Übers Einpacken und Auspacken.

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Hätte mir im September jemand gesagt, dass ich im April bereits wieder Kisten packen und Möbel abmontieren würde, hätte ich vermutlich gelacht. Ungläubig, abwiegelnd, aber vielleicht auch ein wenig unsicher. Weil ich so viele kenne, die irgendwann nach dem ersten Semester dann doch noch einmal umgezogen sind. Seit vorgestern weiß ich, dass ich mir einen zweiten Besichtigungsmarathon sparen kann – ich habe ein Zimmer! Der Mitbewohner meines Norwegenbegleiters zieht mit seiner Freundin in einen Bauwagen (not kidding!) und ich im Tausch ein. Das Zimmer ist in etwa genau so groß wie mein Zimmer jetzt, nur heller. Es ist ein altes, etwas morsches Haus in der Vorstadt, die Vermieterin ist Lehrerin in Baden-Württemberg und einmal sind der Freund und ich mit ihrem Auto, einem in die Jahre gekommenen und vermutlich unkaputtbaren Volvo, ihren Hund spazieren gefahren, im Kofferraum eine Spülmaschine, die schon halb Holland gesehen hatte. Es gibt einen Ofen, Fußbodenheizung im Erdgeschoss, einen großen Garten, in dem Lebensmittel angebaut werden, eine Waschmaschine und eine Badewanne, sogar einen kleinen Ofen. Ich werde dort 70 Euro weniger Miete zahlen und hoffentlich drei gute Jahre haben.
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Manche Dinge überraschen einen dann doch irgendwie, erwischen einen auf dem falschen Fuß und rütteln einen einmal von oben bis unten durch. Selbstzweifel. Einsamkeit. Heimweh. Ungeduld. Sich mehrere Nächte schlaflos im Bett zu wälzen, etwas, das es so irgendwie noch nicht gegeben hat. Feststellen zu müssen, dass das, was man sich erhofft und erwünscht hat, nicht der Realität standhalten kann, dass Erwartungen manchmal ein Arschloch sind. Straucheln und sich aufrappeln, herausfinden, was einem Spaß macht und mehr auf das Bauchgefühl hören, in fachfremden Vorlesungen und Seminaren sitzen und sich ziemlich geborgen fühlen, Masterprogramme recherchieren, plötzlich Bochum favorisieren, nach dem Bachelor einen Hund aus dem Tierheim adoptieren wollen, Praktika planen, überhaupt: Einen Plan haben. Feststellen, dass Pläne glücklich machen und Halt geben und dass Konstanten im Leben nicht einschränken, sondern Raum geben.
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Die letzten Monate haben mir viel beigebracht – über mich selbst, über das Scheitern, über das Weitermachen, das Suchen und das Finden. Und vor allem: Praxis. Dinge in die Hand zu nehmen, zu regeln, zu sortieren und weiterzudenken. Ich habe keine Hemmschwelle mehr, zum Telefonhörer zu greifen und bei Fremden anzurufen, lege mir vorher nicht mehr die Sätze zurecht, die ich sagen werde. Bei Referaten bin ich sicherer, stammele nicht mehr so viel, kann besser frei sprechen. Ich kann vollgeschissene Windeln wechseln, weinende Kinder beruhigen, eine trödelnde Fünfjährige dazu bringen, sich ihre Sachen anzuziehen („Wetten, ich bin viiiiiel schneller als du?“ „Nö! Gar nicht!“) und der Gedanke, vielleicht doch in den nächsten zehn Jahren, zum richtigen Zeitpunkt eben, über das Kinderkriegen nachzudenken und zu sprechen, hat ein wenig an seiner Brisanz verloren. Ich kann Wäsche waschen und Verträge kündigen, Konten eröffnen und Studentenkredite abschließen (wenn auch nicht ganz ohne „Ich nochmal, irgendwie ist das Geld immer noch nicht bei mir eingegangen?“-Anrufe), mich an einer Uni immatrikulieren und ich kenne mittlerweile auch das Fachwechselprozedere, die Beratungshirarchien, übe noch an dem passenden Gesicht auf die ganzen „Dafür ist ja eigentlich XY zuständig“s. Ich kann das Scheibenwischwasser an meinem Auto nachfüllen und Busfahrpläne lesen, weiß, was Keyworddichte ist und was SEO. Ich kann ein Dreigängemenü kochen und einen Boden wischen, ohne dass sich streifen bilden. Ich weiß, was zu tun ist, wenn man einen Autounfall hatte und das Klopapier war auch noch nie alle. Und dennoch: In manchen Momenten, da weiß ich nichts und das ist vielleicht das Schwierigste – und das Lehrreichste.

(Bild via clipmage.)

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4 Comments

  1. Wunderbar was das Leben für uns bereit hält, was? Ich mag den Beitrag total, da es bei mir auch so war. Man wächst an seinen Aufgaben. Und bis jetzt hat es jeder hinbekommen. Also, mach weiter so! Toi Toi toi.

  2. Ich lese deinen Blog so gerne, weil ich mich in so vielem wiederfinde. Ich wünsche dir viel Glück und Mut, aber ich glaube fest daran, dass du deinen Weg finden wirst.

    Liebe Grüße!

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