x/1001.

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Im Moment spukt so vieles in meinem Kopf herum, so viel nimmt mich ein, beschäftigt mich, zerrt mich von A nach Z, ohne mir offen zu lassen, einen Buchstaben dazwischen zu wählen. Das ist okay so, ich tue die Dinge, die ich tue, gerne; stehe jeden Morgen gerne auf; reflektiere abends mit Freude und Erstaunen, was ich erreicht habe, was ich mich gestellt habe. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass ich die Zeit, die dann doch übrig ist, meine Freizeit, irgendwie nicht so nutze, wie ich mir das vorgestellt habe, als ich vor einigen Jahren (verdammt, bei solchen Formulierungen hört man sich plötzlich wie eine weise, alte Tante an) meine Bucket List schrieb. Diese Bucket List startete ich damals unter dem wohlklingenden Namen „101 Dinge in 1001 Tag“, in der Hoffnung, tatsächlich 101 Dinge in 1001 Tagen zu erleben. Ich habe nun ein bisschen in meinem Blog gestöbert, weil ich gar nicht mehr so sicher war, wann ich diese Liste ins Leben gerufen habe und stieß auf Folgendes:

Ich habe vor kurzem ausgerechnet, dass mein “101 Sache in 1001 Tag”-Projekt am 28. September 2014 vorbei sein wird. Was jetzt, Schwarz auf Weiß, noch wie eine halbe Ewigkeit erscheint, wird mir durch die Finger rinnen, wie feiner Sand. Das weiß ich. Weil schon wieder Februar ist und ich doch gerade erst in die Oberstufe gekommen bin und jetzt in anderthalb Monaten mein letzter Schultag ist. Nur noch 11 Stunden Informatik. Im Herbst 2014, da werde ich zwei Drittel meines Bachelorstudiums hinter mich gebracht haben, ich werde noch mehr neue Menschen kennen gelernt und vielleicht ein paar der alten gehen gesehen haben. Ich werde gereist sein und Erfahrungen gesammelt haben. Ich bin immer noch glücklich, hoffentlich, vielleicht sogar noch ein klein wenig mehr als jetzt. Vielleicht werde ich alle Punkte meiner Liste abgearbeitet haben – oder vielleicht nur ein Viertel. Ich denke, darauf kommt es nicht an. Es kommt vielmehr darauf an, was ich aus den abgearbeiteten Punkten gemacht habe. Wie sie mich weitergebracht haben, welche Erfahrungen sie mir beschert haben, wo ich durch sie stehe. Die nächsten zweieinhalb Jahre liegen vor mir und meine Liste schreit “Geh raus, verändere etwas!”. Ich glaube, das werde ich tun.

Vielleicht fange ich noch heute damit an.

