Ihr habt doch den Arsch offen.

Ich mag Facebook. Eigentlich. Ich scrolle mich gerne durch Selfies ehemaliger Mitschülerinnen, die auf einem Lady Gaga Konzert „mal wieder so richtig abdancen“, beobachte mit gebührender Distanz das Entstehen und Zuendegehen von Beziehungen in meinem Bekanntenkreis, bin heilfroh, dass niemand aus meinem Bekanntenreis „Miss Undercover“ geliked hat und teile mit flinken Fingern gemäßigt gesellschaftkritische Fotos und Artikel, die irgendwelche Schnittmengen mit meinem Leben und vermutlich auch dem meines Freund*innenkreises haben. Ich bin auf Facebook auch mit Menschen befreundet, die ich nicht persönlich kenne, aber durch das, was sie im Internet tun, sehr schätze. Besonders sie machen mich auf Missstände aufmerksam, bringen mich mit lustigen Fotostrecken zum Lachen, lenken mich mit fluffigen Tiervideos vom Lernen ab.

Und trotzdem: Meistens würde ich Facebook am Liebsten kaputtstampfen. Wenn ich sehe, wie Menschen, die ich nicht kenne (aus meiner Freund*innenliste fliegen Menschen, die eklatanten Mist auf Facebook machen, relativ schnell raus – mein Account, mein Tanzbereich), mit gewetzten Messern, Teer, Federn UND Fackeln über Themen herfallen, die mir am Herzen liegen. In immer und immer wieder gleichen „Argumentations“strukturen. Die Themen sind nahezu austauschbar, die Leute, die sich zerfleischen, sind es nicht minder. Ich lese jeden Tag Hass. Ich lese, wie Menschen einander ihre Ernährung madig machen wollen. Ich lese, wie Fatshaming betrieben wird und falsche Körperideale gefeiert werden. Ich lese, wie feministische Themen unsichtbar gemacht zu werden versuchen. Ich lese, kopfschüttelnd, weil ich mit diesen Menschen arbeite und auch in Zukunft arbeiten werde, wie sich Erzieher*innen und angehende Jungkolleg*innen in einer Gruppe namens „ErzieherInnen, KinderpflegerIn – Ideen, Anregungen, Fragen“ beleidigen, weil man anderer Ansicht ist, ob man die eigenen Kinder bereits unter 3 Jahren fremdbetreuen lassen will. Erzieher*innen, denen wir unsere Kinder anvertrauen oder zu irgendeinem Zeitpunkt unseres Lebens vielleicht einmal anvertrauen werden. Erzieher*innen, die sich auf Facebook beleidigen, sollen von 7 bis 16 Uhr Dreijährigen soziale Kompetenzen vermitteln, ihnen mit auf den Weg geben, anderen stets vorurteilsfrei entgegenzutreten, in ihrer Entwicklungsbegleitung ein besonderes Augenmerk auf Selbstregulation und Frustrationstoleranz legen, etwas, das in einem von ihnen als anonym empfunden Raum, bei ihnen selbst komplett aussetzt. Von Menschen, die das angebliche Video von Michael Schuhmachers Skiunfall liken, will ich lieber erst gar nicht anfangen…

Ich möchte den Menschen nicht verbieten, auch auf Facebook anderer Meinung zu sein, Streitgespräche zu führen, andere Blickwinkel kennen zu lernen. Aber: Nicht in beleidigender Form, nicht, indem ständig irgendwelche -ismen reproduziert werden und das auch noch in einem Tonfall, der mir den Mund offen stehen lässt. Die Menschen, die sich auf Facebook zerfleischen, sind vermutlich auch die Menschen, die sich beim Bäcker niemals vordrängeln, tagtäglich – und das auch die nächsten 40 Jahre – unglücklich ihre Arbeit hinter einem kargen Schreibtisch verrichten, die ihren Eltern etwas zu Weihnachten schenken, die samstags ihren Rasen mähen und ihr Auto waschen, nicht am Steuer telefonieren, ihren Kühlschrank mit Essigreiniger auswischen. Jede Person, die uns in der Bahn gegenübersitzt, erschöpft und ein bisschen verbittert, könnte abends irrationale Brandbriefe auf Facebook veröffentlichen. Also: Menschen wie du und ich. Was treibt Menschen dazu, Fremde auf Facebook zu beleidigen? Stunden in etwas zu stecken, das niemals Früchte tragen wird? Die, die sich noch Sonntagabend anpöbeln, werden sich vielleicht schon Montagmorgen im Supermarkt siezen. Und: Warum kann ich nicht aufhören, diesen Mist zu lesen? Warum kann ich nicht aufhören, zu lesen, wie Leute, die ich nicht kenne, Themen miesmachen, die mir am Herzen liegen?

Facebookpöbler*innen, eines sei euch gesagt: Ihr habt doch den Arsch offen!

