Die Tage sind kurz.

„Suche die Stille auf und nimm dir die Zeit und den Raum, um in deine eigenen Träume und Ziele hineinzuwachsen.“ – Zen-Weisheit

Es ist Samstag und ich stehe mit einem Mädchen aus der Blockübung, die gerade vorbeigegangen ist, vor der Bibliothek. Ihr Bus kommt erst in einer Viertelstunde. Sie raucht eine selbstgedrehte Zigarette, erzählt, dass sie ein Jahr in Südamerika war und dass sie aus Brandenburg kommt. „Ich brauche fünf Stunden bis nach Hause. Weihnachten wieder.“ Schon während der Übung haben wir ein wenig gequatscht, über unsere Studienfächer und darüber, wie wenig das alles passt, wie verloren man sich fühlt, am Anfang. Am Anfang? Wir wissen es nicht. Irgendwo zwei Reihen hinter uns erzählte ein Mädchen ihrer Nachbarin, sie sei gerade dabei, ihr Fach zu wechseln. Am Mittwoch traf ich eine Bekannte auf dem Campus, die ebenfalls viele Fragezeichen im Kopf mit sich herumschleppte.

Wir alle studieren nichts, an dessen Ende ein Beruf steht. Wir werden nicht Mediziner*in oder Lehrer*in, Jurist*in oder Polizist*in. Weil wir das nicht wollen und das meiste davon auch gar nicht könnten. Wir wollen „schreiben“ oder „bei irgendeiner Organisation arbeiten“, „in die Erwachsenenbildung, vielleicht“ oder „na ja, vielleicht mal selber an der Uni lehren, haha“ und manchmal kommen wir uns auf dem Weg dahin ganz schön dumm vor. Das, was wir wollen, könnten wir mit fast jedem sozialwissenschaftlichen oder philosophischen Fach erreichen – oder eben auch nicht. Dennoch: „Fast jedes Fach“ passt eben nicht. Politikwissenschaft und Philosophie tun es nicht, jedenfalls nicht bei mir, zu mir, nicht im Moment.

Ich glaube, ich studiere das Falsche.

Das schreibt sich überraschenderweise viel einfach, als ich gedacht hätte. Wenn ich lese, wie sehr Anke Gröner sich an ihrem Studium erfreut, dann denke ich, nicht ganz neidfrei: „JA! DAS ist es! DAS will ich auch! Jeden Tag aufgeregt sein, weil ich das alles so gerne lernen will!“ Leider empfinde ich dieses Gefühl wirklich und ganz ehrlich nur in meinem Frauenbewegungsseminar. Mir gefallen die Diskussionskultur und das Thema – und die Leute, die sind auch allesamt nett. Der Rest ist irgendwie … blah. Philosophie finde ich zwar auf den ersten Blick immer noch spannend und interessant, aber auch hier stellt sich langsam eine gewisse Ernüchterung ein. Logik ist ein Arschloch und dass jede andere Vorlesung und jedes Seminar mit „Eine absolute Antwort gibt es nicht, all das sollen nur Darlegungen aus verschiedenen philosophischen Blickwinkeln sein, machen Sie sich selbst Gedanken“ endet, ist auf Dauer irgendwie erschöpfend. Ich glaube nicht, dass mir das das entsprechende Rüstzeug, das ich mir wünsche. Das Rüstzeug, um irgendetwas in dieser Welt – und vor allem in der Gesellschaft – besser zu machen. Ich weiß: Idealisten haben ständig Ganzkörperprellungen, aber ich bin zu jung, um nicht immer wieder, mit diesen Prellungen, im Regen zu tanzen und an ein Morgen zu glauben, an ein besseres. Vielleicht ist es an der Zeit, dass ich in Schutzkleidung investiere. Aber aufhören, das geht dann doch zu weit. Wer fliegen will, muss auch den Fall riskieren.

Ich weiß irgendwie nicht so recht wohin mit mir, im Moment. Ich bin müde und schlafe dennoch schlecht, bin rastlos und kann mich schlecht konzentrieren, für länger. Ich esse zu viel Schokolade, kriege davon Ausschlag, bin dennoch seltsam appetitlos. Das ist nicht cool; das ist erschöpfend. Ich gucke zu viele belanglose Serien, anstatt Dinge zu erledigen, die wichtig sind, voran zu kommen. Und zu allem Überfluss ist auch noch November, die Tage sind kurz, das Bett ist warm und manchmal der einzige Trost. Winter just wasn’t my season.

