Shades of Grey: Von Spielarten und vom Wegtherapieren.

(erschienen in der Januar-Ausgabe der AUGUSTA, der Campuszeitung der Uni Göttingen)

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Dass Sexszenen in Büchern in der Regel schlecht geschrieben sind – zu verkitscht, zu zensiert, zu sehr „Er kam und sie kam mit ihm“ – steht außer Frage. Dass sich aber ein Buch, nein, sogar eine ganze Bücherreihe, voller schlechter Sexszenen zum Bestseller des Kalenderjahres mausert, das ist dann doch neu.

Besagte Trilogie, „Shades of Grey“, erzählt die Geschichte der 21-jährigen Jungfrau Anastasia Steele, die irgendwie noch nicht so ganz da angekommen zu sein scheint, wo der Rest der Welt mittlerweile mit den Tücken des Lebens und Liebens kämpft: Im 21. Jahrhundert. Ana besitzt keinen Computer, ja, nicht einmal einen E-Mail-Account oder ein Handy. Natürlich: Sowas gibt es und ist irgendwie fast schon ein wenig cool und Boheme („Nee, weißt du, das tue ich mir nicht an, diesen ganzen Kommunikationsstress!“). Ihre Beine hat sie auch noch nie rasiert – nichts, was verwerflich wäre, aber doch irgendwie ein bisschen zu sehr dem Bild der unberührten, keuschen Jungfrau entsprechen will, das oftmals in Popkultur reproduziert wird.
Besagte Anastasia, kurz Ana genannt, vertritt bei einem Interviewtermin ihre beste Freundin Kate, die aufstrebende Journalistin, die den Gegenpart aus der Klischeekiste der Romancharaktereigenschaften aufs Auge gedrückt bekommen hat, aber am Ende dann auch irgendwie an der Endstation Monogamiekitsch aussteigen muss. Anas Interviewpartner ist der kühle, unglaublich gutaussehende und zudem auch noch steinreiche Geschäftsmann Christian Grey, der Ana völlig verunsichert und sie dazu bringt, von einem Fettnäpfchen ins nächste zu stolpern. Grey wittert in Ana Sklavinnenpotenzial und stellt ihr so lange nach, bis sie bereit ist, einen Vertrag mit ihm einzugehen. Einen Vertrag, in dem sie als „Sub“ und Christan als „Dom“ bezeichnet wird und irgendwie ist ihr das dann alles doch ein bisschen zu viel, was sie aber nicht davon abhält, sich von Christian entjungfern zu lassen. Ausnahmsweise, zu diesem besonderen Anlass, lässt Peitschenhieb-Christian sich dann sogar mal auf Blümchensex ein. Glückwunsch übrigens: Nicht jede hat beim ersten Mal gleich einen bahnbrechenden Orgasmus, wie er Ana vergönnt ist.

Das größte Problem aber ist, dass Anastasia kaum Spaß an BDSM zu haben scheint. Nein, Anastasia macht irgendwie so mit, weil sie hofft, so Christian, die Liebe ihres Lebens, etwas, das sie schon nach wenigen Tagen genauso benennen kann und will, zu ändern und nicht zuletzt auch zu „retten“. Vor sich selbst, seiner Vergangenheit und vor allem vor den bösen, bösen Sado-Maso-Spielchen. Dass BDSM-Sex, genauso wie Blümchensex, nur eine von vielen sexuellen Spielarten und nicht, so wie Ana das zu empfinden scheint, eine Krankheit, ein Problem, etwas, das es wegzutherapieren gilt, im Idealfall mit ihrer unerschöpflichen Liebe, das kommt ihr gar nicht in den Sinn. Anastasia hat es sich zur Aufgabe gemacht, den beziehungsgestörten, verschlossenen Christian zu „knacken“ und in das zu zwingen, was für sie das Ideal zu sein scheint: Eine monogame, geordnete Beziehung, im Optimalfall bitte mit Trauschein und Eigenheim. Ana sieht ihren Sexpartner als Projekt und vielleicht ist das das Problem vieler Beziehungen, seien sie wie auch immer geartet: Dass der andere bis zur Unkenntlichkeit an die eigenen Idealvorstellungen angepasst werden soll. Ana will Christian von den Lasten seiner Kindheit und von den Erinnerungen an die Beziehung zu einer viel älteren Frau, deren Sklave er eine Weile als Teenager war, befreien und vergisst dabei, dass wir alle Konstrukt unserer Vergangenheit sind. Nur weil ein neuer Lebensabschnitt beginnt, tragen wir keine weißen Westen und fangen noch einmal ganz von vorne an. Oder, um ein vielleicht passenderes Bild zu bemühen: Ist das Jungfernhäutchen erstmal weg, dann ist es weg.

Zu allem Übel kommt auch noch hinzu, dass „Shades of Grey“ genau aus der Ecke kommt, von der man sich eigentlich erstmal ausgelaugtes Schweigen gewünscht hatte: Aus der „Twilight“-Ecke. Der „literarische“ Hintergrund der „Shades of Grey“-Autorin E. L. James, die mit bürgerlichem Namen Erica Leonard heißt und dieses Jahr ihren 50. Geburtstag feiert, lässt sich nämlich auf das Schreiben von Fan Fictions zusammenstreichen. Richtig, Leonard, Mutter zweier Söhne, begann 2009 mit der Arbeit an „Shades of Grey“ – damals hießen die beiden Hauptprotagonisten aber noch Edward Cullen und Bella Swan, der Titel des Werkt lautete bedeutungsschwanger „The Master of the Universe“.

