Dritte Woche.

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Ich bin vieles, aber vor allem erleichtert. Erleichtert, dass ich, wenn ich die Uni betrete, bereits in viele bekannte Gesichter blicke, Gesichter, die die nächsten drei Jahre mit mir den gleichen Weg gehen werden und mit denen ich in Krisenzeiten gewiss Händchen halten werde: Wenn die erste Prüfung in die Hose geht, das erste Praktikum doof ist, die monatliche Pleite bereits am 16. reinhaut. Erleichtert, weil ich mit 39 Grad Fieber als erstes traurig daran denke, dass ich am nächsten Tag nicht zur Uni gehen können werde – eine Sitzung weniger Kreatives Schreiben, je eine Vorlesung weniger Entwicklungspsychologie und Geschichte der Pädagogik, auch kein Kunstseminar und keine „Heterogenität in der Kindheit“-Vorlesung. Erleichtert, dass sich die Hausaufgaben nicht wie Arbeit anfühlen, sondern wie ein mir in die Hand gegebenes Werkzeug, das ich zu späterem Zeitpunkt gewiss gebrauchen können werde. Erleichtert, dass es hier, obwohl es eine Uni ist und wir viel mehr sind, als ich mir gewünscht hatte (120, statt der gemütlichen 40 Leute an meiner ursprünglichen Wunsch-FH), dennoch irgendwie kuschelig und familiär ist, man beim Einkaufen bereits bekannte Gesichter sieht, man die Zeiten der Buslinien fast schon auswendig kennt. Erleichtert, dass die Praxisanteile, wenn man sich selbst kümmert, relativ groß ist: Von einer Bildungswerkstatt, in der wir selbst mit allen Sinnen Spiele und Übungen ausprobieren können (heute haben wir ausprobiert, wie man unter Einsatz verschiedener Materialien – selbst gemachter Knete, Kreppklebeband, Rasierschaum und Fingermalfarbe in Plastikbeuteln) Zahlen, Buchstaben und Formen kreieren, Kindern ein Verständnis dafür spielerisch vermitteln kann), über mehr als 100 Praxistage bis hin zur Vermittlung spannender Jobangebote (eine Bewerbung schicke ich Freitag raus, gedrückte Daumen sind stets gern gesehen!). Erleichtert, dass mir meine Wohnung in kürzester Zeit zu einem Zuhause geworden ist, etwas, das die beiden Wohnungen zuvor nicht geschafft haben (morgen fahre ich Vorhänge kaufen, dann muss nur noch eine Wand in Pflaume gestrichen werden und alles ist fertig und heimelig und kuschelig und ich würde hier nur unter größtem Protest je wieder ausziehen). Ich bin erleichtert, dass das „Das ist es!“-Gefühl beim zweiten Anlauf gleich in der ersten Minute da war, erleichtert, dass ich nun ankommen und mich wohlfühlen kann, dass mir dieses Studium zeigen kann, wie viel Spaß Wissenserwerb machen kann.

Nicole schrieb so schön: „Ich wünsche mir Anke Gröner als Patronus für mein Studium.“ Das ist ein schöner Wunsch. Wer Anke liest, der verfolgt seit knapp einem Jahr ihre spannende Zeit an der Uni München, wo sie Kunstgeschichte und Geschichte studiert. Ihre Leidenschaft und Begeisterungsfähigkeit, gerade aber auch ihr Wissensdurst sind für mich sehr inspirierend gewesen und haben mir vor allem eines vor Augen geführt: Dass das, was ich zuerst begonnen habe zu studieren, das völlig falsche war, denn Leidenschaft, Begeisterungsfähigkeit oder gar Wissensdurst empfand ich keinen Tag, den ich – die meiste Zeit primär auf dem Papier – Philosophie, Politikwissenschaft und Geschlechterforschung studierte. Der Vergleich zu Anke lag mir immer nahe, weil wir – wenn auch mit unterschiedlichem Background – zur gleichen Zeit unser Studium aufnahmen und ich mich immer wieder gefragt habe: „Hey, verflixt, warum empfinde ich nicht so?“ Die Antwort habe ich nun, ein ganzes Jahr später: Weil es bei mir eben das Falsche war.

