im Arbeitsalltag nicht über nicht-studierten Kolleg*innen stehen, sondern mit ihnen Hand in Hand arbeiten. Da wir aber im Studium viel über Professionalisierung, viel reflektieren, warum es sinnvoll ist, dass auch Studierte ein fester Bestandteil des Berufsfelde sind, denke ich, dass gerade wir es sind, die das fundierte Wissen haben, das etwa nötig wäre, um in der Gewerkschaft etwas für Erzieher*innen zu reißen. Ich persönlich kann mir zumindest vorstellen, eines Tages in dem Bereich aktiv zu werden, für bessere Arbeitsbedingungen und eine Aufwertung des Berufsbildes, die niemals ohne eine bessere Bezahlung möglich sein wird, zu streiten. Ich streite gerne für Dinge, die mir am Herzen liegen und was sollte uns allen mehr am Herzen liegen, als die Zukunft der (und eventuell auch unserer) Kinder?

Es macht mich wütend, wenn eine – wie auch immer geartete – Abwertung des (MEINES!) Berufsfeldes geschieht. Wenn die Vorannahme getroffen wird, ich täte etwas, das doch jeder tun könnte, der Kinder gern hat und gut mit ihnen auskommt. Dies degradiert die Bildung, die unglaublich wichtige Bildung, die im Kindergarten geschieht, dermaßen hochgradig, dass mir die Worte fehlen. Bildungsbiographien beginnen nicht mit dem ersten Schultag. Bildungsbiographien beginnen mit dem Tag der Geburt. Ob und wenn ja ab wann und unter welcher Qualität Kinder betreut werden, beeinflusst essentiell, welche Wege ihnen später einmal offen stehen werden. Und daran sollten wir schon aus volkswirtschaftlichen Gründen ein Interesse haben, wenn wir schon nicht dazu in der Lage sind, uns für alle Kinder auf der emotionalen Ebene eine tolle, erfüllende Zukunft zu wünschen. Es macht einen extremen Unterschied, ob zwei im Crashkurs quereingestiegene Hebammen Kleinkinder betreuen oder ob gut ausgebildete (und eventuell sogar studierte) Fachkräfte Kinder fördern.

Ich frage mich vor allem, warum auch extreme Abwertungen aus unseren eigenen Reihen kommen. Von Studierenden aus ähnlichen Bereichen (Soziale Arbeit, Erziehungswissenschaft, Lehramt…), die niemals irgendwelchen debilen Kleinkindern den Popo abwischen würden, denn dafür hätten sie ja nicht drei bis fünf Jahre in die Uni gehen müssen. Ich finde es okay, wenn diese Studierenden sagen: „Das Arbeiten mit kleinen Kindern ist nicht meins.“ „Ich arbeite lieber mit *hier einsetzen, womit lieber gearbeitet wird*.“ Oder meinetwegen auch „Die Bezahlung im Kindergarten ist mir zu schlecht.“ Letzteres empfinde ich zwar als auch nicht wirklich produktiv – eine bessere Bezahlung kann es nur geben, wenn wir dafür streiten, nicht, wenn wir das Berufsfeld erst gar nicht betreten, weil wir es als finanziell zu unattraktiv empfinden. (Aber Geld regiert die Welt, ich weiß.) Meinetwegen kann auch jede*r denken, das Arbeiten mit Kleinkindern sei ihm*ihr zu anspruchslos. Dann ist zwar im Laufe des Studiums irgendwas falsch gelaufen (auch im Studium der Sozialen Arbeit sollte Frühe Bildung irgendwann vorgekommen sein), aber wir haben alle ein Recht, uns unsere Meinung zu bilden. Sowas dann aber völlig unreflektiert ins niemals vergessende Internet zu posaunen? Ungünstig. Wirklich ungünstig. Und irgendwie auch ein Armutszeugnis, das man sich selbst ausstellt. Ich sage schließlich auch nicht „Hätte ich Betreuerin für Menschen mit Behinderung werden wollen, dann hätte ich Heilerziehungspflegerin werden können!“, nur weil ich mich in dem Bereich nicht sehe. Nur weil mir ein Bereich nicht so liegt, nicht gefällt, nicht gut genug bezahlt ist, entziehe ich diesem Bereich doch nicht die Berechtigung zur Professionalisierung.

