Mein wundertoller Festivalsommer.

Irgendwie hat man so ein bisschen das Gefühl, er hätte gerade erst begonnen, dieser fabelhafte, bunte, laute, wundertolle Festivalsommer. Und jetzt, jetzt ist er schon wieder vorbei und in den Geschäften gibt es bereits Weihnachtsschmuck.
Ich hatte das Glück, dieses Jahr (meine erste richtige Festivalsaison, übrigens!) drei grandiose und vor allem sehr verschiedene Festivals besuchen zu dürfen. Drei Tage trieb ich mich auf dem Hurricane in Scheeßel herum – eine ziemlich eindrucksvolle erste Festivalerfahrung! Eine terminliche Kollision hatte mich Anfang des Jahres vor die Wahl gestellt – Hurricane oder Abiball – und als ich mit Pipi in den Augen Florence + The Machine sah, da wusste ich, dass ich alles richtig gemacht hatte. Dass es die richtige Entscheidung gewesen war, nicht mit Mitschülern zu „feiern“, die mir fremder und ferner nicht hätten sein können. Ich bin nie gerne zur Schule gegangen und der letzte Schultag war für mich vor allem eines: Ein Befreiungsschlag. „Nie wieder, nie, nie wieder“, das habe ich gedacht, als ich mir am letzten Schultag kurz die Abiturzulassung abholte und dann zum Geburtstag eines Freundes abrauschte, während sich der Rest meiner Stufe im Forum betrank. Wie unglücklich mich diese Menschen gemacht haben, vor allem in der Mittelstufe. Wie wenig ich zu ihnen gehört habe. Und wie wenig ich das überhaupt wollte.

Meine zweite Festivalerfahrung bescherte mir das Appletree Garden Festival, ein süßes, kleines, sehr familiäres Festival, das, genau wie das Hurricane, in Niedersachsen stattfindet. Allerdings kommen mit 3000 Besuchern deutlich weniger Menschen zum Nischenfestival nach Diepholz. Von den Bands und Solokünstlern kannte ich vorher zwei vom Namen her, von einer Band hatte ich das Album gehört und sehr gemocht. Das war’s. Und das war auch absolut kein Problem. Auf dem Appletree spielen Bands, die heute noch ein absoluter Geheimtipp sind, manche bleiben es auch für immer, andere schaffen es dann doch überraschend ein oder zwei Jahre nach dem Appletree zu größerer medialer Aufmerksamkeit. Besonders begeistert hat mich der gemütliche Campingplatz (man kann dort sogar mit dem Auto campen, undenkbar beim Hurricane!), der verhältnismäßig günstige Merchandise-Stand (ich liebe Merchandise!) und die ganze Stimmung, die vielleicht auch der Tatsache geschuldet war, dass wir als große Gruppe angereist sind und erstmal so etwas wie eine Gruppendynamik ausloten mussten, was ziemlich lustig war. Kauft man irgendwo im Supermarkt in Diepholz ein, so verwickeln einen die Verkäufer*innen in der Regeln in ein Gespräch („Und, wie läuft das Festival so? Ich hoffe für euch, das Wetter bleibt gut!“) und es ist einfach episch, dass man gratis (mit einer Bimmelbahn sogar) das Freibad zum Duschen und Schwimmen aufsuchen kann. Die Unterschiede zwischen dem Hurricane und dem Appletree sind wirklich gigantisch. Vom Camping-Gefühl her war das Appletree viel, viel schöner. Außerdem hat mich das Appletree abgehärtet für alles, was da noch kommen mag. Die Jungs haben gleich nach unserer Anreise den Campingplatz verwüstet, indem sie Löcher zum Bierkühlen ausgehoben haben („Kühlschranksystem, höhö!“) und auch ansonsten für lauter Katastrophen gesorgt (einer hätte fast mitten auf den Durchgangsweg gekotzt, einer hatte beim Verrichten gewisser Geschäfte eine höchst unangenehme Begegnung mit Brenesseln und tanzte danach auch noch mit nackten Füßen in den Deckel einer Raviolidose, ein anderer verbrachte hochgerechnet etwa sechzig Minuten auf dem Festivalgelände und saß den Rest der Zeit veltinstrinkend in seinem Campingstuhl vor den Zelten). Es war toll – und mit ungefähr 35 Euro auch extrem günstig!
Fun-Fact: Auf dem Appletree waren wir plötzlich von unserer Campingplatzecke her so schlimm wie die Leute, auf die ich noch einen Monat zuvor beim Hurricane gezeigt hatte und meinen Begleiterinnen „Guck mal, was für Assis!“ zugeraunt hatte. Immerhin haben wir am Abreisetag aber noch alles einigermaßen aufgeräumt. (Dass wir dabei den ganzen Müll in einen „geklauten“ Einkaufswagen – ein anderer Festivalbesucher hatte ihn mitgebracht und uns als sein Auto vorgestellt, fragt nicht! – geworfen und diesen einfach in den Müllcontainer auf dem Festivalgelände geschoben haben, sollte ich vermutlich besser verschweigen.)

