Neue Leseerfahrungen.

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Manch eine*r wird sich vielleicht noch daran erinnern, wie ich mir im Mai einen eBook-Reader anschaffte, genauer genommen einen Kindle. Noch etwas zögerlich und skeptisch, weil ich das Gefühl hatte, meine Gang zu verraten. Die, die noch RICHTIGE Bücher lesen.

Und dann hielt ich meinen Kindle in die Hände und begann zu lesen. Mehr zu lesen. Nicht viel, aber zumindest: Mehr als zuvor, was immerhin eine Besserung darstellt, da ich die letzten Jahre zunehmend weniger gelesen habe. Ab und an habe ich aber auch immer noch ein „analoges“ Buch zur Hand genommen, tue es bis heute. Nicht nur die, die seit Ewigkeiten ungelesen im Regal stehen, sondern auch solche, die ich spontan neu erworben habe. Nichtsdestotrotz merke ich, dass ich schneller, begeisterter und effektiver lese, wenn ich am Kindle lese. Printausgaben bleiben leider schnell angelesen irgendwo liegen und das nicht nur, weil ich zwischen zwei Zuhausen (ist das der Plural, gibt es für das Wort überhaupt einen Plural, kann man so fühlen, als hätte man zwei davon und diesem Gefühl einen Namen geben?)

Angeregt zum Nachdenken über mein Leseverhalten, über das Sammeln von Büchern und über das, was da vielleicht mal kommen wird, an der Buchfront, hat mich Maximilian Buddenbohm durch zwei Artikel auf seinem Blog Herzdamengeschichten. Erst ging es um das Sortieren von Büchern, dann um das Aussortieren. Ich besitze irrsinnig viele Bücher, sie füllen sechs unterschiedlich große Regale. Darunter unzählige Kinder- und Jugendbücher, die Frauenromane, die ich mit 12 oder 13 voller Begeisterung verschlungen habe, einige Sachbücher aus Schulzeiten und Fachbücher aus dem abgebrochenen Studium, ungelesenes Klassiker, seltsame Bildbände, unliebsame Geschenke, eine Jugendlexikonreihe aus dem Jahr 1998, in der Angela Merkel noch als Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit geführt wird, und dann die Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, viele gut und einige schlechte, sowie zwei Regalbretter voll mit ungelesenen Büchern, die ich irgendwann in nicht näher definierter Zukunft in die Hände zu nehmen gedenke.

Eigentlich. Denn irgendwie ertappe ich mich bei einem gewissen Widerwillen, wenn es um dieses Indiehandnehmen geht. Ich kann mir das selbst nicht so recht erklären, aber Fakt ist, dass ich den Kindle gerne zur Hand nehme und wenn ich ihn mal zu Hause vergesse, dann lese ich eben in der Kindle-App auf dem Handy weiter. Endlich immer mit Lesestoff versorgt, endlich keine von Taschen ruinierte Taschenbücher mehr, die mir Tränen in die Augen treiben, weil ich es nicht leiden kann, wenn Bücher gelesen aussehen, endlich stets die gesamte Bibliothek dabei (man bedenke die zwei Wohnsitze, das Buch, das man gerade dringend lesen möchte, liegt immer und wirklich IMMER in der anderen Wohnung). Aktuell geistert in meinem Kopf der Plan herum, noch mehr Bücher auf dem Kindle zu lesen und die wirklich, wirklich atemberaubenden später noch als gebrauchte Printausgabe zu kaufen. Die Bücher, bei denen ich das Gefühl habe, ich muss sie im Regal stehen, sie besitzen, problemlos verleihen können. Ich vermisse das Buchgefühl beim Kindle-Lesen nicht und verweise noch einmal auf Maximilian Buddenbohm, der folgende kluge Sätze schrieb:

„Ich finde ein Buch keineswegs besser, wenn ich es beim Lesen auch riechen kann, ich kann diese Argumente der Printfetischisten nie richtig nachvollziehen. Ich schnuppere beim Lesen nicht regelmässig an den Seiten, ich streichele auch nicht dauernd den Einband und denke lustbebend: “Woah, Leinen”.“

Ich glaube außerdem, ich sollte ausmisten. Bücher weggeben, die ich doch nie lesen werde (Goethe! Shakespeare! Seltsame Elfengeschichten für unzufriedene 14-jährige!). Angela Merkels Karriere als Umweltministerin ad acta legen. Mich von Helene Hegemann trennen. Sowas halt.

Natürlich stelle ich mir die Frage, was es mit dem Buchhandel machen wird, wenn ich (und vielleicht auch alle anderen?) künftig immer und immer mehr eBooks kaufen und lesen. Wird es in zwanzig Jahren noch klassische Buchhandlungen geben? Werden sogar die ganz großen ins Straucheln geraten und sich neue Konzepte überlegen müssen? Ich gehe nämlich gerne in Buchhandlungen, lasse mich inspirieren – und kaufe dort auch! Aber mit deutlich mehr Bedacht. Bücher von Lieblingsautor*innen kaufe ich etwa ohne zu überlegen gleich als Printausgabe, die zeige ich nämlich, um mein Empfehlen zu untermalen, unglaublich gerne herum und das geht mit ihnen eben doch besser als mit eBooks, die irgendwie (noch?) unattraktiv gestaltet sind. Aufregend, wie das alles weitergeht. Und was es mit mir und meinem Leseverhalten machen wird.

photo credit: ginnerobot via photopin cc

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5 Comments

  1. Ich kann das alles nur unterschreiben was du schreibst. Ich denke, Buchhandlungen werden weniger werden und es schwerer haben. Aber einen großen Nachteil haben eBooks am Ende doch: man kann sie nicht verschenken und auch nicht ausleihe. Das geht nur mit dem analogen Buch 🙂 Ansonsten ist ja nur fies an eBooks, dass man in der Straßenbahn nicht sofort sieht, was der Nebensitzer liest!

  2. …äh, bei dem Buddenbohm-Zitat fühlte ich mich schon ertappt. Aber als Hobbybuchbinderin darf ich doch Leineneinbände toll finden, oder? Ein Ebook hier und da lese ich ja auch 😉

  3. Zeitweise hat mein Kindle mich schon dazu gebracht, keine Bücher in Papierform mehr zu kaufen, inzwischen klingelt der Postbote auch wieder mit gebrauchten Büchern an der Tür, je nachdem wie der Geldbeutel gerade gefüllt ist und wofür die Bücher sind.
    Bücher ausmisten fällt mir auch unglaublich schwer, meistens schaffe ich sie nur in den Keller

  4. Eine Frage, die sich mir im Bezug auf eBooks immer stellt ist, ob sie für die Umwelt besser sind als Bücher aus Papier, abewr ich weiß es nicht. Ich habe meinen Kindle seit Weihnachten 2012 und ich habe leider nicht so viel damit gelesen. Vielleicht packt mich das Fieber ja noch.

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