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6 Kommentare

  1. Ein grandioses Werk dieser Artikel.
    Wieder einmal.
    Und doch: Warum sollen Erzieherinnen quasi heilig sein?
    Bist Du es? Funktionierst Du IMMER perfekt, IMMER vorbildlich?
    Ist Dein Job IMMER auch gleich Deinem Privatleben?
    Ein Erzieher ist mensch(lich) wenn er/sie
    a) IMMER nahezu heilig funktioniert oder
    b) auch Mensch ist, d.h. Fehler macht, sich blöd verhält, sich gar traut, sich konträr zu seiner beruflichen Ethik zu verhalten?

    Gleichwohl, mich erschüttert diese fast masslose Niveaulosigkeit auf Fazebook genauso wie sie Dich zu erschüttern scheint.

    Eine meiner Geschichten begeistert mich auch immer wieder aufs Neue:
    Gruppe ShareandCare. GUTER Ansatz. Bisweilen aber versteigen sich manche zu einer Suche nach Kaffeemaschinen (die sie natürlich geschenkt haben wollen), im Werte von 600 Euro an aufwärts. Finden das cool.
    Ich war mit einem Obdachlosen befreundet, es wurde kälter, ich wagte die Suche nach einem einfachen Schlafsack und Decken. Und erlebte fast einen Shitstorm gegen mich, der „Penner möge doch arbeiten gehen“.
    *STAUN*

    Und doch lege ich meinen Fokus lieber auf all das Gute was auch immer in Fazzebook zu finden ist.
    Ist mein Fokus aus Gute gerichtet, passt alles.

    „Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen.“ fand schon der hl Don Bosco…..

    😉

    1. Nein, von Heiligkeit gehe ich in keiner Berufsgruppe aus – es überrascht mich nur einfach, mit welchem Tonfall Menschen, die selbst auch in der U3-Betreuung tätig sind, über genau diese reden und Eltern verurteilen, die ihre Kinder „weggeben“. Lieber Energie investieren, die zugegebenermaßen nicht immer optimale U3-Betreuung zu verbessern (leider sehr häufig gering qualifiziertes Personal), als Kolleg*innen beleidigen, die U3-Betreuung befürworten.

      Und: Ja zum Rest! Auch auf Facebook findet man tolle Projekte, das will ich auch gar nicht abstreiten. 😉

  2. Liebe Mirka,
    dieser Text ist_wieder einmal_ein besonders hervorragender. In vielen Deiner Sätze finde ich mich 1:1 wieder – und das mag ich.
    Es gibt jedoch einige besondere Schlüsselsätze, die ich hier noch einmal hervorheben möchte:

    >> Was treibt Menschen dazu, Fremde auf Facebook zu beleidigen? Stunden in etwas zu stecken, das niemals Früchte tragen wird? […] Und: Warum kann ich nicht aufhören, diesen Mist zu lesen? <<

    GENAU das sind nämlich die Fragen, die mir ständig und immer wiederkehrend durch den Kopf gehen; besonders dann, wenn ich mich nach einem anstrengenden Arbeitstag dabei ertappe, seit einer ganzen Stunde meine kostbare Zeit zu verballern – eben genau mit diesem, von Dir beschriebenen Schrott.
    Warum zur Hölle lese ich mir seitenweise Kommentare dummer Menschen durch, die mich nicht einen Schritt weiterbringen?! Warum lese ich Kommentare von Intelligenzbestien, die sich wieder und wieder über Veganer oder sonstige "Minderheiten" lustig machen bzw. diese regelrecht runtermachen?!
    Es ko*** mich an! Beinahe tagtäglich. Oftmals denke ich 'lösch doch einfach deinen Account', doch dann kommt in mir leichte Unruhe auf:
    bin ich dann ein Mensch von gestern? Rückschritt statt Fortschritt?
    – Also doch lieber Tag für Tag die App auf dem Smartphone öffnen, die letzten Neuigkeiten lesen, die App wieder schließen und sich wieder ein bisschen über sich selbst ärgern.
    * Marco gefällt das *

    Liebe Grüße aus Wickede.

  3. Toller Text, bis auf den ersten Teil des letzten Absatzes.
    Facebook ist wirklich schrecklich niveaulos, und sicherlich ist es ein Ventil für Menschen, denen es vielleicht in einer face-to-face Situation schwer fällt, ihre Meinung klar auszudrücken. Aber durch deine Formulierung (und auch den Titel) stellst du dich auf die Ebene der Menschen, die du kritisierst. Nur ein Hinweis, bezüglich der anderen Punkte stimmen ich dir absolut zu.
    Ich habe mich vor zwei Jahren bei Facebook abgemeldet, weil mich genau das gestört hat, was du beschreibst. Es gibt auch außerhalb dieser Plattform Gruppen, die Raum für Austausch und Diskussion geben. Meine Erfahrungen waren durchaus positiv, siehe hier, und ich kann jedem den „Ausstieg“ nur empfehlen: http://diestachelbeere.wordpress.com/2012/02/15/nochmal-facebook/
    Liebe Grüße

  4. Du zählst einen Teil der Gründe auf, warum ich privat nicht mehr bei Facebook bin.
    Ich kann nur jedem empfehlen mal für zwei Wochen auf fb zu verzichten und dann schauen was passiert.
    Man braucht es nicht wirklich.

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