Irgendwie ist „Shades of Grey“ vor allem eines: Schonmal da gewesen. Vielleicht nicht genau so, aber zumindest so ähnlich. In der Literatur. Im Porno. Vielleicht sogar im eigenen Schlafzimmer. Been there, done that. Und da kommt „Shades of Grey“ an seine Grenzen und wir, als Leser, an den entscheidenden Punkt: An „Shades of Grey“ ist nichts neu und aufregend, verboten und kontrovers. Und: Das will die Buchtrilogie auch gar nicht sein.
Warum geben wir uns dann mit dem zufrieden, was uns aufgetischt wird? Besseren Wissens? Wir lesen Bücher, deren Stil Schülerzeitungsniveau hat, die repetitive Wiederholung des Wortes „innere Göttin“ stresst irgendwie schon auf Seite 30 und dass es bei den Sexszenen so richtig zur Sache ginge, kann man auch nicht gerade behaupten.
Woher kommt dann bloß die Sehnsucht nach Büchern wie „Shades of Grey“? Wir sind jung und ungebunden, wir sprechen offen über Sex und haben ihn auch so: Wie wir ihn wollen. Manchmal ist er schlecht, bleibt hinter den Erwartungen zurück, machmal besser, als wir uns erträumt haben. Und dann sowas. Dann kommt da eine fast 50-jährige Hausfrau daher, schreibt drei schlechte Bücher über Sex und wird vom TIME Magazine unter die 100 einflussreichsten Menschen der Welt im Jahr 2012 gewählt. Die Filmrechte sind bereits verkauft, in den nächsten Monaten sollen die Dreharbeiten losgehen und noch rätselt man darüber, wer die Hauptrollen spielen wird.

Natürlich können wir uns irgendwie darüber freuen, dass das Thema Sex, das „Wie gefällt es dir? Wie willst du es? Darf es mal ein bisschen härter sein?“, nun auch im etwas prüden Bürgertumsschlafzimmer Einzug gehalten hat. Aber: So hatten wir uns das dann irgendwie auch wieder nicht vorgestellt. Von „Mommy-Porn“ ist die Rede und genau das ist „Shades of Grey“: Es spricht eher die untervögelte Mittvierzigerin an, als eine Gesamtgesellschaft, die dringend eine neue, entfesselte (haha) Debatte über Sexualität, Sex, Pornographie und Fetisch führen muss. Das Thema Sexualität muss aus den Schlafzimmern und aus den Künstlerateliers heraus, kein Zweifel. Aber ob Charaktere wie Christian Grey und Anastasia Steele die richtigen sind, uns etwas über Sex beizubringen, darf bezweifelt werden.

„Shades of Grey“ reproduziert Geschlechterrollen, Vorurteile und Heterosexualität. Die lesbische Mitarbeiterin von Christian wirkt irgendwie halbherzig aus dem Hut gezaubert, um der Leserschaft zu beweisen: Hey, davon habe ich auch schonmal was gehört, ich bin tolerant und weltoffen!
Wir sind heterosexuell, bisexuell und homosexuell. Wir leben in monogamen oder polyamoren Beziehungen, von einem One Night Stand zum anderen oder haben einfach mal für eine Weile gar keinen Sex. Und trotzdem verkaufte sich „Shades of Grey“ allein in den USA bis Juli 2012 mehr als 20 Millionen Mal. An diesen Verkaufszahlen sind nicht alleine besagte Mittvierzigerinnen Schuld. Verweilt man in Buchhandlungen eine Weile neben dem „Shades of Grey“-Tisch, ja, den gibt es immer noch, obwohl der Wirbel um das Buch mittlerweile eigentlich schon ein wenig abgeflaut ist, und beobachtet das Klientel, das dort Halt macht, das Buch in die Hand nimmt, den Buchrücken liest, darin blättert und es vielleicht sogar zur Kasse trägt, dann stellt man fest: Irgendwo in uns allen steckt wohl eine frustrierte Mittvierzigerin.

Auch in feministischen Kreisen trat die Trilogie eine Welle an Reaktionen los. Es wurde die These aufgestellt, dass Frauen sich in einer (nach außen hin) gleichberechtigten Position tief im Kern doch nach Unterwerfung und Kontrollabgabe sehnen und das, obwohl sie das Refugium Küche verlassen haben, jetzt eben im Schlafzimmer zum Ausdruck bringen. Ausgerechnet Alice Schwarzer war es, die darauf aufmerksam machte, dass man auch Feministin sein kann, wenn man auf BDSM-Sex steht.

Die guten Bücher über Sex, tja, vielleicht muss unsere Generation die dann einfach selbst schreiben. Dass man im Erotik-Genre Geld machen kann, das wissen wir ja jetzt.

(Bild via shoothead.)

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2 Kommentare

  1. Ich hinterlasse dir als jahrelange stille Leserin nun auch mal einen Kommentar. Der Artikel bringt genau DAS auf den Punkt, was ich (und hoffentlich auch viele andere) über diese Bücher denke und wieso sie so verdammt erfolgreich sind. Eigtl. spiegelt sich doch in diesem Hype wieder, dass viele längst nicht so offen und aufgeklärt sind, wie es nach außen hin dargestellt wird. Manchmal kommt mir diese sexuelle Offenheit wie ein Ideal vor, hinter dem niemand zurückbleiben will und dem alle entsprechen wollen – auch, wenn die Realität eben komplett anders aussieht. Um dies zu offenbaren, reicht bereits ein schlecht geschriebener, pseudo-versauter Groschenroman. Wenn ich tolle Texte wie deine lese, kommt mir dessen Erfolg noch ungerechtfertigter vor. ; )

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