Das gehört jetzt zu mir.

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Gut anderthalb Jahre bin ich jetzt vegan und es ist irgendwann im Laufe der Zeit zu etwas ganz Normalen, mir Zugehörigem geworden. So wie meine Augenfarbe etwa oder meine Art zu laufen. Ich denke im Supermarkt nicht mehr groß darüber nach, was ich kaufen will/kann/sollte – nicht „darf“, denn das ist in meinen Augen die denkbar ungünstigste Art und Weise, Veganismus zu kommunizieren. Mein Lebensstil fühlt sich nicht wie ein einziges Verbot an, sondern wie etwas, das mein Leben schöner und meine Weltsicht viel weiter und bunter macht. Ich schaffe es (relativ) problemlos, unterwegs an (noch dazu leckeres!) Essen zu kommen und ich liebe die Tatsache, dass meine Unimensen sogar zwei vegane Gerichte täglich anbieten – und dass sich beide Mensen am Zentralcampus befinden, wo so ziemlich alle meine Veranstaltungen stattfinden. Allgemein habe ich das Gefühl, dass in den anderthalb Jahren, die ich jetzt dabei bin (Hilfe, das klingt, als sei ich einer Sekte beigetreten!), viel bewegt worden ist. Als ich anfing, mich vegan zu ernähren, war das Kochbuchangebot in den größeren Buchhandlungen noch ziemlich spärlich, mittlerweile gibt es Aktionstische voller veganer Kochbücher, führen vegane Kochbücher Bestsellerlisten an und werden auf allen Kanälen, sowohl in den neuen, aber auch in den alten Medien vorgestellt, manchmal mehr schlecht als recht, aber was will man von „Käseblättern“, ja, noch nicht einmal der Begriff ist vegan (Flachwitzalert), die so ziemlich alles irgendwie grob herunterbrechen und dabei verzerren, auch erwarten? Es wird in der Regel ein*e Expert*in befragt und wenn die*der, der Meinung ist, dass vegan nix ist, dann steht das da halt so oder so ähnlich im Artikel. Insgesamt freue ich mich aber mehr über die tollen, differenzierten und motivierenden Artikel, als ich mich über die ärgere, die all das nicht sind.
Auch das Angebot im Supermarkt an explizit als vegan gekennzeichneten Produkten wächst, die meisten davon sind für mich in der Regel auch erschwinglich und ich achte, seitdem ich alleine lebe, schon relativ penibel auf mein Geld. Manchmal gönne ich mir etwas für mich Besonderes – ein Besuch in einem veganen Café, veganer Käse aus dem Reformhaus, drei oder vier Stunden für diesen aufwändigen Kuchen in der Küche wuseln. Überhaupt: Kochen, backen, kochen, backen, zaubern! Vor zwei Jahren konnte ich kaum bis gar nicht kochen und ganz passabel backen. Vielleicht ist „nicht können“ eine zu harte Formulierung – ich hatte mich einfach nie näher damit beschäftigt, mich nie herangetraut. Selbst als ich noch hin und wieder Fleisch gegessen habe, wäre ich zum Beispiel nie auf die Idee gekommen, mir ein Steak zu braten. Der Wunsch Kochen zu wollen, der kam erst, als ich anfing, mich damit auseinanderzusetzen, wie ich mich ernähre, warum ich das eigentlich tue und ob es Sinn macht. (Machte es nicht.) War Essen früher viel Ernähren und oft auf Einfachreinstopfen, ist es jetzt Genuss und Wertschätzung – etwas, das mir besonders aufgefallen ist, da ich gerade „Nudeldicke Deern“ von Anke Gröner (vergangenen Monat als Taschenbuch erschienen) lese, die es schafft, mir mehr oder weniger vor Augen zu führen, wie ähnlich mein Realisierungsprozess war, auch wenn ich nicht angefangen habe, mich mit meiner Ernährung zu beschäftigen, weil ich mich wegen meines Gewichts von Diät zu Diät gequält hatte. So viele Passagen möchte ich einfach nur mit vielen Ausrufezeichen versehen, auch wenn Anke Omnivorin ist und ich eben nicht mehr.
Am Anfang war ich glaube ich gelegentlich ziemlich anstrengend und nervig. Wenn ich von etwas begeistert bin, dann handelt es sich um eine überschäumende Begeisterung, die ich gerne und viel kommuniziere und die ich erst einmal anzuleinen lernen musste. Ich habe von Anfang an versucht, so wenig wie möglich zu missionieren, was nicht wirklich gelungen ist und vermutlich auch bis heute nicht gelingt. Sobald bekannt wird, dass man vegan wird, und das Gegenüber Interesse bekundet und einen bittet, etwas über die Beweggründe zu erzählen, warum man „all das auf sich nimmt“, kommt man recht schnell ins Monologisieren. Ich habe mir irgendwann eine Kurzfassung zurechtgelegt – quasi ein „How to explain my Veganism in 2 minutes“. Tiere, Umwelt, Gesundheit, Konsumkritik. Zu allem ein paar Worte und je nach suggeriertem Interesse meines Gegenübers, vor allem bei Rückfragen, gerne noch ein bisschen mehr.
Was ich meinem 2011er-Ich, das Anfang März 2011 voll und ganz Vegetarierin wurde und nur wenige Monate später Veganerin wurde, gerne mit auf den Weg geben würde? Chill mal – und hab Freude!

(Bild via shoothead.)

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4 Comments

  1. „Sobald bekannt wird, dass man vegan wird, und das Gegenüber Interesse bekundet und einen bittet, etwas über die Beweggründe zu erzählen, warum man “all das auf sich nimmt”, kommt man recht schnell ins Monologisieren.“

    Hahaha, true story, war bei mir ähnlich. Man will alle bekehren, das aber nicht nach außen hängen lassen, und irgendwann, wenn man schon „länger“ dabei ist, legt sich das wieder.

  2. Ich bin ja nichz so die Kommentiererin, jedoch muss ich nun mal eine Ausnahme machen und dir meine Bewunderung ausspreche. Du hast dich so verändert, zumindest in den Ausschnitten, die man hier und auf Twitter von dir erfahren darf, seit ich deinen Blog vor vier Jahren durch Zufall fand. Und es ist so spannend zu erfahren, wie reflektiert du dein Leben, deine EInstellungen hier festhältst. Das finde ich ganz besonders und freut mich immer zu lesen. So wunderbar. Danke!

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