Ich bin viel entspannter in diesen zweiten Versuch gestartet, auch wenn viel mehr von ihm abhing. Weil, selbst wenn ich am ersten Unitag gemerkt hätte, dass auch das der falsche Studiengang – oder zumindest die falsche Uni, hospitiert habe ich im Frühsommer ja mit Begeisterung andernorts – ist, dann hätte ich diese drei Jahre irgendwie durchziehen müssen. Ein weiterer Wechsel wäre, zum einen aus Stolzgründen (noch einmal hinwerfen geht ja irgendwie nicht), vor allem aber aus finanziellen Gründen (jedes Jahr Studieren, egal ob erfolgreich oder -los, häuft einen großen Berg Schulden an) und zuletzt auch aus emotionalen Gründen (Suche nach dem richtigen Studienfach und -ort, Wohnungssuche, Umzug – das schlaucht, vor allem, wenn man innerhalb von 11 Monaten dreimal umziehen muss und mehrere Studienpläne durchdacht, über den Haufen geworfen und am Ende den finalen bis in den letzten Winkel hinterfragt hat), nicht möglich gewesen. Das Lernen muss ich zwar immer noch erlernen, aber es wird. Ich habe eine Übersicht mit Deadlines erstellt und die Motivation, auf diese hinzuarbeiten. Grobe Themenideen für meine Hausarbeiten (eine im Kunstseminar „Zwei- und dreidimensionales Gestalten in der Kindheit“ würde ich gerne über Naturvermittlung durch Kunst im Kindergarten schreiben, die andere im Seminar „Pädagogik im Barock“ über das Frauen- und Mutterbild in der damaligen Zeit, da kommen mir die zwei Semester Geschlechterforschung dann irgendwie doch zugute) habe ich auch schon. Meinen zweiten Kurzessay für die Vorlesung „Institutionen schulischer und vorschulischer Erziehung“ haue ich gleich auch noch in die Tasten, obwohl wir alle 10 Essays erst bis zum 31. März 2014 fertig haben müssen. Im ersten Essay ging es darum, zwei von neun uns vorgelegten Elementen professionellen Handelns von Erzieher*innen näher zu beleuchten. Ich habe mich hier für die Punkte „Der Umgang mit heterogenen Gruppen und Situationen, die durch Ambiguität (Mehrdeutigkeit) gekennzeichnet sind, ohne trotz der komplexen sozialen Anordnung die Orientierung am jeweils ganz individuellen Kind zu verfehlen“ und „Die Fähigkeit, individuelle Bildungsprozesse wahrzunehmen, zu dokumentieren und Fachkolleginnen wie Laien zu kommunizieren“ entschieden und hatte bei meinen Ausführungen sehr viel Freude. Zweite Aufgabe ist es, zu dieser Vorlesung vier zentrale Punkte der vier Vortragsschwerpunkte herauszuarbeiten und zudem dieses Bild von Johann Sperl, das eine Impression des Kindergartenalltags um 1885 zeigt, beschreibend zu analysieren. Zudem sitze ich gerade an meiner Praktikumsplanung, vier freiwillige Wochen würde ich gerne im März in einer Krippe absolvieren, sechs Wochen „Pflicht“ im Sommer in meiner letzten Praktikumskita, weil mich sehr interessiert, inwiefern sich die Kinder in der vergangenen Zeit weiterentwickelt haben werden. Dort werde ich dann auch mein erstes offizielles Projekt (während dieses Praktikums hatte ich auch schon kleine Projekte, etwa das Kochen einer veganen Zucchinisuppe mit den Kindern unter meiner Anleitung) haben. Erste Idee: Ein Projekt rund um das Thema Obst. Ich würde gerne erst theoretisch Obstsorten vorstellen (anhand von Fotos, Holzobst, Bilderbüchern etc..), dann den angrenzenden Biobauernhof besuchen, um dort vielleicht etwas praktisch anzuschauen und danach Obst im Hofladen zu kaufen, was dann praktisch zu Obstsalat verarbeitet wird. Mal schauen, ob das Anklang bei meiner Praktikumsbetreuerin finden wird.

Ansonsten hatte ich heute sehr viel Spaß in der Bildungswerkstatt, wo wir mit verschiedenen Materialien experimentiert haben, mit denen Kindern ein Buchstaben-, Zahlen- und Formenverständnis vermittelt werden können: Selbstgemachte Knete zum Formen, Kreppklebeband, um Symbole auf den Boden zu kleben, Rasierschaum, um mit den Händen Buchstaben und Zahlen herein zu schreiben und wiederverschließbare Plastikbeutel, in die wir Fingermalfarbe gefüllt haben und die dann verschlossen wurden, sodass man mit der Fingernagelrückseite Symbole in die Oberfläche streichen konnten, die dann – wie von Zauberhand – weiß zwischen der bunten Farbe auftauchten. Der Mittwoch ist wirklich eine bunte Mischung aus Theorie und Praxis: Um 8 beginnt mein Tag sehr praktisch, mit einem Seminar in Kreativem Schreiben, wo ich mich heute zu den Themen „persönliche Muse“, „erste Erfahrungen mit Worten“ und „Herbst“ austoben durfte und als Hausaufgabe ein Sinnestagebuch (Was habe ich heute gesehen, gehört, gefühlt, geschmeckt, gerochen…) führen soll. Danach warten immer zwei Vorlesungen auf mich: Entwicklungspsychologie (heute ging es darum, wie man Veränderungen messbar machen kann) und Geschichte der Pädagogik (wir sind im Moment bei der Reformation und der Gegenreformation angelangt und dafür, dass mich das in der Schule alles so gar nicht gebockt hat, höre ich hier ziemlich interessiert zu, was auch an der schrullig-coolen Dozentin liegen mag). Mit der praktischen Bildungswerkstatt klingt der Tag dann recht locker aus.

Hier noch ein kompakter Überblick über meinen Stundenplan:

Montags: 12 Uhr  bis 14 Uhr Pädagogik im Barock (Seminar, Prüfungsleistung Hausarbeit)

Dienstags: 14 Uhr bis 16 Uhr Wissenschaftliches Arbeiten – Tipps zum Erstellen einer Hausarbeit (Seminar, PL Auszüge aus einer Hausarbeit); 16 Uhr bis 18 Uhr Institutionen schulischer und vorschulischer Erziehung (Vorlesung, PL 10 Fragen beantworten)

Mittwochs: 8 Uhr bis 10 Uhr Kreatives Schreiben (Seminar, PL Portfolio mit allen Texten); 10 Uhr bis 12 Uhr Entwicklungspsychologie (Vorlesung, keine PL); 12 Uhr bis 14 Uhr Geschichte der Pädagogik (Vorlesung, PL 4 Fragen beantworten); Bildungswerkstatt (Angebot, das ich freiwillig wahrnehme)

Donnerstags: Frei

Freitags: 8 Uhr bis 10 Uhr Heterogenität in der Kindheit/Grundschule (Vorlesung, PL Klausur); Formen zwei- und dreidimensionalen Gestaltens in der Kindheit (Seminar im Referenzfach – das ist ein kleines Nebenfach -, PL Hausarbeit)

 

Die dritte Woche ist im vollen Gange und ich bin in Bewegung. Schön.

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