Festival, das ist für mich: Bunt, laut, inspirierend, tolle Musik, interessante Begegnungen, Gummistiefel, Federn und Tüchter im Haar, unzählige Arm- und Festivalbänder, im Campingstuhl vor dem Zelt sitzen und in Vorfreude schwelgen.
Jedenfalls, insofern es sich um ein Camping-Festival handelt. Das Berlin Festival war da von ganz anderem Kaliber und es hat mir, obwohl es so anders war, auch extrem gut gefallen. Das Ambiente war einfach gigantisch! Wie ihr vielleicht wisst, findet das Festival auf dem Gelände des stillgelegten Flughafens Berlin-Tempelhof statt und genau mit dieser Tatsache spielen die Veranstalter aufs Feinste. Zum Beispiel erhält man sein Festivalbändchen an den alten Check-In-Ständen der Fluggesellschaften von Festival-Mitarbeitern die Flughafenmitarbeiterkostüme tragen. Die Leute, die auf dem Festivalgelände herumliefen, trugen Westen mit der Aufschrift „Bodenpersonal“ und dass die Bühnen auf dem ehemaligen Flugfeld aufgebaut waren, war auch extrem spannungsvoll. Wie die Band Kraftklub sagte: Das Berlin Festival ist als Hipster Festival verschrien – und das merkt man irgendwie auch. Dadurch, dass niemand campt, ist alles sehr sauber und geordnet, Alkohol ist auf dem Gelände zu teuer, als dass betrunkene Meuten herumstressen könnten und überall sind Leute in abgefahrenen Klamotten und mit Jute-Beuteln. Mir hat das Berlin Festival wirklich sehr gut gefallen und dass wir drei Nächte im Auto geschlafen haben, war auch absolut kein Problem. (Obgleich mein nächstes Auto definitiv kein Zweitürer, sondern ein Kombi, Kastenwagen oder Kleinbus wird, in dem man sich vernünftig in den Kofferraum legen kann. Wir haben nämlich eine (zwar funktionierende, aber doch etwas waghalsige) Konstruktion auf den Vordersitzen gebaut, die zwei Luftmatratzen involvierte und bequem, aber etwas sperrig und unhandlich zu handhaben war. Geduscht haben wir für sehr wenig Geld in einem Freibad in Kreuzberg (wo wir auch das Auto geparkt haben, kostenlos wohlgemerkt!) und veganes Essen gab es auch an jeder Ecke. Wie sehr ich Berlin doch mag hat mir dieser zweite Aufenthalt im Jahr 2012 endgültig bewiesen. In keiner anderen Stadt habe ich das „Hier will ich hin, hier gehöre ich hin!“. Das scheint Berlin vorbehalten zu sein und irgendwann muss einfach die Probe aufs Exempel erfolgen!

