Zwischen mir und MIR.

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Du hast mich geschubst und, anders als im Kindergarten, war das für mich kein Grund, zu heulen, zurückzuschubsen, nach meiner Mama zu schreien. Du hast mich geschubst und erst im Fallen habe ich begriffen, dass das alles überfällig war. Und dass in überfällig das Wort „Fall“ steckt.

Ich habe immer gedacht, dass ich niemand sei, der sich groß reinreden lassen kann, niemand, der die Meinung anderer so sehr in Betracht zieht, dass sie die eigene irgendwann ersetzt. Weil man unter Umständen sogar mal im Unrecht sein könnte. Du hast so etwas gesagt wie „Mach das jetzt“, „Denk nicht so viel nach“, „Lass dich mal gehen“, „Sei unvernünftig“, „Du kannst meine Hand halten, wenn du strauchelst, aber nicht, wenn du einfach nur atmest“, „Das kann jeder, du kannst mehr“, „Mach! Mach! MACH DOCH!“. Manches Mal, da hätte ich dir am Liebsten eins übergebraten. Manches Mal hätte ich dir gerne ins Ohr gebrüllt, dass du nicht meine Mutter bist und ich nicht noch jemanden benötige, der mir sagt, dass ich unter meinem Potenzial bleibe. Auch wenn du völlig andere Potenziale in mir erkannt hast, als meine Eltern. Eigentlich als jeder andere Mensch, der mich bisher einzuschätzen versucht hat. Sogar andere Potenziale, als ich in mir selbst sah. Es gab da Menschen, die behauptet haben, du hättest mich verändert, zum Negativen wohlgemerkt, du würdest mich in Schablonen passen, die Teile von mir ausradierten, wegen derer sie mich so schätzen würden. Nicht erkannt haben sie, dass du mir dabei geholfen hast, genau das auszuradieren, was mich festgehalten hat, aufgehalten. Das zwischen mir und dem Glück, mir und dem Fortschritt, zwischen mir und MIR stand. Du hast mich nicht zurechtgestutzt, sondern geholfen, längst Totes zu beerdigen und Neues auszusäen.

Die Ernte ist oft schmerzhaft. Manchmal hast du mir einen Wachstumsschmerz beschert, der schlimmer als der schlimmste Kopfschmerz war, den ich hatte, als die Nachbarn wochenlang renoviert haben, auch während der Ruhezeiten. Manchmal bin ich so übel hingeflogen, dass ich dachte, da müssten Narben entstehen, die auch noch zu sehen sein würden, wenn wir mal alt und grau sein würden. In diesen Momenten habe ich in Frage gestellt, ob wir dieses Alt und Grau miteinander erleben würden. Oder ob jung und bitter nicht vielleicht unsere gemeinsame Endstation sein würde. Wenn nicht heute, dann vielleicht morgen. Oder am Tag nach morgen. Und dann ging der Kopfschmerz und keine einzige Narbe blieb zurück, nichts erinnerte mehr daran, dass etwas schiefgegangen war, dass ich zu viel gewagt hatte, dass mich andere mit einem „Das hätte ich dir gleich sagen können“-Blick bedacht hatten. Jeder dieser Blicke wurde von deinem Blick neutralisiert. Dein Blick sagte: „Gut gemacht.“ „Beim nächsten Mal klappt es.“ „Ich liebe dich.“ „Ich helfe dir, aufzustehen.“ „Komm, lass es uns noch einmal probieren.“

Und dann, dann habe ich Angst bekommen. Habe eingeatmet und nicht wieder aus. Begonnen auszutesten, wie lange ich die Luft anhalten kann, ohne dass etwas in mir kaputt geht. Ich habe begonnen, mir vorzustellen, wie es wäre, das alles plötzlich ohne dich schaffen zu müssen. Obwohl es keinen Anlass dafür gab, zu vermuten, dass der Ernstfall, dieses Mich ohne Dich, jemals eintreten könnte.

Verzeihst du mir noch einmal? Dass ich deine Hand weggestoßen habe? Dass ich mich nicht schon wieder getraut habe, zu springen? Dass ich aufgestanden bin, meine Sachen genommen habe und „Das wächst mir über den Kopf“ gesagt habe? Dass ich für einen Moment geglaubt habe, ich müsste das alles erst ohne dich können, um es wirklich mit dir zu können? Verzeih mir. Bitte.

(Bild via Simson Petrol.)

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