Und ein klein wenig Herzflattern.

Midweek Ice Cream, Sydney Australia

Immer genau dann, wenn man denkt, jetzt könnte ja endlich mal ein bisschen Ruhe einkehren, so mit einatmen-ausatmen-Teeaufbrühen, bricht ein neuer Sturm über einen herein. In manchen Stürmen tanzt man mit ausgebreiteten Armen, bei anderen wünscht man sich sehnlich jemanden, der einem einfach mal für fünf Minuten einen Regenschirm über den eigenen Kopf hält und die Verantwortung dafür übernimmt, dass man im Trockenen steht, während die Welt untergeht. Gerade habe ich so ein Mittelding am Laufen: Ich tanze nicht, niemand hält für mich einen Regenschirm, stattdessen trage ich meinen quietschgelben Regenmantel und meine dazu passenden Festivalgummistiefel und hoffe, dass der Himmel demnächst aufklart. Und ich glaube, erste helle Flecke erkenne ich da schon am Himmel.

Ein heller Fleck heute: Ich wurde zum Hospitieren eingeladen. Montag hatte ich ein Vorstellungsgespräch in einer Kita. Dieses Mal mit riesengroßen Fragenkatalog – Erzählen Sie uns ein bisschen von sich. Welche pädagogischen Konzepte kennen Sie? Wie denken Sie, könnten Sie sich in den Kitaalltag ein bringen? Warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden? Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen vor? Was tun Sie, wenn es zu einer Konfliktsituation mit einem Kind kommt? Wie stellen Sie sich die Elternarbeit vor? Erfahrung mit Familien mit Migrationshintergrund? Wo sehen Sie ihre Stärken? Welcher Bereich interessiert Sie am meisten? Sie gehören keiner Konfession an, wie stehen Sie zum Thema Religion im Kita-Alltag?… – , sieben Leuten, die U-förmig um einen Tisch saßen, ein klein wenig Herzflattern, weil ich mich zwar auf viele Fragen vorbereitet hatte, aber eben nicht auf ALLE. Improvisation, vor so sieben Augenpaaren und einem Baby, das dabei war, den Mülleimer auszukippen. Es war eine spannende Situation, eine, aus der ich für spätere Vorstellungsgespräche viel mitnehme – vor allem, weil ich jetzt noch viel mehr Fragen kenne, auf die ich mich vorbereiten kann! Dass die versammelte Kommission mir positiv gegenüber eingestellt war, das habe ich gleich gemerkt, dass ich mit den Worten „Wir melden uns Ende der Woche wegen eines Hospitationstermines bei Ihnen“ nach Hause geschickt wurde, hat mich dann aber doch irgendwie beruhigt. Und heute kam dann der Anruf: Montag werde ich erwartet. In der Krippengruppe. Freude, Freude, Freude, weil ich so gerne mal im Krippenbereich arbeiten wollte und das auch im Vorstellungsgespräch vorsichtig erwähnt habe, da ich eigentlich sicher war, dass sie gedachten, mich in einer Kindergartengruppe einzusetzen. Hach, ich freu‘ mir!

Das ist also der helle Fleck am Himmel. Etwas stürmisch ist es auf einer anderen Ebene: Ich muss umziehen, schon wieder, mal wieder. Zum vierten Mal in knapp 15 Monaten. Es reicht dann auch irgendwie mal. Deswegen: Ich suche mir jetzt ganz alleine was. Auch, weil ich wirklich sehr hoffe, den zweiten Job zu bekommen, was die Finanzierung meiner ganz eigenen vier Wände somit sehr gesichert wäre. Das mit WGs und mir, das wird in diesem Leben nichts mehr. Eine kurze Übersicht illustriert, warum dem so ist:

Wohnung 1: G. spült wochenlang das Geschirr nicht ab. Ihre Katze pinkelt in die Wokpfanne und zwickt mich regelmäßig hungrig ins Bein. G. geht nach Taiwan, ich leide andernorts weiter. In…
Wohnung 2: Ich brauche einen Seuchenschutzanzug und finde keimende Kartoffeln unter der Couch. Ich sitze alleine in der Vorstadt, während L. Nanonpartikel erforscht. Im Sauerland. Und zu guter letzt…
Wohnung 3: Ich scheitere am kuscheligen Zusammenleben. Aber immerhin ist alles sauber.

