Die Fremde auf der Straße.

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Würden wir etwas anders machen, wenn wir wüssten, welche Bedeutung dieser Mensch, der da gerade vor uns steht, im eigenen Leben eines Tages haben wird? Würden wir uns die ersten Sätze genauer einprägen, würden wir uns mehr Mühe geben, unsere Schwächen zu verbergen, die Schatten um unsere Augen wegzuschminken, häufiger Ja zu uns selbst sagen? Oder gar unser Selbst so tief einbuddeln, dass der andere über unsere Unehrlichkeit stolpern würden? Wenn wir nach dem Moment des Sichvorstellens, des Händeschüttelns, des „Ich bin …“, wüssten, dass wir diesen Menschen, der da vor uns steht, irgendwann unsere beste Freundin nennen werden. Dass wir in diesen Armen eines Morgens aufwachen werden, in denen wir vor lauter Aufregung erst gar nicht einschlafen konnten. Dass das die Menschen sind, die da sind, wenn wir kotzend in der Ecke liegen oder unsere Gehaltserhöhung feiern, die unsere prekären Arbeitsverhältnisse nicht weniger prekär macht. Würden wir?

Und wenn wir etwas anders machen würden, lägen wir dann überhaupt in diesen Armen? Wären wir die Brautjungfer diese verpeilten Mädchens, dem wir auf einem Festival spontan zum Lieblingssong der Lieblingsband in die Arme gefallen sind, im Sommer 2008? Wären wir da, wenn Kinder geboren werden und wenn die Eltern dieser Kinder, deren Paten wir sind und deren Windeln auch wir gewechselt haben, sich trennen? Oder wären wir einfach nur die Fremde auf der Straße. Die mit dem verkniffenen Gesichtsausdruck. Die, die wir an der Kasse vorlassen, weil sie nur ein Teil haben und die sich dafür nicht einmal bedanken. Wären wir einfach nur die Steuerberater und Postboten der Menschen, die alles von uns wissen? Weil wir nicht zulassen wollten oder konnten, dass sie alles über uns in Erfahrung bringen?

Wem habe ich schon die Tür vor der Nase zugeschlagen, weil ich ihm eine zu große Rolle auf den Leib geschrieben habe, noch bevor er überhaupt entschieden hatte, an welcher Rolle er Interesse hätte?

(Bild via fabbriciuse.)

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4 Comments

  1. Wirklich ein toller Post.. da musste ich an „es wäre heut‘ nicht wie es ist, wär’s damals nicht gewesen, wie es war!“ denken.. alles kommt so, wie es kommen soll.. und vor allem sind diese Kennlern-Geschichten alá „auf dem Festival in die Arme fallen“ doch viel, viel schöner, als andere, vllt langweiligere Geschichten.. oder nicht? 🙂

  2. Schöner Text, es gibt so viele Menschen auf der Welt wo es die eine Person geben könnte die eine gute Freundin oder Freund sein könnte…ein seelenverwandter oder so 😀 ich finde es schon schön wenn man nur so mir jemanden auf der Strasse spricht ^^

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