Gekommen um zu bleiben.

„Vielleicht haben Sie geweint, als Sie erfahren haben, dass Sie jetzt in Gießen studieren müssen – ich garantiere Ihnen aber auch, dass Sie weinen werden, wenn Sie Gießen wieder verlassen müssen!“

Die offizielle Begrüßungsveranstaltung an der Uni Gießen zeigte vor allem eins: Selbstironie, das können sie hier. Niemand – weder der AStA-Sprecher, noch die Bürgermeisterin und nicht einmal der Unipräsident – versäumte es, augenzwinkernd darauf Bezug zu nehmen, dass Gießen für viele der vor ihnen sitzenden Erstsemester nicht die Wunschstadt war, sondern allerhöchstens Plan B, eine Option, die irgendwie da war, aber eigentlich nie ernsthaft in Erwägung gezogen worden war. Ich wollte eigentlich nach Düsseldorf, habe aber auch mit Hamburg geliebäugelt. Ich habe aus beiden Städten Zulassungen erhalten, was das wirklich Kuriose daran ist, dass ich im Endeffekt in Gießen gelandet bin. Gegen Hamburg habe ich mich aus finanziellen Gründen und der Entfernung wegen entschieden, mit Düsseldorf hatte ich ein ärgerliches Hin und Her an der Backe, wurde schlussendlich doch zugelassen, als ich – primär aus Frustration – schon den Platz in Gießen angenommen und ein WG-Zimmer gefunden hatte.
Ich weiß noch, dass ich beim Zukleben des Bewerbungsumschlages für die Uni Gießen gedacht habe: Na ja, kann man ja mal machen. In meinen Wunschstädten habe ich meine Bewerbungsunterlagen viel genauer kontrolliert – und dennoch gab es einen Fehler – inwiefern der bei mir lag, kann ich nicht sagen, denn es ist schwer nachweisbar, ob ich versehentlich meine Angabe, schon zwei Semester studiert zu haben, wieder rausgelöscht habe oder ob es einen Computerfehler in Düsseldorf gab. Zumindest sagte man mir, als ich zum Immatrikulieren dort war, dass mir fälschlich zwei Wartesemester angerechnet worden sind und der NC genau bei 2,0 MIT zwei Wartesemestern lagt. 2,0 hatte ich, die Wartesemester nicht und somit war ich erstmal auf der Warteliste. Während dieses Wartens habe ich dann, innerhalb von nicht einmal zwei, drei Stunden, mit tatkräftiger Diskussionsunterstützung von Freunden und Eltern, die Entscheidung gefällt, nach Gießen zu gehen. Einen Platz in Düsseldorf habe ich dann zweieinhalb Wochen später auch noch bekommen, eine Kommilitonin hier in Gießen hat mir Mitte September sogar erzählt, dass ihr, Schnitt 2,5, am Tag zuvor telefonisch ein Platz in Düsseldorf angeboten wurde.

Umgezogen bin ich Ende letzten Monats – auch das ging alles andere als reibungslos von der Bühne, Blechschaden und „Das nächste Mal dann nicht dritter Stock, ne?“ inklusive. So richtig wohne ich seit Sonntag hier, in den Wochen davor war ich immer mal sporadisch hier – um Dinge zu klären, aber auch um erste Kommilitoninnen zu treffen.

Die Einführungswoche liegt jetzt mehr oder weniger hinter mir – morgen klingt sie mit gemeinsamen Frühstück mit allen 120 Studierenden meines Studiengangs, Stadtrally und gemeinsamer Party mit Studierenden der Bildung und Förderung in der Kindheit und der Außerschulischen Bildung (dass ich je auf eine Party namens „Pädagogennacht“ gehen würde, hätte ich vor einem Jahr noch für ziemlich großen Quatsch gehalten!) aus. Es liegt eine überraschend gute Woche hinter mir. Wenn ich an meine Einführungswoche in Göttingen zurückdenke, dann war die vor allem eines: Murks. Sie war chaotisch (ich habe zwei Fächer an zwei Fakultäten mit zwei Einführungswochen studiert, die sich regelmäßig doof überschnitten) und programmatisch allgemein so nervtötend, dass sie irgendwann ohne mich stattgefunden hat. Hier in Gießen, in diesem Studiengang, habe ich mich sehr gut eingeführt gefühlt. Sämtliche Fragen wurden beantwortet, alles wurde mit Ruhe und detailliert erklärt, wir wurden vorbildlich an die Hand genommen, sodass einem gelungenen Studienbeginn eigentlich nichts im Weg steht.