Verrückt, dass mich mein eigener Text, ein Text, den ich am 17. Februar 2012 veröffentlicht habe, gerade fast zum Weinen gebracht hat. Es ist so, so, SO wahr, was ich damals geschrieben habe – ohne, dass ich das zu diesem Zeitpunkt schon habe wissen können. September 2014, das ist bald. Ein Atemzug. Einmal Blinzeln. Ich hatte recht damit, dass mir diese Zeit wie Sand durch die Finger rinnen würde. Dass ich neue Menschen kennen lernen würde und alte würde gehen lassen müssen (und ich bin immer noch dabei, zum Glück vor allem bei ersterem, aber nicht nur und das zwickt manchmal ganz schön an den falschen Stellen). Dass ich glücklicher sein, Erfahrungen gemacht, Reisen erlebt haben würde. Recht hatte ich auch damit, dass ich vermutlich nicht meine ganze Liste abarbeiten können würde, sondern vermutlich eher ein Viertel. Überrascht hat mich gerade, beim Nachzählen, dass ich doch schon bei 30 von 100 bin. Das ist, in meinen Augen, eine verdammt gute Quote, dafür, dass so oft so vieles so Kopf stand. Weshalb ich auch einen Punkt, den ich oben zuversichtlich aufführte ad absurdum führen kann: Dass ich im September 2014 zwei Drittel meines Bachelorstudiums hinter mir haben würde. Es wird ein Drittel sein und vermutlich auch kein Master mehr folgen. Doch dieses Drittel, das macht mich so verdammt glücklich. Die Suche nach diesem Drittel, das ich dann haben werde, hat mehr in mir verändert, als es je möglich gewesen wäre, wenn ich einfach zu Ende studiert hätte. Meine Zeit abgesessen hätte, wie ich es im Frühling 2012 in den letzten 11 Informatikstunden tat. In den letzten Schultagen habe ich mir eine Sache geschworen: Dass ich nie wieder Zeit absitzen würde. Dass ich nie wieder so unzufrieden und eingesperrt sein würde. Ich bin die Schmiedin meines Glücks, ich hatte vergangenes Jahr das Privileg, mich umentscheiden zu können, ich konnte mir mein eigenes Scheitern leisten und ich habe die Stärke entwickelt, es nur auf dem Papier als Scheitern zu erachten und im wirklichen Leben als Teil meines Wachstumsprozesses anzusehen. Was ich gewiss nicht konnte. Ich erinnere mich an einen November im Jahr 2012, an dem ich im Bett lag und das Gefühl hatte, keine Luft mehr zu bekommen. Das Gefühl, im Studium das wiederzufinden, das mich so sehr aus der Schule getrieben hatte. Es gab zwei Wege, damals, in diesem für mich eher unglücklichen Winter: Schockstarre oder den Sprung ins kalte Wasser. Das war schlimmer, als diese eine 6 in Latein, der erst im zweiten Anlauf bestandene Führerschein, gescheiterte Teeniefreundschaften, die mit einem Tritt meines Gegenübers geendet waren. Vermutlich war sie auch so schwierig, weil sie die erste Krise war, die außerhalb des Schutzraumes Elternhaus geschah. Die erste Krise, die ich unbedingt alleine stemmen wollte. Und ich bin gesprungen. Ich saß bei zig Studienberatungen und hospitierte in diversen Studienfächern (American Studies, Kulturanthropologie, Germanistik, fast wäre ich sogar zu Skandinavistik gegangen, obwohl ich mich im Sprachenlernen eher ungeschickt anstelle). Und dann hatte ich dieses eine Seminar und es war plötzlich klar: Kinder. Ja, ich und Kinder, das könnte funktionieren. Stundenlange Recherchen, eine Hospitation in Düsseldorf und zahllose Gespräche mit Freund*innen und meiner Mutter später, war die Entscheidung gefallen: Ich würde Frühpädagogik studieren. Ich würde Erzieherin werden. Mit dem neuen Studium verabschiedete ich mich vor allem von einer Annahme: Dass ich eine dieser Akademikerinnen sein könnte, die 200 Seiten pro Woche lesen, die in Seminaren über einen einzelnen Satz dreißig Minuten verbissen diskutieren können, in deren Hausarbeiten wochenlange Recherche steckt. Ich. bin. nicht. Rory. Gilmore. Rory war lange mein Vorbild, mein Idol, jemand, an dem ich mich festhalten konnte, wenn ich das Gefühl hatte, zu verkopft zu sein für den Rest. In meinen Teenagerjahren war es wichtig, dass es diese eine Figur gab, die mir zeigte: ‚Hey, es ist okay, dass du bist, wie du bist. Dass du lieber liest und schreibst und deine Ruhe hast. Es ist okay, dass du dir aus vielen Dingen nichts machst, die in der Pubertät so spannend zu sein haben. Für Rory ist das auch okay.‘ Aber: Ich bin aus vielen Vorstellungen und Idealen herausgewachsen, die ich mit Rory geteilt habe. Die Rory der späteren Staffeln hat verdammt wenig mit mir zu tun, die ich nun so alt bin, wie Rory zum Zeitpunkt des Finales – und das nicht nur, weil sie teilweise nicht mehr gut geschrieben war. Vor allem liegt es daran, dass ich ICH bin und kein Fernsehcharakter. Ich brauche niemanden, an dem ich mich orientieren kann, zumindest keinen fiktiven Charakter, ganz gleich, wie gut er mich durch schwierige Jahre begleitet hat. Vielleicht hätte Rory ein Scheitern auch mal gut getan, das weit hinaus geht über eine Absage für ihr Wunschstipendium. (Die Jacht-Nummer zählt nicht, das war so out of character und passierte nur, um Rory und Lorelai mal zu entzweien!) Ein Scheitern, das alles in Frage stellt, worauf sie sich verlassen hat. Vielleicht ist es aber auch einfach nur gut, dass ich es nicht bin, die Journalistin wird, sondern Rory. Vielleicht bin ich doch eher Lorelai oder Sookie oder Lane und nicht Rory. Vielleicht sollte ich aber auch bloß aufhören, Analogien zu Fernsehcharakteren in meinem Leben zu suchen.

