Als gäbe es keine Probleme mehr.

(Eigentlich fasst dieses Video schon ziemlich gut zusammen, was wir zwei in Norwegen erlebt haben. Sogar einen Zwischenfall mit einer Katze („LASS DIE KATZE NICHT INS ZELT MIRKA!“ „Aber … sie hinkt und ist soooo süß!“ „Ich meine es Ernst!“) gab es.)

Zu Fuß durch Norwegen, vier Wochen lang. Das war der Plan. Und Pläne sind dazu da, über den Haufen geworfen zu werden. Jeden Tag aufs Neue. Spontan sein, mutig, sich Widrigkeiten stellen, darum ging es irgendwie jede Sekunde unserer Reise. Wir haben so viel gesehen, erlebt und ausprobiert, dass ich das Gefühl habe, wir wären drei Monate zusammen unterwegs gewesen, obwohl es sich während der Reise anfühlte, als vergingen die Tage wie im Flug.
Letztendlich waren wir nicht einmal drei Wochen unterwegs. Drei wunderschöne Wochen. Drei anstrengende Wochen. Drei unwägbare Wochen: Wo werden wir morgen aufwachen? Keine Ahnung. Wie kommen wir weiter? Keine Ahnung. Wo ist der nächste Supermarkt? Keine Ahnung.