Als neulich auf einem Festival eine Freundin sagte „Das war jetzt aber deine Kindergärtnerinnen-Stimme, oder?“, da war das okay. Weil das eine Freundin war, die es besser weiß. Die mich necken wollte. Und: Die das nur zu mir sagte, unter vier Augen. Wirklich Schaden richtet man an, wenn man solche Aussagen vor einer breiten Öffentlichkeit trifft. Wer im Internet schreibt „Für bisschen Spielen mit Kindern, da muss man doch nicht studieren, buhu!“, der macht all das kaputt, was seit Jahren im Rahmen der Professionalisierung zu verbessern versucht wird. Der sorgt dafür, dass das unzählige Menschen lesen und im Normalfall nicht weiter reflektieren, außer, sie sind in der Thematik drin. Wenn ich als angehende Maschinenbauingenieurin oder als angehender Tierarzt solche Sätze lesen würde, dann würde ich mir vermutlich auch nur denken: „Recht hat er. Das bisschen spielen, das könnte ich bestimmt auch so. Ohne die ollen Erzieher-Möchtegern-Studierenden wäre der Bus morgen außerdem so viel leerer!“ Danke für nichts.

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8 Comments

  1. Ich bin so froh, dass es Menschen wie dich gibt, die diesen Beruf mit so viel Leidenschaft machen.
    Behalte dir diesen Enthusiasmus für deinen Beruf, das ist so wunderbar. Die Eltern der Kinder, die du begleitest, werden es dir danken.
    Und Menschen, die den Erzieherberuf nicht ernst nehmen… da fällt mir tatsächlich nichts zu ein.

  2. Super Beitrag! Und gut, dass du deine Gedanken hier sprechen lässt. Facebook-Posts verdienen es meistens gar nicht, dass man die eigene Empörung drunterpinselt. Hier erreichst du viel mehr Menschen, die nicht auf Shitstorm aus sind, sondern deine Meinung ernst nehmen und teilen. 🙂

  3. Leider gibt es zu viele Berufe, die genau unter diesem schlechten Image leiden… meist Berufe, wo es um die Bildung und Förderung der nächsten Generation geht… Die Basis unserer Gesellschaft, im Grunde das wichtigste… Ich bin Lehrerin und mir geht es da nicht anders, als dir. Die Leute haben oft einfach keine Ahnung, was wir tun.. und dass wir nicht das ganze Jahr Ferien haben, Stuhlkreise machen und nur Filme ansehen.. und wenn man sich dann die Kommentare anhören darf und man nachfragt „Ja, wenn du den Job so easy findest und so geschenkt.. warum hast du dann nicht Lehramt studiert?“ kommt zu 99 % „WAS? Mit der heutigen Jugend.. nein, niemals, das tu ich mir nicht an!“.

    Einfach Kopf hoch… hauptsache dir geht es gut mit deiner Berufswahl, es gibt immer die Stänkerer, die Besserwisser, damit müssen wir halt kämpfen. Ich habe höchsten Respekt vor Erziehern. Gerade die Kleineren liegen mir gar nicht, ich fühle mich eher in Klassen ab der Pubertät aufwärts wohl.

    LG Joella von http://www.joellas-day.de

    P. S. bei mir läuft heute noch ein Gewinnspiel, wo du drei Geschenk-Sets von Yves Rocher gewinnen kannst.

  4. Meine beste Freundin hat die letzten drei Jahre eine schulische Ausbildung zur Erzieherin gemacht, eine andere Freundin ein Studium und jobtechnisch hatte es die Geschulte sogar einfacher, eine Vollzeit Festanstellung direkt im Anschluss zu erhalten, dank Anerkennungsjahr und konstanter berufspraktischer Erfahrung und krasse Projektarbeiten. Sie ist jetzt nicht im Kindergarten, sondern im Heim untergekommen, während die andere studierte im Kindergarten sich mit minimaler Stundenzahl langsam hocharbeiten muss. Ich finde beide Ausbildungen haben ihre Vorteile, die man definitiv nicht verkennen darf. Was dein Kumpane dort bei FB verbreitet ist ein bisschen anmaßend und realitätsfern, gerade weil er wahrscheinlich durch seine universitäre Laufbahn hinter her erst mal ein unbezahltes Ppraktikum nach dem anderen machen muss um die praktische Erfahrung zu sammeln, die bei schulischen Ausbildungen teils mehr als 50% der Zeit ausmachen. Zumindest sind das meine Erfahrungen mit den Erziehern aus meinem Umfeld (von denen es erschreckend viele gibt).
    Ein großartiger Artikel!

    Liebe Grüße,
    Suey

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