Jedenfalls: 101 Dinge in 1001 Tag. Der Endspurt ist da und ich möchte gerne noch ein paar Punkte schaffen, bevor wir September 2014 schreiben. Deswegen bin ich meine Liste durchgegangen und habe Punkte herausgeschrieben, bei denen es realistisch ist, dass ich sie noch bis dahin schaffen könnte:

Meinen Kleiderschrank ausmisten.
Eine Sportart für mich entdecken. (Ich habe gerade mit Laufen begonnen und mag es sehr!)
Ein Gewürzregal haben. (In Arbeit.)
Brot backen.
Alle Lost Staffeln nochmal sehen
Geld für einen guten Zweck spenden.
Einen Schal stricken.
Eine Flaschenpost verschicken.
Mehr handschriftliche Briefe verschicken.
Mich tätowieren lassen.
Einen Drachen steigen lassen.
An eine Toilettentür schreiben.
Einen Yoga-Kurs machen.
Einen Monat lang nur Kleider tragen.
Einen Monat lang nur Rohkost essen.
Einen Brief an mich selbst schreiben und in 10 Jahren öffnen.
Marmelade einkochen.
Erdbeeren auf einem Feld pflücken.
Ein Kochbuch zusammenstellen.
Ein Kosmetikstudio besuchen.
Zu einer Kostümparty gehen.
Eine Kunstausstellung besuchen.
Bei einem Poetry Slam mitmachen.
Einen Freizeitpark besuchen.

Das sind zumindest die Dinge, die ich mir gut vorstellen könnte, in den nächsten Wochen und Monaten zu erleben. Das sind machbare Dinge. „Ich liebe dich sagen“, das erscheint mir zu gegenwärtigem Zeitpunkt eher unrealistisch, jedenfalls in dem Sinne, wie ich es auf der Liste gemeint habe. Aber man weiß ja nie. Würde ich fast alle dieser Punkte abhaken können, dann hätte ich in 1001 Tagen exakt die Hälfte meiner Liste geschafft und das wäre ein absoluter Meilenstein.

Eines steht jedenfalls fest: Im September 2014 werde ich eine neue Liste schreiben, die vielleicht den Titel „Fünfjahresplan“ tragen wird. (Hey, ich bin Optimistin – natürlich wird es diesen Blog in fünf Jahren noch geben!) Einige Punkte werden von meiner Liste verschwinden, beim Durchlesen hatte ich nämlich von Zeit zu Zeit das Gefühl, dass nicht mehr alle Punkte etwas mit mir zu tun haben. Dass ich vielleicht aus ihnen herausgewachsen bin, das Interesse an ihnen verloren habe, keinen wirklichen Sinn mehr in ihnen sehe. Und auf der anderen Seite gibt es so viel, was ich die nächsten fünf Jahre erleben möchte, auf die ich im September anstoßen werde. Auf die nächsten fünf Jahre und darauf, wie viele schöne Erinnerungen in 1001 Tage passen. Danke, dass ihr so viele dieser Erlebnisse mit mir geteilt habt, hier und andernorts, und danke auch, dass ihr mir bisher sehr selten zu verstehen gegeben habt, dass ich doch einfach mal die Klappe halten soll. (Sieht man von der Dame mit der ‚Lobpudelei‘ ab, aber mit Pudeln habe ich eh nichts zu schaffen!)

Und weil Mina, die definitiv in die Kategorie der Menschen, die ich in den letzten zwei Jahren arg in mein Herz geschlossen habe, fällt, so gerne auch mal Erwähnung in einem Blogeintrag finden wollte: Du darfst die Rede auf meiner Hochzeit halten. Mit … wem auch immer! (I know you want it!) Und bis es so weit ist, gehen wir sonntags spazieren, fangirlen über Verbotene Liebe (peinlich!) und streiten darüber, ob man auch ohne Töpfe kochen kann. ❤

(Bild via Matt E.)

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1 Comment

  1. Hier natürlich auch noch ein kleiner Kommentar zu deinem schönen Text. Wie schon via Twitter mitgeteilt: Ich lese so so gerne von dir und das seit Jahren! Es ist so schön mitzuerleben, wie du dich veränderst und wie du an Aufgaben wächst. Du bist der Beweis dafür. dass es überbaupt nicht schlimm ist, wenn man mal an irgendwas scheitert oder sich dafür entscheidet, einen anderen Weg zu gehen. Ich finde es mutig und es zeigt Größe, dass du diese Wege gehst. Mit der Arbeit mit Kindern bist du ganz vorn an der Kette dran und man kann wirklich sagen, dass diese Aufgabe viel mehr gewürdigt werden sollte, da sie viele Grundsteine legt.

    Geh deinen Weg und mach weiter so! Es sollte auf keinen Fall das Ziel sein, alle sonstwieviele Punkte auf der 1001 – Tages – Liste abzuarbeiten, sondern stolz zu sein auf jeden einzelnen, den man erreicht hat und weiter an sich zu arbeiten. Das ist doch schön! 🙂

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