Hallo Grenzen, ich komme!

In nicht einmal 24 Stunden werde ich mich in der Luft befinden. In der Luft auf dem Weg nach Bergen. Düsseldorf – Amsterdam – Bergen. Die Nacht verbringen wir am Flughafen in Amsterdam, um 8 Uhr 25 sind wir dann am Mittwoch in Bergen. Norwegen. Vier Wochen mit nicht mehr als Rucksack, Schlafsack und Zelt durch ein Land, das wir beide nur auf Erzählungen, dem Fernsehen und Internetrecherchen kennen. Wir haben uns ganz gut vorbereitet. Unser Equipment ist gut, wir haben Tabletten gegen so ziemlich jedes Übel dabei, eine Route, unsere Wanderschuhe sind einigermaßen eingelaufen.

Von diesen vier Wochen verspreche ich mir viel. Eine Auszeit. Eine Pause. Ruhe. Stille. Natur. Selbstfindung. Den Kopf frei kriegen, auch und vor allem im Hinblick auf die Tatsache, dass im Oktober mein Studium beginnen wird. Philosophie und Politikwissenschaft. Ich weiß immer noch nicht, wo ich im Oktober sein werde und das macht mich ein bisschen nervös (Hey, Göttingen, ich meine dich, schick doch bitte mal eine Zusage!), aber andererseits bin ich auch im positiven Sinne aufgeregt; erwartungsfroh, neugierig, wissbegierig. Ich will die Ärmel hochkrempeln: Kisten packen, eine Wohnung finden und einrichten, umziehen, mich für die nächsten drei Jahre auf etwas konzentrieren, das ich mir zum ersten Mal in meinem Leben bewusst und frei von Zwängen ausgesucht habe. Schule, das war für mich immer nur das Übel, das ich überstehen musste, um zu dem Abschnitt zu kommen, der im Oktober für mich beginnt: Dem Studium. Vielleicht studiere ich danach noch weiter, mache meinen Master oder studiere doch noch Ernährungswissenschaften dazu. Danach möchte ich gerne schreiben oder für eine Menschenrechtsorganisation arbeiten, politisch und ehrenamtlich tätig sein, viel Reisen, viel erleben, viel sehen, glücklich sein, auch mit nicht so viel Geld.
Ich bin gespannt, wie es sein wird, vier Wochen lang so abgeschnitten von der Außenwelt zu sein. Kein Internet, nur wenig Kontakt mit Familie und Freunden, keine Popkultur, keine Nachrichten. Als hätte man den Stecker gezogen. Dort, wo wir reisen und wandern werden, ist es zwar nicht fürchterlich einsam, aber, gemessen daran, wie viele Ballungsräume es hier gibt, doch recht dünn besiedelt. Wir werden einige Strecken mit Bus und Bahn zurücklegen, andere werden wir zu Fuß in Angriff nehmen. Aber: Nie mehr als 20 Kilometer am Tag. Weil wir Anfänger sind und uns nicht überschätzen wollen. Es sind ja immer die dummen Deutschen, die sich unvorbereitet in irgendeine sehr offensichtliche Gefahr begeben und dann von der Botschaft ausgeflogen werden müssen. Drückt die Daumen, dass uns das nicht passiert, dass unsere Reise genau so wird, wie wir es uns in den buntesten Farben ausmalen – und vielleicht noch ein bisschen schöner.

Vier Wochen zu zweit wandern, das ist natürlich eine Probe für jede Freundschaft. Als wir beschlossen, gemeinsam verreisen zu wollen, das war im Februar, da kannten wir uns gerade einmal fünf Monate, im September, zum Ende unserer Reise hin, wird daraus ein Jahr. Wir haben uns in diesem Jahr ziemlich gut kennen gelernt, viele Schnittmengen entdecken können, und uns bisher weder kolossal genervt noch gestritten. Wie das ist, wenn man vier Wochen lang 24 Stunden aufeinander hockt, keine Chance hat, sich mal aus dem Weg zu gehen, wird sich zeigen. Ich bin gespannt, was so eine lange Reise an einer Freundschaft ändert.

Langsam kommt so ein bisschen das Muffensausen. „Vier Unterhosen, das wird hart!“-Gedanken. „Was, wenn einer krank wird?“-Gedanken. „Was, wenn ich körperlich total abspacke?“-Gedanken. Ich glaube, das ist normal, dass man am Abend vorher einen kleinen Panikanfall hat, kurz innehalten muss und bis drei zählen. Zu viel Selbstsicherheit, zu viel Überheblichkeit, das wäre ja auch nicht gut. Wer sich überschätzt, der fliegt als erstes auf die Fresse und darauf habe ich bei vier Wochen Norwegen wirklich keine Lust. Ich weiß: Dieser Urlaub wird mich an meine Grenzen bringen. Und vielleicht noch ein Stück weiter. Es wird Zeiten geben, wo alles vollgeschwitzt ist und stinkt, wo wir dreckig und genervt sind. Phasen, wo wir denken „Boah, hoffentlich ist bald September!“. Aber das macht irgendwie auch den Reiz aus – herausfinden, wo die Schmerzensgrenzen sind und sie vielleicht ein bisschen neu auszuloten. Hallo Grenzen, ich komme! Macht euch gefasst! Ich weiche nicht!

Fotos, Reiseberichte und ein „So war es ohne das Internet“-Artikel folgen im September. Bis zum 5. sind wir in Norwegen, am Tag danach geht es gleich weiter nach Berlin zum Berlin Festival und dann bin ich zurück – aber vermutlich schon panisch damit beschäftigt, irgendwo eine Wohnung zu finden und mir mein Studentinnenleben aufzubauen, auf das ich mich so sehr freue.
Das Leben beginnt jetzt, hier und heute, wenn man nur mutig genug ist, sich darauf einzulassen, und ich freue mich, dass wir es waren. Mutig genug, diesen Geistesblitz, diese hirnrissige Idee, die Freunde und vor allem Familie anfangs wenig ernst genommen haben, in die Tat umzusetzen. Ich war nie der Typ Mädchen, von dem man erwartet, dass es sich einen Rucksack auf den Rücken schwingt und einfach losläuft. Obwohl wir im Februar weder Zelt noch Wanderschuhe noch Ahnung hatten, wo die Reise hingehen soll. Da sind noch so viele Abenteuer, die ich in meinem Leben erleben möchte – Norwegen ist erst der Anfang.

Ich wünsche euch wundervolle letzte Sommertage, spannende Erfahrungen, Erlebnisse und Reisen, und hoffe, dass ihr gut auf euch aufpasst, während ich weg bin. Ich werde euch alle vermissen!

(Bild via Navdeep Raj.)

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3 Comments

  1. Das klingt so wunderbar und ich bin ein bisschen neidisch, dass ich nicht auf so eine großartige Idee kam, um mir die Zeit nach dem Abitur ein bisschen sinnvoll zu gestalten, ich werde wohl auch die nächsten vier Wochen nur herumsitzen und warten und bangen. Ich wünsche dir eine wirklich fantastische Zeit in norwegen und ich bin mir auch ganz sicher, dass ihr beide diese haben werdet, dass ihr daran wachsen werdet und dass ihr viele wunderbare Momente haben werdet! Ganz liebe Grüße 🙂

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