Wenn die Nacht am stillsten ist – Arezu Weitholz.

9783888977756
Wenn die Nacht am stillsten ist von Arezu Weitholz
224 Seiten, Gegenwartsliteratur
erschienen am 5. September 2012

Inhalt: Am Ende geht es um den Moment. Wie das Mondlicht durch die Ritze der Jalousie auf den Parkettfußboden fällt. Wie das Auto unten vorbeifährt. Wie es wieder still wird. Du atmest. Ich sitze an deinem Bett. Es ist dieser Moment, den Anna wahrnimmt, um Ludwig, mit dem sie seit acht Monaten zusammen ist, ohne dass jemand davon weiß, zu sagen, was sie ihm nie gesagt hat. Von den Brüchen in ihrem Leben hat sie nicht gesprochen, nicht von dem Selbstmord des Vaters, nicht von der depressiven Mutter im Altersheim, nicht von Südafrika, wo sie lange gelebt hat, den Drogen, den Partys, der Gewalt, dem Schmerz. Das alles passte nicht in Ludwigs Welt, die sich um Macht und Erfolg, um den richtigen Style und die angesagte Musik drehte und aus der alles ausgeblendet wurde, was den schönen Schein der Oberfläche stört. Aber jetzt ist auch in Ludwigs System etwas aus dem Ruder gelaufen und er, der Überflieger, Redakteur für besondere Aufgaben bei einem Hamburger Gesellschaftsmagazin, der immer eine Antwort hat, der einsam, verschroben, fleißig und elitär ist, hat Schlaftabletten genommen, vielleicht eine Überdosis, Anna weiß es nicht. Sie sitzt wie Scheherazade an seinem Bett und erzählt. Hört er es?

Meinung: Ludwig ist eine dieser Personen, die man ikonisiert – dadurch, wie er sich ausdrückt, wie er sich von anderen abzugrenzen versucht, ja, auch dadurch, wie er auf andere herabzusehen scheint. Ludwig will ikonisiert werden. Er will, dass man ihn wahrnimmt, über ihn nachgrübelt, seine Tiefgründigkeit bewundert, seine Intelligenz und seine augenscheinliche Zugehörigkeit zu irgendeiner Elite, die sich niemand so genau zu definieren traut. Ludwig will dabei sein, bestimmen, das Ruder in der Hand haben – ein Gewinner sein. Verlierer widern ihn an. Elend ebenso.

Auf 224 erzählt Arezu Weitholz die Geschichte von Ludwig und Anna, ohne die Geschichte von Ludwig und Anna zu erzählen. Das Buch lebt von Auslassungen, von Unerklärlichem und Momentaufnahmen. Im ersten Teil sitzt Anna an Ludwigs Bett, Anna, die sich selbst nicht als Gewinnerin sieht oder sehen kann. Zumindest wird sie in Ludwigs Augen niemals zu den Gewinnern gehören können: In ihrem Leben haben sich zu viele unsaubere Brüche ereignet. Die kranke Mutter, der tote Vater, die vielen großen und kleinen Fluchten vor sich selbst. All das hat sie nie mit Ludwig teilen wollen oder vielleicht besser: Können. Erst als er da vor ihr liegt, irgendwo zwischen Leben und Tod, kann sie das erzählen, was lange ungesagt zwischen ihnen stand.

Mir hat „Wenn die Nacht am stillsten ist“ sehr gut gefallen. Zum einen, weil ich Geschichten mag, die in der Nacht spielen, in den Stunden, die sich manchmal so anfühlen, als könnte man in ihnen alles sagen und tun, ohne dass es Konsequenzen hätte. Zum anderen, weil der Schreibstil so schön melodisch ist, einen durch die Geschichte trägt, ohne dass man sich an irgendwelchen aufgesetzen Phrasen stößt. Nicht zuletzt möchte ich Weitholz auch dafür loben, dass sie sich traut, entlarvend über den gegenwärtigen Journalismus zu urteilen: Über Arschkriechereien, das Reviergehabe männlicher Journalisten, über das Draufhalten, auch wenn der gute Geschmack eigentlich schon vor Stunden „Schalt die verfluchte Kamera aus!“ gebrüllt hätte. Darüber, wie wichtig sich die Schaffenden, aber auch die Rezipierenden in der Popkulturszene nehmen. Mir gefällt es, wie Anna abends kopfschüttelnd zu ihrem Goldfisch zurückkehrt und ihm und sich gesteht, dass sie sich das so irgendwie alles nicht vorgestellt hat. Mir gefällt „Wenn die Nacht am stillsten ist“.

Einen interessanten Artikel zum Buch findet ihr zudem hier.

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