Ich glaube, das mit uns, das wird nichts.

Man kann die ersten Rauchwölkchen in die Luft blasen, draußen. Die erste, die mich darauf aufmerksam gemacht hat, war mein Babysittermädchen, irgendwann Mitte Oktober. Dann wurde es noch einmal warm, 24 unglaubliche Grad, und ich habe die Kälte und die Dunkelheit, das, was unweigerlich folgen würde, in ein Paket verschnürt und ganz weit weg geschoben.
Und dann, an einem anderen Morgen, war plötzlich, als ich auf dem Weg zum anderen Job war, mein Auto zugefroren. Alle Scheiben. Der Eiskratzer? Die Alumatte? Alles „Daheim“, im Alledreiwochenmal-Zuhause. Fluchen, sämtliche Heizmöglichkeiten des Autos ausschöpfen, mit den behandschuhten Händen Sichtluken freischaufeln und gerade noch pünktlich kommen. Einen Eiskratzer im Sonderangebot kaufen. Und noch einmal ein bisschen fluchen.

Ansonsten: Viele Gewissheiten in Frage stellen. Sich irgendwie verloren fühlen, in den Politikwissenschaftsvorlesungen. Über die Männerdominanz und -arroganz im Seminar ein bisschen erschrecken und sich fast sowas wie eine Redeliste wünschen. Und überhaupt: Sich fragen, warum man die Leute aus der Philosophischen Fakultät am Liebsten alle herzen möchte, während einem die meisten Sozialwissenschaftler irgendwie suspekt sind. Unglaublich volle Seminare, Probleme, in das einzige zu kommen, was einen wirklich interessiert, Tutorien und Übungen zu den unmöglichsten Zeiten. Feststellen, dass – wenn man denn Forschen würde – irgendwie nur Genderkram in Frage käme, nicht Wählerbefragungen oder Politikerbeliebtheiten, Eurokrisegedöns oder Rentenpolitikstatisktiken. Inne halten, bei solchen Gedanken. Nachdenken, viel und lange. Sich fragen, ob Gender Studies nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre und sich zusätzlich noch in ein Seminar über die Frauenbewegung setzen. Ich glaube, ich vermisse das Gefühl, das ich habe, wenn ich in meinen Philosophievorlesungen und im Seminar sitze. Dieses Gefühl, vor Herzblut ein wenig überzulaufen. Mit mehr Fragen aus „Einführung in die Praktische Ethik“ rauszugehen, als man reingegangen ist. Am allerallerschönsten: „Hier gibt es kein richtiger oder falsch. Hier werden Ihnen verschiedene Perspektiven vermittelt und Denkanstöße mit auf den Weg gegeben.“ Ein Referat über einen Text zum Thema Animal Rights in „Umweltethik“ halten. Mir in „Einführung in die Logik“ den Kopf zerbrechen, über den Übungen brüten, versuchen in die schwierigen Denkstrukturen dieser Teildisziplin reinzufinden. Darüber hinwegkommen, dass der Dozent schon in der ersten Vorlesung dreimal „Rechnen“ gesagt hat und man einngekesselt zwischen Physikern und Mathematikern versucht, Prämissen und ihre Konklussionen auf Folgerichtigkeit und noch so viel mehr zu überprüfen. Ich verstehe nicht alles, letztes Jahr sind 50 von 180 Studenten durch die Logik-Klausur gefallen, aber es macht unglaublich Spaß, den Versuch zu unternehmen, es zu verstehen. Das hatte ich in der Schule nie und das habe ich auch in Politikwissenschaft (bisher?!) nicht. Sich fragen, ob man nicht vielleicht vor allem, den Vorsatz gefasst hat, Politologin zu werden, weil es so klingt, als bekäme man damit einen Job. Nein. Ganz so war es eigentlich nicht. Vor allem habe ich mich für Politikwissenschaft entschieden, weil ich gerne Politik mache, aber ich glaube, ich will eher die sein, die etwas macht, als erforscht und bis in den letzten Winkel zu analysieren und durchblicken versucht. Ich will lieber auf die Straße gehen und Banner schwingen, als irgendwelche Erhebungen vornehmen. Ja, das hätte ich vorher wissen können. Ja, ich hätte wochenlang irgendwelche Studienverlaufspläne durchackern können. Aber: Das wäre nicht ich gewesen. So bin ich nicht. Ich stürze mich in Dinge und schaue, ob der Funke überspringt und wenn er es nicht tut, dann überlege ich, was ein guter Plan B gewesen ist und zu Plan A werden könnte. Das war schon immer Geschlechterforschung/Gender Studies. Vielleicht hat mich einfach nur die bürgerliche Angst zurückgehalten, mit sowaws Exotischem, und dann auch noch in Kombination mit Philosophie, fände man ja doch keinen Job. Ich komme aus einer Familie, in der alle etwas Handfestes gelernt oder studiert haben. Jedenfalls die Großeltern- und Elterngeneration. Schon mit Philosophie bin ich ein wenig die Exotin und dann auch noch in Kombination mit Gender Studies, einem Studiengang, den man erst einmal jedem Familienmitglied erklären müsste? Vielleicht war das unbewusst und indirekt der Grund, warum ich beim Uniinformationstag, meinem einzigen Zugeständnis an Vorabinformationsbeschaffung hinsichtlich des Studium, zwar den Flyer zu Gender Studies mitgenommen habe, ihn aber nur ein paar mal gedreht und gewendet und dann in eine Schublade gelegt habe.
Vielleicht ist es demnächst an der Zeit, noch einmal in diese Schublade hineinzulinsen und neue Antworten auf alte Fragen zu finden.
Ich weiß: Es sind erst zwei Wochen vergangen. Ich sollte nicht zu voreiligen Schlüssen kommen. Aber tief in mir drin, da weiß ich recht schnell, was passt und was nicht. Vielleicht denke ich manchmal zu sehr in Schwarz- und Weiß-Kategorien, aber gerade zwickt das alles ganz schön und wenn es zwickt, dann bin ich die erste, die bereit ist, diesem Zwicken auf den Grund zu gehen.
Einen Termin bei der Studienberatung einplanen, bald.