In Norwegen hat man so ein bisschen das Gefühl, als gäbe es keine Probleme mehr. Umweltverschmutzung, Intoleranz, Unfreundlichkeit, all das ist so, so fern, wenn man in so viel Naturbelassenheit badet, ja, ein wenig sogar eins mit der Natur wird. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt über so einen langen Zeitraum Menschen gemocht habe, wie letzten Sommer. Und das liegt vor allem daran, dass wir an einem gewissen Punkt beschlossen haben, einfach zu trampen. Weil unsere Route, die wir etwas ungünstig an zu vielen Straßen entlang geplant hatten, nicht wirklich sinnvoll war. Wo wir eigentlich hatten wandern wollen, sind wir größten Teils entlang getrampt und sind dann dort, wo wir abgesetzt wurden, reingegangen in die Natur, sind immer weiter nach oben gewandert, bis wir eine Stelle gefunden hatten, die uns gefiel und sich zum Campen eignete. Wir sind mit einem jungen Arzt aus Oslo getrampt, mit einem älteren Paar auf Frankreich, von dem der nun berentete Mann ein Jahr seines Studiums in Norwegen verbracht hatte, mit einer jungen Sportpädagogin, die gerade dabei war, ihre Hochzeits-Danksagungen zu verteilen, mit einer Gärtnerin, die das Haus ihrer Mutter renovierte, mit einem Paar aus Österreich, das fürs Wochenende zum Kanufahren in Norwegen war, mit drei Franzosen, die uns, nach intensiven Wandertagen mit dem völlig überfüllten Auto den Berg wieder mit runter nahmen, mit einem Paar, das uns nach zwei Stunden des Wartens mitnahm und wo sie, Theaterintendantin, uns in perfektem Englisch alles über die Gegend, erzählte und darüber, dass George Clooney mal einen Werbespot für sie gedreht habe. In einer Touristeninformation sagte man uns, dass Einheimische eigentlich nicht so gerne Tramper mitnehmen, was ich insgesamt, werfe ich einen Blick in mein Reisetagebuch, bestätigen kann. Uns haben sehr, sehr viele Reisende mitgenommen und nur eine Handvoll Einheimische. Die, der wir am meisten zu verdanken haben, ist Nan. Nan lernten wir an einem Gebirgsfluss kennen, wo wir auf einer Plattform unser Zelt aufgeschlagen hatten. Nan war alleine unterwegs, was aber auch nicht so ganz stimmt: Sie hatte ihren VW-Bus dabei und ihre Freundin, mit der sie mittlerweile nicht mehr zusammen ist, bei deren Tochter in Oslo abgesetzte, war alleine – immer wieder mit Trampenden – zum Nord-Kap gefahren, hatte Elche gesehen und machte sich nun langsam auf den Heimweg, zurück in den Süden, nach Kristiansand, um mit einer Fähre in Richtung Dänemark überzusetzen. Als sie uns davon erzählte, wussten wir noch nicht, dass ihre Pläne auch unsere werden würden. Wir fuhren zusammen zu einem Gletscher, den wir eigentlich schon gesehen hatten, aber den mein Reisebegleiter ihr so sehr ans Herz gelegt hatte, dass sie ihn sehen wollte – und wir ihn eigentlich sowieso nochmal. Wir campten, umgeben von Schafen, auf der gleichen Lichtung, auf der wir zwei Nächte zuvor um 6 Uhr morgens einen wunderschönen Sonnenaufgang, zudem mit Blick auf einen beeindruckenden Gletscher, durch den geöffneten Zelteingang beobachtet hatten. Nach unserer zweiten Nacht dort, stiegen wir wieder mit in ihren alten VW-Bus, den wir von Zeit zu Zeit tätschelten, weil er uns – ächzend, aber verlässlich – jeden Berg raufschleppte, den wir bezwingen wollten. Nan, die sehr gutes Deutsch sprach, war auch eine wundervolle Gesprächspartnerin, die bereit war, viel über ihr Leben mit uns zu teilen: Dass sie Ärztin in einer Hausarztpraxisgemeinschaft ist, dass sie gerne liest (sie liebt Harry Potter und Herr der Ringe), dass sie viel reist, sich für Dinge engagiert, die ihr am Herzen liegen. Vermutlich lagen auch wir ihr am Herzen, denn sie nahm uns erst 400 Kilometer mit in den Süden – wir fingen auf dieser Fahrt unglaublich viele schöne Landschaftsimpressionen ein – und als wir uns eigentlich schon verabschiedet hatten, in Kristiansand, erkundigten wir uns spontan, wie teuer es sei, mit der Fähre nach Dänemark mitzufahren. Es war günstig. Und günstig war für uns nicht ganz unwichtig, denn Norwegen fraß unsere Ersparnisse langsam aber sicher auf, was vor allem an den teuren Lebensmitteln lag (6 Äpfel für umgerechnet 4 Euro 50). Wir hatten erst überlegt, noch nach Oslo zu trampen und dort ein wenig Zeit zu verbringen, aber für eine Städtetour waren wir einfach zu schwer beladen und Hostelzimmerkosten trieben uns Schweißperlen auf die Stirn. Also kauften wir Tickets für die Fähre, schrieben Nan eine SMS und fuhren mit nach Dänemark. (Ich LIEBE es, Fähre zu fahren! Sieht man davon ab, dass das halbe Schiff von Hell’s Angels Typen und zwei Idioten in Thor Steinar Klamotten bevölkert war…) Dort nahm Nan uns noch ein Stück in ihrem Bus mit, ließ uns an einem Campingsplatz raus (in Dänemark ist wildes Campen nicht gestattet, woran wir uns die Hälfte der Zeit auch gehalten haben…) und wünschte uns alles Gute. (Es war nicht das letzte, was wir von ihr gehört haben: Ich habe ihr einen Brief geschrieben und als Dankeschön ein Buch, den ersten Teil von „Die Tribute von Panem“, geschickt und auch eine Antwort erhalten, jetzt bin ich am Zug, ihr wieder zu schreiben.) In Dänemark sind wir, bei brütender Hitze, ein paar Tage Strand gewesen, haben Sonnenbrand bekommen und uns endlich wieder frisches Obst leisten können. Unseren Rückflug von Bergen aus haben wir verstreichen lassen und sind stattdessen mit einem Deutschland-Ticket dreizehn Stunden mit dem Zug nach Hause gefahren, was eventuell fast das Nervigste an der ganzen Reise war.

