Nicht hier, um Krach zu machen.

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Im Moment denke ich viel über den Ort nach, an dem wir uns begegnen, du und ich. Ja, ich meine dich. Dich da draußen. Dich, der du vor deinem (oder einem temporär geliehenen) mobilen Endgerät sitzt und diesen Artikel liest. Als ich mit dem Bloggen anfing, da hätte ich noch guten Gewissens „der du vor deinem Computer sitzt“ schreiben können, aber was weiß ich denn schon, wie genau du meine Blogartikel liest. Auf dem Laptop? Dem Tablet? Auf dem Smartphone, unterwegs im Bus nach Irgendwo? Auf mindestens genauso viele Arten, die es gibt, meinen Blog zu lesen, habe ich schon ausprobiert, ihn zu schreiben. Überhaupt: Das Internet mitzugestalten.

Es gab eine Zeit, da hätte ich gesagt: Ich werde das für immer machen. Twittern, bloggen, mein Leben mit tausenden Menschen auf die eine oder andere Art und Weise teilen, denen ich zumeist noch nie begegnet bin und denen ich mutmaßlich auch niemals begegnen werde. (Ausnahmen bestätigen die Regel, einige dieser Ausnahmen darf ich heute meine Freunde nennen, obgleich ich – Überraschung! – meine meisten Freundschaften ziemlich ohne Internet begonnen habe.) Heute sage ich: Ich mache das erst einmal weiter. Trotz kleinerer und größerer Zweifel, trotz des Gefühls, dass ich nicht all das sagen kann, was ich manchmal gerne sagen würde, weil so viele mitlesen, die ich kenne. Die meisten, von denen ich weiß, dass sie hier oder andernorts mitlesen und mitverfolgen, mag ich sehr. Sie sind Freunde, Bekannte, Menschen, über deren Antworten ich mich freue. Aber mit dem Einanderkennen kommt auch, ob man will oder nicht, die Selbstzensur. Ich bin kein Mensch, der die tiefsten Tiefen mit denen teilt, denen er regelmäßig in unterschiedlichen Lebensumständen begegnet. Die höchsten Höhen übrigens auch nicht. Diese ganz starken Gefühle, die gehören mir und nur mir allein. Über manche Dinge denke ich monatelang, bevor ich sie überhaupt greifen kann, bevor sie mehr sind, als ein Flüstern. Und dann kommt der Moment, in dem ich entscheiden muss, wo sie hinkommen, wo ich sie ablade, deponiere, multipliziere. Oft denke ich: Darüber würde ich gerne bloggen. Gefolgt von: Dann fragt A. das und B. kommentiert das und dann muss ich darüber reden und aus reden wird so schnell zerreden. Ich mag Reden, aber nicht Zerreden. Ich mag Schreiben, noch viel mehr, aber oft nicht so, dass ich darüber in Real Life Dialog treten muss. Viele meiner engeren Freunde kennen diesen Blog nicht, wissen nicht um meine fast 4000 Twitterfollower, haben keine Ahnung, dass ich mal mehr und mal weniger aktiv Impressionen auf Instagram parke.

Und das bringt mich an diesen einen Punkt. An den Punkt, an dem ich denke: Cut. Wenn ich darüber rede, über den Wunsch, mein Leben zwar irgendwie im Internet zu dokumentieren, aber mehr für mich, anonymer, dann kommen oft Entsetzenslaute, Bemerkungen wie „Wie, aber du hast doch 4000 Follower auf Twitter!!!“ Das freut mich ja auch – wenn ich etwas Lustiges zu erzählen habe oder mir durch einen Link zu einem meiner Blogartikel erhoffe, euch hier her zu locken, euch eine oder meine Geschichte erzählen zu dürfen. Aber für manche Dinge hätte ich gerne einen Schutzraum. Irgendeinen Ort, wo niemand weiß, wer ich bin. (Hier, so bemüht ich eingangs auch war, hat das mit der Anonymität nicht geklappt, die ich mir beim Ausdenken meines Pseudonyms erhofft hatte.)