Dass ich bereits zwei Semester studiert habe – wie ärgerlich, demotivierend und ernüchternd die für mich auch gewesen sein mögen – kommt mir bisher nur zu Gute, besonders hinsichtlich der Studienorganisation. Da beide Unis mit dem gleichen Programm arbeiten und ich mich, im Vergleich zum letzten Jahr, bereits im Vorfeld sehr engagiert in Modulbeschreibungen und andere Bestimmungen eingelesen habe, war es für mich ein Kinderspiel, den Stundenplan ohne Nervenzusammenbruch zu gestalten. Und selbst wenn: Wäre dies mein erster Studienversuch, hier hätte ich nicht abends halb heulend vor dem PC gesessen, weil ich es nicht schaffe, alles so zusammenzustellen, dass es passt und Sinn ergibt. Hier hätte ich gewusst, wem ich schreiben oder wen ich anrufen kann.

Auch die Kommiliton*innen, die ich bislang kennen lernen konnte, machen mir Hoffnung, viele sind sehr nett, mit allen kommt man gut ins Gespräch. Bislang noch keine Pelzkragenmädchen und Segelschuhtypen, die mich in Göttingen völlig verstört haben. Ich würde uns als Masse zwar als heterogener als meine Kommiliton*innen in Göttingen beschreiben – dort kamen fast alle direkt von der Schule, hatten ähnliche Biographien und Hintergründe, während hier viele mit Fachabi und angeschlossener Sozialassistenz-Ausbildung dabei sind, aber auch aus kaufmännischen oder medizinischen Bereichen, auch altersmäßig gibt es eine größere Streuung -, dafür sind wir aber in unseren Berufswünschen dichter bei einander, was ein Miteinander vermutlich leichter macht. Ich habe mehr mit einer 48-jährigen Krankenschwester gemeinsam, die sich entschieden hat, pädagogisch mit Kindern zu arbeiten, als mit einem Segelschuhtypen in meinem Alter, der mal Politikberater werden will und CDU wählt.

i-Tüpfelchen auf der gegenwärtigen Begeisterung ist die Lage meiner Wohnung: Sehr zentral, genau dort, wo das Leben tanzt. Mein Fenster ist zwar zur Straße raus, aber mein gesunder Nachtschlaf (Mitbewohnerin: „Ich musste Ohropax reintun, so laut war die Einweihungsparty von denen über uns!“ Ich: „Welche Einweihungsparty?“) sorgt dafür, dass ich, obwohl ich aktuell weder Vorhänge noch Bett (es lebe das Trekkingequipment!) besitze. Die Bettlosigkeit wird zum Glück bis Ende des Monats Geschichte sein und sobald die Wände gestrichen sind, habe ich es richtig, richtig schön hier.

Gespannt warte ich nun auf den Veranstaltungsbeginn nächsten Montag. Hatte ich erst, in meiner theoretischen Planung, den Montag frei, hat sich das mittlerweile zerschlagen, so wie es aussieht. Dass ich das gar nicht mal schlimm finde – und auch nicht die Tatsache, dass ich freitags bis mittags Uni, aber dafür vermutlich den ganzen Donnerstag frei habe – spricht irgendwie dafür, dass es goldrichtig war, zu sagen: Ich brech ab und zu neuen Ufern auf!

Wer noch nachlesen will, was ich in meinem Praktikum erlebt habe und auch zukünftig über meine Praktika, aber auch über Studieninhalte auf dem Laufenden gehalten werden will, der kann das auf dem Blog „Ich studier‘ Erzieherin“ tun, den ich seit ein paar Wochen mit einer Freundin betreibe, die ab nächstem Jahr ebenfalls ein Studium im elementarpädagogischen Bereich aufnehmen wird.

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4 Kommentare

  1. Sollte Dir wider aktuellem Erwarten fad werden, schau Dich mal bei der Veterinärmedizin um. Tolle Leute mit fantastischen Fähigkeiten. DIE Veterinärklinik weit und breit.

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