Tu dir weh – Ilaria Palomba

tu_dir_weh

“My boyfriend used my palm as an ashtray/And that was on his good days
My scar looks like a bear, or a rabbit/They said, „It’s just his bad habits.““
Inside my Head – Meg & Dia

Tu dir weh von Ilaria Palomba
314 Seiten, Gegenwartsliteratur
erschienen am 6. März 2013

Inhalt: Ohne Narben wirst du nicht alt Du warst nie das Nesthäkchen, deine Freunde sind Langweiler und dieses ganz normale Leben bestärkt nur deinen Wunsch abzuhauen? Du hast Lust auf mehr, auf immer mehr Leben? Dann lies dieses Buch und folge Stellas Weg. Er führt bis an die Grenzen und vielleicht darüber hinaus. Aber Vorsicht: Du könntest dir weh tun. Die hübsche, neunzehnjährige Philosophiestudentin Stella lernt auf einer Party einen Mann mit verführerischer Stimme kennen: Marco. Kurz darauf machen sie es im Auto. Das erste Mal ist wie ein Rausch. Doch der Drang, es so noch einmal zu erleben, führt Stella in eine folgenschwere Abhängigkeit. Das Berührende ist: Stella spürt von Anfang an, was Marco mit ihr vorhat, doch kann sie sich noch befreien, bevor es zu spät ist … Eine bitter-süße Abrechnung mit der Macht der Männer und der Sehnsucht nach immer mehr Leben.
„Brennend, irritierend, klaustrophobisch, besessen. Man liest es in einem Atemzug.“ La Repubblica
„Eine harte, unverfrorene Geschichte inmitten einer heruntergekommenen Gegend à la Trainspotting.“ Il sole 24 Ore

Meinung: „Tu dir weh“ ist eines der wenigen Bücher, die man perfekt in einem Wort beschreiben könnte und dann wäre eigentlich schon alles gesagt: Krass. Einfach nur krass. Die ersten 150 Seiten habe ich wie in einem Rausch gelesen, danach musste ich das Buch erstmal eine Weile zur Seite lesen, weil es mich so bedrückt hat, so von sich eingenommen hat, dass ich das Bedürfnis hatte, etwas Distanz zwischen mich und die Geschichte bringen zu müssen.

Von Anfang an wird der Leser in eine Welt hineingezogen, die ihm – in der Regel zumindest – ziemlich suspekt erscheinen wird. Was auf den ersten Blick noch wirkt wie eine Party, auf der alle ein wenig zu viel getrunken und gekifft haben, stellt sich schnell als etwas völlig anderes heraus. Kiffen, trinken, Sex – ich denke, das hat auf die Wenigsten noch eine schockierende Wirkung. Und genau deswegen ist „Tu dir weh“ auch auf einer völlig anderen Ebene erzählt. Ecstasy, Ketamin, Opium, Heroin. In einer Stelle zieht Stella, die 19-jährige Studentin, die wir 314 Seiten lang begleiten dürfen, eine stecken gebliebene Nadel aus dem Arm eines Heroinsüchtigen. An einer anderen Stelle drückt der Mann, mit dem sie schläft, Marco, eine Zigarette auf ihrem Rücken aus. Orgien, ungeschützter Sex. Immer genau dann, wenn man denkt, schlimmer kann es nicht kommen, kommt es schlimmer, ohne jedoch zu konstruiert zu wirken. Weil Stella auf glaubwürdige Art und Weise genau das passiert, was in einer Spirale von Abhängigkeiten den meisten zu passieren scheint: Der komplette Kontrollverlust.

Phasenweise hatte ich das Gefühl, dass „Tu dir weh“ ein wenig die Versprechen einlösten, die „Shades of Grey“ gemacht hat, aber nicht hatte halten können: Düster und schmerzhaft, abstoßend und unglaublich packend zugleich. Das hier ist kein Mummyporn. Dafür ist die Autorin, geboren 1987, vermutlich zu jung, zu anders sozialisiert worden. Beim Lesen fragt man sich, wie viel von ihr selbst – sie studierte, genau wie ihre Protagonistin Stella, Philosophie in Bari – in der Geschichte steckt, die sie mit Nachdruck und einer beklemmenden Kaltschnäuzigkeit erzählt, steckt. Ich weiß, dass man famos über Dinge schreiben kann, die man nicht selbst erlebt hat, ich weiß das. Aber dennoch: Ich rätsele seit Tagen, was für ein Mensch Ilaria Palomba wohl ist, ob sie mehr mit Stella teilt, als den Studiengang und -ort, die Haarfarbe. Ich würde sie gerne aus ihrem Leben erzählen hören.

Viele Geschichten werden davon getragen, dass sie eine Liebesgeschichte erzählen, die man so schön findet, dass man für ein Happy End die Daumen drückt. In „Tu dir weh“ ist Liebe zumeist mit Abhängigkeit gleichzusetzen: Von einander, von Erniedrigung, von immer härteren Drogen. Die höchsten Höhen und die tiefsten Tiefen. Nichts an dieser Geschichte ist schön: Nicht, wie Stella immer weiter abrutscht, sich immer weiter von ihren Eltern entfernt. Nicht, wie Marco Stella abwechselnd zu sich lockt und dann wieder wegstößt. Nicht, wie alles auf den großen Knall hinsteuert. Die Sprache ist simpel, manchmal klar und manchmal unzusammenhängend, rauschhaft. Die Charaktere sind, obwohl nur skizziert, ziemlich eindrucksvoll. Sie spiegeln glaubwürdig all die Hoffnungslosen wider, die sich in dieser Szene bewegen und geben ihnen eine Stimme.

Es wäre falsch zu sagen, dass mir „Tu dir weh“ gefallen hätte. So ein Buch „gefällt“ nicht. So ein Buch schüttelt durch, rüttelt wach, packt und erschüttert. Ich habe im Rahmen einer Leserunde viele Stimmen vernommen, die das Buch als zu düster, zu dunkel, ZU krass wahrnahmen und ich kann das nicht so recht verstehen. Klar, „Tu dir weh“ ist vermutlich kein Buch, das die Masse anspricht – obwohl ich es ihm extrem gönnen würde! -, aber ich finde es wichtig, sich auch auf solche Geschichten einzulassen: Weil sie passieren. In „Shades of Grey“ wird vielleicht – vermeintlich – ‚harter‘ Sex geschildert, aber am Ende (SPOILER ALERT!) doch geheiratet, inklusive Eigenheim und kuscheligen Babys. Kurz: Während „Shades of Grey“ die BDSM-Szene mit Füßen tritt, hat sich „Tu dir weh“ wertungsfrei seiner Szene angenommen und eine Geschichte erzählt, die nicht schön ist, aber wahr.

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