Wake me up when September ends.




Und dann ist plötzlich Oktober und ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Ein guter, hoffentlich. Neu Herausforderungen warten, die ersten sind bereits da. Zwei Vorstellungsgespräche rocken und Menschen von mir überzeugen. Der erste Arbeitstag im ersten Job, so richtig, mit Lohnsteuerkartengedöns und „Während der Vorlesungszeit kannst du 20 Stunden pro Woche arbeiten, in den Semesterferien 40“ und einem ziemlich spannenden Projekt. Sogar ein Mitarbeiterausweis. Babysitten und mal wieder alles in Frage stellen, was man je über Kinder gedacht hat, alle Gewissheiten, alle „Vielleichts“. Mir ein Nest bauen, das ist es, was dieser Tage zählt. Viel herumräumen und sortieren – und dabei gar nicht merken, dass ich mich selbst aufräume, Stück für Stück, als müsste ich durch den TÜV, demnächst. Viel Pastell, viel rosa und lila und noch mehr weiß. Ein Hibiskus. Meine Höhle, mein Rückzugsort, mein Mädchenzimmer. Die nächsten drei Jahre hier müssen gut werden, darauf baue ich; dieses Nest und meine Hoffnungen. Ich freue mich darauf, zu lernen. Zum ersten Mal Lernen seit … Ja, in Wahrheit seit sehr, sehr langer Zeit. Wie fern das Klassenzimmer bereits ist und wie packend der mehrfach wiederkehrende Traum, ich käme zu spät zum Matheunterricht. Ausgerechnet zu Mathe, wo ich im letzten Jahr viel zu selten war. An der Uni soll das dann alles anders werden, all diese guten Vorsätze, all dieser aufgestaute Ehrgeiz, dieser Wunsch, gut in etwas zu sein, für das man sich dann auch angestrengt hat. Die Schule ist vorbei und 14 Punkte in Deutsch oder Englisch, Philosophie oder Geschichte, das war gestern. Oder eher: Lange vor gestern.
Wieder ein bisschen mehr Zeit zum Atmen, ja, gar zum Durchschnaufen, haben. In Serienwelten abtauchen, lange, intensiv, exzessiv. Pretty Little Liars, Once Upon A Time, Revolution, Castle. So viel, was ich noch nicht gesehen habe, so viel, was ich noch sehen will. Allgemein: Wollen, dieser Tage das stärkste Gefühl. Dennoch vor den Gedanken fliehen, das Tagebuch unberührt lassen, nur die Termine in den Kalender schreiben, in Schönschrift. Viel leben, wenig reflektieren. Später. Zu unkonzentriert für Bücher, zu unter Strom, zu rastlos und hungrig.
Die Kennenlernfahrt der Philosophischen Fakultät. Weil die Philosophische Fakultät meine Fakultät werden wird und nicht die sozialwissenschaftliche. Mehr eine Bauch-Herz-Entscheidung, dafür mit viel Nachdruck getroffen. Kennenlernfahrt. Der aberwitzige Gedanke, man könne ja wirklich mal jemanden kennen lernen, obwohl man schon vor langer Zeit einen Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamsein hat ausmachen können und allein irgendwie auch immer Unabhängigkeit bedeutet, gesunden Egoismus, die einzige sein, die die eigenen Aufs und Abs und Stimmungen zu ertragen hat. Niemand, vor dem man irgendwas rechtfertigen müsse. Ich kann gut alleine sein. Das ist eine Stärke, denke ich.
Zu viel Schokolade und Nudeln und Reis. Kochen, das kann ich hier irgendwie erst, sobald ich angekommen bin, so richtig. Die Küche und ich, wir müssen uns erst noch ein bisschen eingrooven. Wären wir Tanzpartner, dann stünden wir uns in regelmäßigen Abständen auf den Zehenspitzen. Kein Sieb und kein Sparschäler und kein Toaster und keine Küchenwaage und kein Wasserkocher, das ist zum Glück nicht mehr die Ist-Situation. Benutzt habe ich bisher nur den Toaster, aber was nicht ist kann ja noch werden.