Solltet ihr nächstes Jahr auch Bock auf Festivals haben (ich fahre auf jeden Fall wieder zum Berlin Festival und zum Appletree Garden Festival, beim Hurricane hinge es stark vom Line-up ab!), gebe ich euch anhand meiner bescheidenen Festivalerfahrung gerne ein paar Tipps: Vergesst niemals eine wasserdichte Jacke, Sonnencreme, Oropax und Klopapier, ansonsten wird der Festivalaufenthalt ganz bestimmt ziemlich nervig. Empfehlenswert außerdem: Medikamente gegen die blödesten Grunderkrankungen, die man sich auf einem Festival holen kann (ich meine nicht Syphilis!) und Gummistiefel. Und: Nehmt ihr viel Essen mit, dann achtet unbedingt darauf, dass alles dicht verschlossen ist. (Leidvolle Erfahrung: Das Rübenkraut-Zelt-Massaker 2012, das dazu führte, dass wir ein Zelt nicht wieder mit nach Hause nahmen…) Ansonsten: Gemüseravioli, Gemüseravioli, Gemüseravioli! (Maggi ist zwar uncool, aber sie bieten vegane an! Ansonsten im Reformhaus oder Bioladen umsehen, kostet allerdings dann auch einiges mehr. Bei dm gibt es auch welche, mir persönlich sind die Dosen aber zu klein fürs Festival.) Ziemlich cool ist es auch, wenn man genügend Platz im Zelt hat – niemand verpasst dem anderen beim Umziehen versehentlich einen Kinnhaken, man kann sich bei Regen schnell in seine „vier Wände“ plumpsen lassen, ohne entweder einen Zeltpartner oder irgendwelche Wertgegenstände plattzuwalzen und man schnarcht niemandem ins Ohr. Also: Versucht nach Möglichkeit, euch immer nur zu zweit ein Zelt zu teilen. Was auch nicht schaden kann: Ein schön großer Müllbeutel. Wenn ich mir überlege, wie manch einer den Hurricane-Campingplatz zurückgelassen hat…

Was man auch von Festival zu Festival zu lernen scheint: Wie wenig man eigentlich braucht. Ich hatte beim Appletree schon viel, viel weniger mit als noch beim Hurricane, habe aber trotzdem immer noch das Gefühl, ein bisschen zu viel dabei gehabt zu haben. Dafür habe ich auch ein paar Dinge zu Hause vergessen – den Dosenöffner (zum Glück hatten drei meiner Mitcamper dran gedacht), meine Seifenblasen (ein Festival ohne eigene Seifenblasen ist etwas traurig) und festivaltaugliches Besteck (das nächste Mal werde ich vermutlich ein Taschenmesser mitnehmen, es ist megauncool, ein Messer mit scharfer Klinge in irgendeinem Jutebeutel rumschlackern zu wissen). Anstelle einer Isomatte wird das nächste Mal eine selbstaufblasbare Luftmatratze mitgenommen (ich habe in eine sehr coole für den Norwegentrip investiert, die mir dort einen guten Dienst erwiesen hat, während mein Begleiter auf seiner sehr dünnen Isomatte litt), auch das „Lass uns bei Regen eine Runde baden“-Tipi werden wir wohl gegen das Wurfzelt tauschen, mit dem wir durch Norwegen gewandert sind. Oder ich kaufe mir noch irgendein Festivalzelt, das sich schnell auf- und abbauen lässt und im Ernstfall auch kaputtgehen darf. Unerlässlich auch: Ein warmer Pullover. Entweder (wie in meinem Fall auf dem Appletree) auf dem Festivalgelände gekauft und Campingstuhl. Nur Amateure fahren ohne Campingstuhl zum Festival!

Kann nicht schon wieder Sommer sein?

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1 Comment

  1. Schöne Zusammenfassung!
    Ich war dieses Jahr auch zum ersten Mal auf dem Hurricane und habe auch blutige Anfängerfehler gemacht. Das hatte vor allem mit nicht besonders belastungsfähiger Regenjacke, nicht vorhandenen Gummistiefeln und zu wenig warmer Kleidung zu tun.

    Außerdem super an Festivals: die augiebige Dusche, wenn man wieder in der Zivilisation angekommen ist.

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