Im Moment denke ich viel darüber nach, wo ich eines Tages einen Unterschied machen, etwas besser machen will. Ist es immer noch der Journalismus? Schon, irgendwie. Ich liebe das geschriebene Wort, aber manchmal betrübt mich der Zustand, in dem sich der Journalismus gegenwärtig befindet. Manchmal frage ich mich, ob ich damit erreichen kann, was ich gerne erreichen würde. Mehr Achtsamkeit, mehr Gleichberechtigung, mehr Hoffnung. Den Mut, Forderungen und Wünsche zu formulieren. Bücher schreiben, das ist es immer noch, was ich am allerallerallerliebsten auf dieser Welt täte, Geschichten erzählen, die Menschen glücklich machen und ihnen Halt geben, gerade in so schwierigen Zeiten, aber Fuß zu fassen auf dem Buchmarkt, ohne Vitamin B, ist auch so eine Sisyphus-Sache, an der man auf Dauer kaputt gehen kann, trotz Schutzausrüstung und Durchhaltevermögen. Sollte ich Geschlechterforschung studieren, würde ich daran meinen Master machen, denke ich. Ich könnte in die Forschung gehen oder Fachbücher schreiben, lehren oder Seminare und Workshops, Gleichstellungsbeauftragte werden oder für eine Frauenrechtsorganisation arbeiten. Ich könnte immer noch in den Journalismus gehen oder ins Verlagswesen. Vielleicht würde ich zu der Generation Forscher*innen gehören, die ein neues Hochkochen des Feminismus live und in Farbe miterlebt, darüber berichtet, nachforscht, neue Theorien und Forderungen formuliert. Das wäre sicher spannend. Die brennende Frage im Moment: Geschlechterforschung in welcher Kombination studieren? Soziologie ist mir zu trocken, Ethnologie passt nicht so recht zu mir, Kulturanthropologie wäre eine Idee. Einen Besuch bei der Studienberatung einplanen, SCHON WIEDER. Die Alternativen durchdenken, die immer als Plan B im Hinterkopf waren – Grundschullehramt, Soziale Arbeit. Sich erst einmal ein Jahr geben, um in diese Sache mit dem Studieren hineinzuwachsen.

Und irgendwann, eines Tages, ist es dann vielleicht auch bei uns wie bei Sue und dann werden wir schon sehen, was aus uns geworden ist. Oder nicht. Doch bis dahin, bis dahin versuche ich gleichmäßig zu atmen, probiere Dinge aus, absolviere Praktika und verlasse mich darauf, dass sich alles schon finden wird. Und ich mich.

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7 Comments

  1. Ich kenne das Gefühl – und ich glaube, dass ich meine erste Unsicherheit mit den #unibrennt-Protesten erst einmal zur Seite geschoben habe. Das gute daran war: Ich war abgelenkt und dachte, es würde alles besser werden, weil wir ja eine tolle Protestbewegung waren. Die Situation an den Universitäten wird jedes Jahr schlimmer – und trotzdem habe ich mein (Bachelor)studium mittlerweile ziemlich weit durchgezogen und habe jetzt nicht mehr so viele Prüfungen vor mir. Ich glaube, dass die Proteste für mich einen Unterschied gemacht haben. Nicht wegen den Demos oder dem Flyern, sondern wegen der Leute. Ich habe viele Leute aus späteren Semestern und auch aus anderen Studienrichtungen kennengelernt. Und habe vieles gehört, das klang, als würde es besser werden nach dem 1. Semester (Wegen Platzmangel durften wir 3 Tage die Woche von 8-13h in einem Kinosaal sitzen.). Ich glaube, das hat mich motiviert. Ich hatte viele schlechte Vorlesungen, die ich nur ein paar mal besucht habe, aber auch einige sehr gute, in die ich mich sogar krank geschleppt habe, weil sie so toll waren.
    Ich glaube nicht, dass es ein Fach gibt, das nur tolle Vorlesungen hat – und ich glaube, dass gerade die Anfangszeit in jedem Studium etwas blöd sein kann. Jetzt habe ich viel über mich erzählt. Vielleicht hilft dir meine Perspektive. Ansonsten würde ich dir raten, Menschen aus späteren Semestern auszuquetschen und zu erfragen, wie das so sein wird. (Oder eine Protestbewegung zu starten, aber *das* ist vielleicht ein bisschen viel.) Ich weiß nicht, wie das bei dir an der Uni organisiert ist, aber es gibt sicher sowas wie eine Fachschaft/Studienvertretung usw. Da würde ich mal hinschauen und mir erzählen lassen, was noch so auf mich zukommen würde. Andererseits ist es nicht zu spät zum wechseln und ich bewundere, reflektiert du mit deiner Studiensituation umgehst. Wäre schön, wenn das alle so machen würden!
    (Langer Kommentar ist lang und hoffentlich nicht allzu besserwisserisch.)