Viel machen, kaum Lücken im Kalender. Antifaschistische Stadtführung, Theatergruppe, Grüne Jugend, Philosophiebasisgruppe, Unizeitung, Mitternachtsschwimmen, Vampire Diaries Sessions freitagsmorgens mit der Netten von der Kennenlernfahrt. Da ist so viel, was ich machen und ausprobieren möchte, dass ich manchmal wünschte, die Tage hätten doppelt so viele Stunden. Aber: Es ist ein schönes Gefühl, abends müde ins Bett zu fallen. (In das Bett, das endlich, endlich steht und flauschkuscheliger ist, als ich je für möglich gehalten hätte.)

Heute: Festgestellt, dass das mit dem Rauchwölkchenatmen wieder geht.
Wieder – und kontinuierlich.
Hallo November.
Ich glaube, das mit uns, das wird nichts.

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5 Comments

  1. Ich denke auch, dass man am Anfang eines Studiums relativ schnell merkt, ob das was für einen ist oder eben nicht. Und dann musst man eben so mutig sein und sagen: Nee, das ist nichts. Und glücklich kann man sein, wenn man dann schon was hat, was für einen ist. Also stell den Antrag auf Studiengangwechsel – ist ja noch früh im Semester und die meisten Kurse hast du ja anscheinend schon belegt! Mach das, was dir Spaß macht und wo dir das Herzblut überläuft… man muss auch nicht Politikwissenschaften studieren um Politik machen zu können. Man kann auch Physik studieren oder Taxifahrerin werden… alles kein Problem 🙂

  2. Ich kann dir nur eins sagen, Alex: Das Studienfach wechseln ist so ziemlich das Unschlimmste auf der Welt (sofern das ein Wort ist). Erst einmal fühlt es sich falsch an und man kommt sich vielleicht ein bisschen versagermäßig vor. Aber das geht vorbei und dann merkt man, dass es die beste Entscheidung des Lebens war. Wenn du es so früh merkst, dann ist das nur eines; großes Glück. (Natürlich will ich dir nicht zum Abbrechen raten… nur Mut zum Abbrechen zusprechen, falls es das Richtige für dich ist. *Ob* es das Richtige ist, das spürst schon, da bin ich sicher.)

  3. Gender Studies! GO GO GO! Da spricht bestimmt mein Neid mit, denn da, wo ich jetzt wohne, kann man das nicht machen. Nicht in ganz Hessen, nicht in den umliegenden Bundesländern des Rhein-Main-Gebietes. Das finde ich fies. Wenn du schon in einem Bundesland mit Studiengebühren studierst, lohnt es sich doch doppelt, etwas zu studieren, das es fast nur dort gibt. GO Gender Studies GO!

    (Und nachdem ich drei Jahre in Hildesheim studierte, um Schulden zu sammeln, seufzte ich so darüber, dass du das, was du überall studieren könntest ausgerechnet da machen wolltest, wo’s so teuer ist. Aber du hast die richtige Entscheidung getroffen, das weiß ich. G. ist ein guter Ort.)

  4. Dieses Gefühl, das du da beschreibst, es kommt mir bekannt vor. Auch bei mir hat es im ersten Semester gezwickt, immer mal wieder. Und zum Ende hin habe ich mich dann für einen Studiengangwechsel entschieden.
    Diese Entscheidung war sehr gut, doch leider musste ich damit bis zum dritten Semester warten und hinke nun hinterher, da ich im zweiten Semester ausschließlich Seminare zu einem meiner gewählten Studienfächer besuchte.
    Gelohnt hat es sich aber trotzdem – das Herz klopft wieder richtig, die Dozenten sind toll und der Stoff ist interessant.
    Ein zusätzliches Seminar scheint mir ein guter Weg zu sein, herauszufinden was dir Spaß macht.

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