Noch viel lieber.

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Du kannst vieles, aber kommunizieren, das können immer nur die anderen. Du beobachtest und grübelst, du wägst ab und frisst, frisst, frisst in dich rein. Du redest zwar viel, aber sagst dabei beklemmend wenig von dir. Du nimmst Dinge lieber in die Hand, als Verantwortung, Kontrolle oder gar Macht abzugeben. Du willst Herrin der Lage sein und zu deinen Regeln spielen.

Ich habe Dinge getan, nachdem du einfach so verschwunden bist, auf die ich nicht stolz bin. Ich habe deinen Schreibtisch durchwühlt – kein Tagebuch, keine Briefe, nicht einmal ein Notizzettel, der mir einen Anhaltspunkt hätte geben können oder zumindest einen triftigen Grund, nicht weiter zu suchen. Ich habe ein paar Leute angerufen und versucht, mich in deinen E-Mail-Account einzuloggen, aber du bist kein bequemer Mensch, deine Passwörter waren nicht in deinem Lieblingsbrowser gespeichert. Mein Name war jedenfalls nicht dein Passwort, der Name unserer Tochter auch nicht, nicht unser Hochzeitstag, nicht die Stadt, in der unsere erste gemeinsame Reise ging. Vielleicht war „Rom“ zu kurz für ein Passwort gewesen und mein Name nicht relevant genug. Es war schön, damals in Rom. Wann hat es aufgehört, schön für dich zu sein?
Und am Schluss, da habe ich deinen Browserverlauf durchwühlt. Zuletzt gelöscht hattest du ihn zwei Wochen, bevor du die Tür dreimal abgeschlossen hattest und der Erzieher angerufen hatte und mich fragte, wo wir denn blieben, obwohl eigentlich dein Abholtag war.
Dein Browserverlauf war ein buntes Potpourri, genauso bunt, wie du selbst. Du hattest deinen E-Mailanbieter aufgerufen, Google, Amazon, ein Kochblog (die Lasagne hast du dann doch nicht gemacht), ein paar Onlinezeitungsartikel, die neuste Folge Grey’s Anatomy (nein, vermutlich sind wir nicht länger Meredith und Derek) und zuletzt, zu allerletzt: Die Mitfahrzentrale. Auch hier funktioniere keines meiner Wunschpasswörter – weil du nichts nach meinen Befindlichkeiten wähltest, nicht Passwörter, nicht Gefälligkeiten und, ja, noch nicht einmal mehr deinen Aufenthaltsort.

Ich möchte auf tausend Sprachen „Wie kannst du nur?“ schreien können. Aber noch viel lieber möchte ich dich auf tausend Sprachen antworten hören.

(Bild via shoothead.)

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