Einiges habe ich mit der Zeit aufgegeben. Zu dokumentieren, welche Serien ich gucke, welche Bücher ich lese. Und das nicht nur, weil ich gerade relativ wenig Zeit für diese Herzenbetätigungen habe. Ich lese immer noch, gucke ab und an eine Serienepisode. Aber warum muss ich das ins Internet schreiben? Damit Leute da draußen sagen „Die guckt das gleiche wie ich, mal folgen!“? Aus diesem Grund habe ich das eigentlich nie getan. Wenn, dann, um anderen Buch- und Serien-Tipps mit auf den Weg zu geben. Aber so lange ich keine Zeit habe, ausführliche Rezensionen für das eine oder das andere zu schreiben, hat es in meinen Augen auch wenig Sinn, regelmäßig rauszukotzen, womit ich gerade Zerstreuung suche. Warum man dieses eine Buch so, so liebt, das wird durch „Ich lese gerade …“ nicht deutlich. Warum diese vom Feuilleton als Trash abgestempelte Serie ein Schatz ist, wird durch das Nutzen von Miso und Co, nicht deutlich. Ich bin nicht im Internet, um Krach zu machen. Nicht, um einfach irgendetwas zu schreiben.  Zumindest nicht mehr. Habe ich früher sämtlichen Trending Topics auf Twitter nachgejagt, um mitzureden, habe ich seit Monaten keine Ahnung mehr, wovon ihr sprecht. Natürlich: Die großen Dinge bekomme ich immer noch mit, das wirklich Wichtige. Aber meine Teilhabe an diesen Debatten ist irgendwo verloren gegangen. Was okay ist. Mein Leben spielt sich im Moment woanders ab und in diesem Woanders ist wenig Platz für das, was früher im Zentrum meines Alltags stand. WhatsApp hat viel geändert, was ich sonst oft verkürzt bei Twitter gepostet habe, teile ich dort in Gruppen mit Freund*innen. Twitter hat mich durch schwierige Zeiten begleitet, durch die letzten Jahre meiner Schulzeit. Ich habe viel Unmut geteilt, viel „SPINNEN DIE ALLE“-Szenarien karikiert. Der Mensch, der ich damals war, bin ich nicht mehr. Und das ist auch – und so, so – gut so. Ich habe Menschen in mein Leben gelassen, die dafür gesorgt haben, dass ich mich kennen lerne, hinterfrage, Dinge revidiere, die lange als in Stein gemeißelt für mich gingen. Ich mag meine Freiräume, aber ich bin keine Einzelgängerin. Ich mache gerne die Tür hinter mir zu, aber für meine Freunde reiße ich sie immer, wann es möglich ist (und das ist es oft!), ganz weit auf. Manchmal teile ich auch diese Glücksmomente mit dem Internet, aber es ist kein Muss. Gerade auch, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die von diesem ganzen Internetteil, der zu mir gehört, nichts oder wenig wissen. Meine Erzählungen über diese Menschen waren immer relativ anonymisiert, aber wenn ich ehrlich bin, möchte ich auch nicht ständig die anonyme Fußnote in den Tweets einer anderen Person sein. Das will ich selbst entscheiden können.

Neulich saß ich auf einem Dach, über uns ein wunderschöner Sternenhimmel. Da gab es diesen Moment, kurz war er, wo ich dachte: Hey, das sähe auf Instagram sicher ganz abgefahren aus. Und dann habe ich mich selbst fast geboxt, das Handy in der Tasche gelassen und geschaut und geredet, über das, was mal war, das was ist (eine ziemlich verrückte Nacht, jetzt, rückblickend) und das, was sein wird, was vielleicht sein wird. Gespräche mit Menschen, denen ich vertraue, ganz gleich, wie lange ich sie kenne, sind im Moment die schönste Art und Weise des Michmitteilens. Dafür brauche ich keinen Strom, kein technisches Gerät, keine App. Dafür brauche ich nur Mich, das Ich, das ich außerhalb all meiner Profile bin. Das Ich, das ganz anders ist, als ihr glaubt.

(Bild via Chris Gin.)

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6 Kommentare

  1. Ob dich dein 15-jähriges Ich hier nun auch KO schlagen würde? 🙂

    Ich folge dir seit meinen ersten Tagen auf Twitter (Wie ich auf deinen Account gestoßen bin, ist mir heute ein Rätsel), auch diverse Account Evolutionen hat das überlebt. Ich lese diesen Blog. Ich sehe (und bewundere etwas) deine Entwicklung, deine Klarheit in Entscheidungen, deinen Mut zur Revision.

    Trotzdem hatte man nie das Gefühl, du lebst nach außen, du (und deine, auch und gerade persönlichen, Texte) bist immer mehr Frage, was das Leben der Leser betrifft, als Antwort.

    Ich kenne dich nicht, werde es niemals, aber das was ich lese, bietet so viele Anregungen und Anstöße.

    Ich wünsche dir alles Gute! Im Studium, mit all den Menschen und der Selbstfindung.

    (Nach all den Jahren nun der erste Kommentar und der klingt gleich nach Abschied. 🙂 )

    Liebe Grüße,
    Qynx

  2. Hach, das ist schön, dass du Menschen gefunden hast, die dich verstehen. =) =) Allerdings finde ich das mit den Serientipps sehr schade, du hast mich auf die allerbesten Lieblingsserien gebracht (Hart of Dixie, Switched at Birth, One Tree Hill). Aber manchmal geht das reale Leben dann doch vor Serien und dem Erzählen darüber. =)

    Ganz liebe Grüße =)

    die Smileykiste =)

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