Also: Diese WG ist irgendwie daran gescheitert, dass ich nicht das zu bieten hatte, was die Mitbewohnerin sich gewünscht hat: Kuscheliges Zusammenleben, über alles reden, Freundinnen werden. Ich bringe schon relativ viel Anstrengung auf, um die Freunde, die ich bereits habe, regelmäßig zu sehen, uns alle zusammen zu halten, was deutlich schwieriger werden wird, weil es uns im Herbst noch mehr in alle Richtungen verstreuen wird. Ich fahre an den wenigen freien Wochenenden also nach Hause, um sie zu sehen – sie und meine Mama, mit der man die allerschönsten Serienabende der Welt machen kann und die mir zuhört, egal, ob sie das Thema interessiert oder nicht. Und die Uni fordert, zwar in relativ überschaubarem Rahmen, aber da sind Fristen und aktuell bin ich so diszipliniert, dass ich sie gut einhalten können werde. Dann der Job, vielleicht bald die Jobs. Es wäre so toll für später, gleich im ersten Semester zwei Anstellungen im Lebenslauf stehen zu haben – und ich liebe es, praktisch zu arbeiten. Das hat mir nach meinem Orientierungspraktikum und in den ersten Wochen des Studiums besonders gefehlt: Die Praxis. Klar, meine Veranstaltungen sind spannend, aber raus zu gehen und auszuprobieren, das erinnert mich immer ein bisschen daran, warum ich mich durch Bücher über die Pädagogik im Barock quäle und warum ich um 6 Uhr 30 aufstehe (an einem Freitag!), um in der Vorlesung über Heterogenität in der Kindheit dem Dozenten zu lauschen. Ich brauche das, um für mein Studium brennen zu können, deswegen finde ich es schade, dass es so ziemlich keinen dualen Studiengang im Kitabereich gibt. Auch die Ausbildung zur Erzieherin an sich ist sehr verschult, abgesehen von kleinen Praktika fangen sie erst wirklich im Anerkennungsjahr an, mit Kindern zu arbeiten (zumindest ist dem in NRW so). Im Studium habe ich zumindest den Vorteil, dass ich mir selbst Praxisinput holen kann. Dass es Jobs gibt, die auf Leute wie mich zugeschnitten sind. Klar, sollte ich den zweiten Job kriegen, dann arbeite ich quasi Teilzeit, das wird hart und stressig und vermutlich wird dafür mal eine Vorlesung ohne Anwesenheitspflicht dran glauben müssen, aber wenn wir mal ganz ehrlich sind: Vermutlich lerne ich mehr, wenn ich einen 4-jährigen davon abhalte, mir einen Plastikfernseher an den Kopf zu werfen, als wenn ich mir davon berichten lasse, was Rousseau so von Mädchen und Frauen hielt. (Was zweifelsfrei nicht ganz unspannend ist, ich aber durch Twitter-Trolls, die aktiv gegen Feminist*innen bashen, irgendwie in der Jetzt-Zeit schon oft genug mitbekomme. Alles irgendwie übertragbar.)

Der Job, den ich im Dezember angetreten habe, macht jedenfalls Spaß. Und fordert, fordert, FORDERT. In manchen Situationen merke ich, dass ich eben noch ein Baby bin. Ein Neuling auf der Bühne des Kindergartens. Ich finde mich selbst dann ein wenig unsouverän, so, wie sich eine Amateurschauspielerin neben Helen Mirren fühlen muss. Ich habe dann das Gefühl, meine Kolleginnen halten mich für ungeeignet im Job, die Kinder für jemanden, den man leicht an der Nase herumführen kann. Was vermutlich alles ganz, ganz großer Quatsch ist. Aber wenn ich etwas tue, dann will ich wenig Fehler machen, jeden Tag ein bisschen wachsen, scheinen. Und wenn du zum gefühlt 37. Mal „Finn-Elias, du räumst jetzt die Bauecke auf!“ in deiner bestimmtesten Tonlage gesagt hast, kommst du dir ziemlich, ziemlich doof vor. Andererseits denke ich auch, dass diese Gedanken mir zum einen zeigen, wie wichtig mir das alles ist und zum anderen dadurch auch, dass ich hier irgendwie richtig bin. Wären mir Fehler, die objektiv betrachtet vielleicht nicht einmal welche sind, egal oder würden sie mich zumindest nicht so sehr beschäftigen, dann wäre das in meinen Augen ein sehr schlechtes Zeichen. Wir erinnern uns: Ich habe bereits ein Studium abgebrochen, das gut lief, mir aber herzlich egal war.

So viel von mir. Wenn es so weitergeht, werde ich noch zur Tagebuchbloggerin.

(Bild via Alex Proimos.)

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1 Comment

  1. Ich lese so so so so so gerne von dir und du hast es verdient. Ich freue mich für dich und bin unglaublich gespannt auf deine Erfahrungen 🙂 Schön, dass du das teiltst ❤

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