  2. Wer mit Vielfalt von Meinungen intellektuell nicht zurechtkommt und nur erwartet, fertige Meinungen und Ansichten präsentiert zu bekommen, sollte sich wahrlich von einem Philosophiestudium fernhalten. Dogmatismus und diverse Ideologien gibt es leider überall, doch tendenziell sind sie vermutlich wirklich eher in den Gender-Studies und deren Studentenschaft zu finden, was ja – z.B. – schon aus der Grundannahme á la „Körper ohne Gewicht“ etc. hervorgehen mag. Doch wer gerade noch fröhlich bekundet hat, dass er nicht alles bis ins letzte Detail erforschen, analysieren will (auch Gender-Studies sollten doch nicht ohne Sozialforschung auskommen?? Auch die Fähigkeit zur Argumentation scheint mir recht wichtig zu sein) und stattdessen lieber Banner schwingt, sollte es vielleicht ganz und gar mit dem Studium und besonders mit der Forschung lassen, vor allem, wenn es um derart wichtige Themen geht. Aber ernsthaft, wenn du die Welt verändern willst, solltest Du deinen Horizont erweitern, und was kann es dafür für besseres Rüstzeug geben, als sich mit der Vielfalt von möglichen Denkkulturen, Weltkonzepten, politischen Entwicklungen, Gesellschaftlichen Entwicklungen, Begriffen, ihren Geschichten etc. auseinanderzusetzen und den Widerstand auszuhalten, ohne auf „blockieren“ zu klicken, sich denkerisch auf ihn einzulassen?

    1. Steht mir am Anfang des Studiums also keine „Was will ich? Ist es das? Ist das der richtige Weg? Interessiert mich das? Passt das zu mir? Kann ich so glücklich werden?“-Krise zu? Eine Krise, mit der ich mich, wenn ich so mit anderen spreche, absolut nicht alleine fühle. Wie gesagt: Ich habe doch schon mal angedeutet, dass ich bei meiner Studienfachwahl damals sehr intuitiv vorgegangen bin. So wie viele, die Lehrer werden, ihre damaligen Lieblingsfächer aus der Schule studieren, habe ich das auch probiert, nur ohne das Lehramt. 😉
      Dass Geschlechterforschung eine Teildisziplin der Sozialforschung ist, darüber bin ich mir durchaus bewusst. Da fließt viel Soziologie und auch ein wenig Psychologie rein, aber eben nicht nur. Ich finde Sozialforschung doch auch nicht per se uninteressant (das Modul, das ich aktuell belegt habe, befasst sich mit qualitativer und quantitativer Sozialforschung, das ist zwar irrsinnig viel Input, aber definitiv interessant und ich denke, damit kann man auch eines Tages mal viel anfangen, auch im Journalismus, wenn man zum Beispiel offene Interviews macht, Biographien schreiben will etc..), kann mir nur einfach nicht vorstellen, mich NUR damit zu befassen. Ich denke, ein Studienfach mit mehren Teildisziplinen, also quasi von allem etwas, passt besser. Ich mag es, wenn sich viele kleine Puzzleteile irgendwann zu einem großen Gesamtbild zusammenfügen und es plötzlich Klick macht. Dafür mache ich mir dann auch gerne mal, auf geistiger Ebene 😉 , die Hände schmutzig, wühle so lange, bis ich den Kern einer Sache verstanden habe. Aber in Philosophie fühle ich mich so ein wenig wie aus der Umlaufbahn geraten und Politikwissenschaft ist mir auf Dauer zu fokussiert auf ein Gebiet, zu trocken. Erneut: Ja, ich weiß, das hätte ich alles vorher wissen können. Ich gebe doch auch niemandem die Schuld daran, dass ich mit der Situation gerade nicht so zufrieden bin. Besser, ich gestehe mir das jetzt ein, als nach zwei oder drei Semestern, wenn man schon eher dazu geneigt ist, zu sagen: „Das habe ich jetzt geschafft, den Rest ziehe ich auch noch durch!“ Ich will Wissen erlangen, aber es soll mir auch Spaß machen. Ich gebe zu, dass ich vielleicht nicht der geborene Mensch für die Uni bin, aber ein Ausbildungsberuf hätte mich halt nicht interessiert beziehungsweise nicht in etwa dort hin gebracht, wo ich gerne hin möchte.
      Und ja, ich plane genau das zu tun, was du mir angeraten hast: In verschiedene Studienfächer reinzuschnuppern, vor allem auch mal in Kulturanthropologie und vielleicht auch mal in Ethnologie oder Deutsche Philologie. Es gibt tausende Studienfächer und irgendwas wird zu mir passen und mich „entflammen“. Darum geht es mir primär: Ich will für etwas brennen, es so interessant finden, dass mir auch die blöderen Aspekte des Studiums (jedes Fach hat ja irgendwelche doofen Module, die man halt einfach machen muss) nicht sonderlich übel aufstoßen.