Endlich dieses eine The Fray Album besitzen und sich wieder wie 16 fühlen und daran denken, wie Izzy in ihrem Ballkleid auf dem Badezimmerboden lag und weinte, als gäbe es kein Morgen mehr. Und das, obwohl man Izzy nie leiden konnten und sich bei Grey’s Anatomy da irgendwie auch nicht mehr so ganz sicher ist.
Rechnen und sparen üben und den ersten Dauerauftrag seines Lebens einrichten, von Geld, das man eigentlich noch gar nicht hat, weil Banken blöd sind und ihre Hotlines noch blöder, aber das kein Grund zum Aufregen ist, jedenfalls noch nicht im ersten Monat. Auch das wird sich eingrooven. Wenn man daran glaubt, dann passiert es. An meiner Wand hängt ein Zen-Kalender.
4 Grad draußen, das Auto piept beleidigt, Frostgefahr. Man verflucht sich, plötzlich zwei Wohnsitze zu haben und weiß ganz genau, wo die Handschuhe liegen – zu Hause, auf dem Boden des Kleiderschranks, irgendwo unter dem unordentlichen Haufen Tücher und Schals, deren Saison so plötzlich gekommen ist, wie der Sommer geendet hat. Die Babysitterkinder in die Kita und den Kindergarten bringen und für die Mutter gehalten werden, sich gar nicht mal so unwohl fühlen, mit den Kindersitzen auf dem Rücksitz und „Im Moment sind sie ja alle krank“-Gesprächen und „Das klappt ja immer besser, mit dem Wegbringen!“-Sagen, weil der Kleine freudestrahlend winkt, wenn man ihn in der KiTa zurücklässt. Beim Blick in den Spiegel feststellen, dass da sanfte Linien um den Mund sind, die vor einem Jahr noch ein wenig sanfter waren. 20, bald. Nur noch ein paar Jahre und man ist dann endlich so alt, wie man sich fühlt. „Alles Gute zum 30. Geburtstag“ war es, was mir eine Freundin schrieb, als ich 18 wurde. An dem Tag, als wir meine Oma zu Grabe trugen und ich mich weigerte, schwarz zu tragen und das dann auch irgendwie okay war.
Sich zurechtrücken, das letzte Chaos im Kopf, Antworten haben, auf die Fragen, die man sich einen ganzen Sommer lang nicht zu stellen getraut hat und vielleicht auch eine Weile davor nicht. Die Antwort ist „Nein“ und das ist gut so.
Wer nein sagen kann, der kann es schaffen.
Ich kann es schaffen.
Und dabei lächeln.


Hallo Oktober. Ich glaube, das mit uns, das wird was.

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7 Comments

  1. Es ist so schön zu lesen, dass es dir gut geht und dass du Pläne machst. Deine Aktivität steckt mich (auch über die Ferne und dieses Internet) so riiiichtig an, das ist einfach schön! Weiter, weiter, weiter und viel mehr davon!

  2. Ich weiß nicht was ich dazu schreiben soll, deswegen schreibe ich einfach genau das. Und dass ich zwei, drei Sätze gerne fett mit Bleistift unterstrichen hätte. Verdammt, ich muss auch wieder schreiben…

  3. Hast Du eigentlich viele Möbel neu gekauft? Wo kauft man ethisch korrekte Möbel? Ist Ikea von den Guten?
    Und alleinsein können ist einerseits schon ne Stärke. Aber wenn man es zu gut kann, ist es eh die einzige Möglichkeit.

  4. ich mag deine texte und deinen twitteracount, auch wenn ich twitter immer verabscheut habe, lese ich das jeden tag 😉 und auch wenn ich bereits 24 bin und jetzt mein masterstudium in einer neuen stadt beginne, kann ich mich sehr gut wiederfinden und würde einige sätze auch zu gerne unterstreichen 😉

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