Mit nach Hause.

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Manche Kinder nehme ich mit nach Hause. Ich nehme es mit nach Hause, wie die kleine O. (2,5 Jahre) mich anschaut, ohne mich wirklich wahrzunehmen, wie sie völlig weggetreten den Plastiklöffel in der Mitte durchbricht, wie sie jedes Mal kein einziges Wort spricht, kaum auf ihren Namen reagiert, meinen Versuch, ein Bilderbuch mit ihr anzuschauen zwar wahrnimmt, aber kaum etwas mit dem Medium Buch anzufangen weiß, das Blättern wirkt unbeholfen, als ich einen Moment wegschaue steht sie plötzlich halb auf dem Buch. Die Mutter sagt: Es gibt kein Problem.

Ich nehme R. (fast 3) mit nach Hause, deren Mutter nie Hallo sagt, die eine geringe Frustrationstoleranz an den Tag legt, mit der immer wieder ausdiskutiert werden muss, dass der Nachschlag, den sie beim Mittagessen gefordert hat, auch ansatzweise gegessen werden soll, die manchmal, wie aus dem nichts, schubst, mich bereits vors Schienbein getreten hat, weil ich es ihr nicht durchgehen ließ, dass sie andere Kinder beißt.

Ich nehme mit nach Hause, wie viele Kinder ein absolut fragwürdiges Frühstück mit in die Kita bringen: Jeden Tag eine trockene Laugenbrezel. Immer nur Weißbrot mit Gesichtswurst. Nutellabrote. Kuchen. Fruchtzwerge. Donuts. Kein Wunder, dass gemüselastiges Mittagessen nicht gerade der Hit bei uns ist.

Ich nehme mit nach Hause, in wie vielen Familien das Jugendamt beteiligt ist, wie viele Kinder einem Aufwachsen in komplizierten, zerrütteten, wenig wertschätzenden Familien ausgesetzt sind. Wie viele Kinder nicht genug geliebt werden können. Welche persönlichen Dramen wir zwischen 7 Uhr 30 und 16 Uhr 30 – und darüber hinaus – aufzufangen oder zumindest abzufedern versuchen.

Aber: Ich nehme auch mit nach Hause, wie Y. (2), der kein einziges Wort Deutsch sprach, als er zu uns kam, jeden Tag mehr aufblüht, wie er „Ja“ und „Nein“ sagt, Tierstimmen imitiert, wie er zum ersten Mal etwas sagt, das wie „Dankeschön“ klingt, als ich ihm Wasser einschütte, wie er, als alle Mama rufen, plötzlich „Anne!“ ruft, was deutlich macht: Er versteht. Ich nehme mit nach Hause, wie L. (gerade 2) quer über den Tisch mit mir flirtet, mit den Augenbrauen wackelt, wie er sturköpfig zehn Minuten gegen meinen Versuch, ihm Gemüse aufzuzwingen, ankämpft und mich dann gewinnen lässt und mich trotz dieser Grabenkämpfe fünf Minuten später wieder anstrahlt. Wie M. (2), die die ersten zwei Wochen nach der Eingewöhnung nur geschrien und getobt hat, vorfreudig „SPIELPLATZ!“ durch die ganze Kita krakeelt und fast immer guter Dinge ist, waghalsig Klettergerüste in Angriff nimmt, plötzlich ganze Sätze spricht, übt, meinen Namen zu sagen. Wie K. (1) die anderen Kinder anrabaukt, obwohl sie die Kleinste und Neuste ist und die Größeren ihr Welpenschutz gewähren, manchmal gar nicht glauben können, dass die Kleine in dem absurden Marienkäferkleidchen da so kräftig ist. Wie L. (2) in wunderschöner Stimme und klaren Worten mit mir spricht, als wir ganz alleine miteinander sind, nach dem Mittagsschlaf, ihrem zweiten in der Kita, aus dem sie weinend aufgewacht ist und mir in der Mittagspause Gesellschaft leistet, und wir einander erklären, welche Tiere wir auf der Kita-Ikea-Bettwäsche sehen.

Ich nehme viel mit nach Hause, Kinder, die mich beschäftigen, im Positiven, wie im Negativen. Nirgendwo sonst, ist die Veränderung von Kindern so ersichtlich, wie im Krippenbereich – was sich in den vier Monaten, die ich mit diesen Kindern arbeite, alles in ihrem Leben getan hat! So viel, dass es sich für mich anfühlt, als würde ich mindestens schon ein Jahr dort ein und ausgehen!  Ich nehme aber vor allem auch viel neues Wissen über mich selbst mit nach Hause – und das ist unfassbar wertvoll.

Ich nehme nicht nur den Sandkastensand in meinen Schuhen mit nach Hause oder die gelegentlichen Rückenschmerzen, ich nehme all diese Kinder mit nach Hause, ihre Biographien, Momente mit ihnen, ihr Lachen und ihr Weinen, die ganzen Höhen und Tiefen, die wir miteinander erleben und manchmal, so bilde ich mir ein, durch meine Unterstützung ansatzweise meistern.

(Bild via Seema Krishnakumar.)

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6 Comments

  1. Dein Text hat mich gerade berührt.
    Ich arbeite auch in einer Krippe und kann dir nur zustimmen. Anfangs war ich skeptisch, wollte eher mit älteren Kindern arbeiten. Jetzt bin ich jedoch echt gern in der Krippe.

  2. Liebe Mirka, ich bin sehr berührt von deiner Beschreibung. Ich arbeite als Fachberaterin für Fachkräfte, die in Kitas tätig sind, wo es fast nur solche KInder gibt, wie du es beschreibst („Brennpunkt-Kitas“). Nur wenigen Pädagog_innen gelingt es, so wertfrei und ohne Schuldzuweisungen über die Familien zu erzählen. Und dabei ist das der erste und wichtigste Schritt für eine Veränderung im Leben der Kinder. Die erleben es nämlich nicht oft, dass ihren Eltern Wertschätzung entgegen gebracht wird. Danke.

  3. Die Dinge, die du in den ersten 4 Absätzen beschreibst, sind für jemanden, der seit einer gefühlten Ewigkeit versucht, eigene Kinder zu bekommen, und jetzt gerade im ersten Versuch der künstlichen Befruchtung steckt (also für mich), immer so unglaublich und fürchterlich. Um so schöner, dass du so darüber schreiben kannst ❤

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