      Kleine Anmerkung am Rande: Ich gehe sowieso nicht davon aus, dass ich eines Tages die Welt oder von mir aus auch „nur“ Deutschland zu einem besseren Platz mache, mir würde es schon reichen, in meinem kleinen „Kosmos“ irgendwas zu bewirken, irgendwas zu ändern. Ein paar hundert oder tausend Menschen, die gerne meine Texte lesen. Ein paar hundert Menschen, die mich irgendwo hat Reden hören und daraus irgendwas mitgenommen hat. Ein Duzend Menschen, mit denen ich mich austausche und gegenseitige Inspiration geschieht. Das sind Utopien auf der machbaren Ebene, Utopien, für die ich studieren will. Wir sind uns ja wohl alle einig, dass ich nicht studiere, weil ich davon ausgehe, dass ich mit dem Studium eines Tages mal in absolutem Wohlstand schwelgen werde, Geisteswissenschaftler verdienen in vielen Berufsklassen zum Teil ja auch nicht mehr als Menschen, die eine gute Ausbildung in einem stark „nachgefragten“ Berufsfeld gemacht haben. (Oder: Haben erst überhaupt keinen Job oder jedenfalls keinen Job in dem Feld, das sie mal gerne eingeschlagen hätten oder immer noch gerne einschlagen würden.) Ginge es mir um Geld und Prestige, hätte ich vermutlich die Zähne zusammenbeißen und Jura oder VWL, Maschinenbau oder Chemie studieren müssen. 😉

  3. Es ist schon ein Phänomen, dass so unglaublich viele STudenten am Anfang ihres Studiums so in Zweifel verfallen. Ich kann dir nur sagen, ich glaube das gehört irgendwo dazu. Besonders im Grundstudium glaube ich ist es langweilig. Wie ist es denn bei euch ? Kann man sich im späteren Semester noch spezialisieren, dass dich das mehr interessiert ? Ich bin in den ersten Semestern oft nach Hause gekommen und war oft am grübeln und zweifeln. Und man hofft immer auf das Morgen, dass es besser wird und dass es spannender und mehr passend für mich wird. Ich wünsche dir von Herzen, dass du den richtigen Weg findest und vor allem, dass du mit dir zufrieden sein wirst. Solltest du später veröffentlichen und reden vor Menschen – ich höre dir zu.

  4. Ich habe auch mein Fach gewechselt: Von Politik & Soziologie auf Psychologie. Allerdings kann ich wohl als Fazit festhalten: Das Ganze steht und fällt mit den angebotenen Seminaren und Vorlesungen. Ich finde, man ist am besten beraten, wenn man zu Beginn des Semesters das komplette Vorlesungsverzeichnis durchschaut und auch mal zu Kursen geht, die nicht zum eigenen Fach gehören.

  5. Ich liebe mein Studienfach und mein Studium, aber selbst ich bin alle 4 Wochen kurz davor hinzuschmeißen aufgrund von anstehenden Hausarbeiten und einfach dem Gefühl: „am Ende bringts mir ja doch nichts..“
    Möglicherweise wäre auch Friedens- und Konfliktforschung was für dich, aber ich hatte auch eher an Gender Studies gedacht, wie eine Posterin vor mir bereits. In die Feminismus-Richtung würde ich nicht gehen. Das ist meiner Meinung nach viel zu undifferenziert inzwischen. Mich grausts schon wenn ich daran denke, dass Männer die Fem-Bibliothek/Archiv an meiner Uni nicht benutzen dürfen von der Fachschaft aus -.-*
    Aber gerade in den Sozialwissenschaften mit bloßen Theorien auf Dauer nicht auskommen zu können ist definitiv wenig hilfreich. Das ist ja bereits in der allgemein eher als durchkanonisiert empfundenen Geschichtsforschung so, da wird das in weitaus theoriebelasteteren Fächern, sozusagen, um einiges unangenehmer sein. Das solltest du dir definitiv überdenken.
    Und ein Studienfachwechsel ist keine Schande.
    Zudem: Praktika sind ja schonmal der richtige Schritt, um dir eine gute Position im Berufsleben zu sichern.

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