Es ging viel darum, einfach zu Sein. So ohne Internet und ohne Verpflichtungen. Keine Termine, keine Fristen, keine Duhastdochdasunddasdemunddemversprochen. Das hat mir, neben dem Kennenlernen vieler verschiedener Menschen durch das Trampen, am Besten gefallen und ist vielleicht auch mein Hauptanreiz irgendwann zu sagen: Hey, ich mache das jetzt nochmal! DASS ich nochmal eine Rucksacktour machen werde, steht jedenfalls fest. Ich habe wenig vermisst, fand alles erstaunlich unschmutzig, habe gerne im Schlafsack im Zelt geschlafen, auch wenn es manchmal, gerade, wenn wir sehr weit oben auf Bergen gezeltet haben, nachts verflucht kalt war und ich sowieso schon eine ziemliche Frostbeule bin.

Manchmal war es anstrengend, hat gezwickt. Weil wir oft nicht so recht das gleiche Tempo hatten. Beim Wandern, beim Essen und schon gar nicht beim Aufwachen. Immerhin habe ich, zumindest für den Moment, gelernt, in unter fünfzehn Minuten aufzuwachen, die Luft aus der Luftmatratze zu lassen, Schlafsack und alle Sachen einzupacken – und dabei noch zu frühstücken. Es ist anstrengend, sich um 7 Uhr in der Früh beeilen zu müssen, wenn alles in einem schreit „Mach langsam“, wenn der Blutdruck und der Geist noch irgendwo im Kellerniveau sind. Es gibt wenig, das mich so nervt, wie nebenbei frühstücken zu müssen. Beim Packen, beim Laufen, beim Rucksackschultern. Aber andererseits war es gut, eine Begleitung zu haben, die das Antreiben übernimmt, die mir in den Arsch tritt, sagt „Mach mal, du schaffst das!“. Dadurch, dass wir oft so schnell waren, haben wir auch viele Chancen nutzen können, die sich uns vielleicht sonst nicht ergeben hätten.
Am Anfang hatte ich etwas Probleme mit meinem linken Oberschenkel, der bei großer Belastung schonmal krampft. Drei Tage lang hat mich mein Muskelkater umgebracht, als ich ins Zelt gekrochen bin – andererseits bin ich aber überrascht worden, wie gut es, trotz kaum Vorbereitung auf die Tour, dann doch geklappt hat, den Rucksack zu schleppen und zu wandern, gerade ich, der man als letztes zugetraut hätte, nach dem Abi irgendwo mit dem Rucksack zu wandern. (Vielleicht habe ich deswegen auch begeistert zugesagt, als mir mein Begleiter im Februar 2012 vorschlug, mit ihm diese Reise zu machen?) Einmal, als es geregnet hatte und wir den Abstieg von einem Berg machen mussten, hatte ich panische Angst, hinzufallen, zumindest am Anfang und geschuldet dadurch, dass einen, auf nassen Steinen, ein zwölf Kilo schwerer Rucksack nicht gerade ausbalanciert… Ich bin sehr vorsichtig und langsam gegangen, habe aber nach und nach Selbstvertrauen aufgebaut und es war schön, von meiner Begleitung irgendwann gesagt zu bekommen „Das sieht doch schon viel besser aus! Ich bin stolz auf dich!“ Stolz, das bin ich auch: Auf uns, dass wir das so gut geschafft haben, ohne größeren Streit und mit viel Lachen, dass wir immer noch befreundet sind, mittlerweile sogar zusammen wohnen. Andererseits empfehle ich aber auch, diese Reise nur mit einer Person zu machen, von der ihr euch schon im Vorfeld sicher seid: Das passt. Wenn ihr schon im Alltag zuweilen von einander genervt seid, es sehr unterschiedliche Ansichten bezüglich für die Reise wichtiger Dinge gibt, dann solltet ihr es lassen – oder lieber erstmal ein Wochenende im Sauerland wandern gehen…

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4 Comments

  1. Das hört sich nach einem supertollen Trip an. =) Unterwegs genieße ich auch immer die Freiheit vom Internet und von Verpflichtungen. Manchmal ist es ganz gut, wenn man sich mal keine Sorgen macht und einfach nur Freiheit genießt. =) =) =) =) Nach dem Lesen des Textes fühle ich mich auch wieder ein bischen so, danke dafür. =)

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