Shades of Grey, Geheimes Verlangen – E. L. James

Inhalt: Sie ist 21, Literaturstudentin und in der Liebe nicht allzu erfahren. Doch dann lernt Ana Steele den reichen und ebenso unverschämt selbstbewussten wie attraktiven Unternehmer Christian Grey bei einem Interview für ihre Uni-Zeitung kennen. Und möchte ihn eigentlich schnellstmöglich wieder vergessen, denn die Begegnung mit ihm hat sie zutiefst verwirrt. So sehr sie sich aber darum bemüht: Sie kommt von ihm nicht los. Denn Christian hat etwas in ihr berührt, das sich seitdem nicht mehr verdrängen lässt. Und als Christian einige Zeit später wieder vor ihr steht, kann sie nicht anders, als ihren Gefühlen nachzugeben und sich mit ihm in seiner Wohnung zu treffen. Von da an ist nichts mehr wie zuvor. Denn Christian führt Ana ein in eine dunkle, gefährliche Welt der Liebe – in eine Welt, vor der sie zurückschreckt und die sie doch mit unwiderstehlicher Kraft anzieht …

Meinung (ACHTUNG: kleine Spoiler!) : Die Zeit hat kurz und bündig ihre Meinung zum ersten „Shades of Grey“-Teil zusammengefasst: ‚Isnix‘. (Eine ausführlichere Meinung findet ihr hier.)

Genauso kontrovers, wie die Diskussionen in den vergangenen Wochen im Internet tobten, so sind es auch die Rezensionen, die man auf Amazon lesen kann: Von unglaublich begeistert bis total enttäuscht und entnervt ist eigentlich alles dabei. Auch als ich das Buch längst zugeklappt und ins Regal gestellt hatte, war ich nicht sicher, wie mein endgültiges Urteil zum ersten Teil der „50 Shades of Grey“-Trilogie eigentlich ausfallen wird. Dass ich es nicht mit einem Highlight der Literaturgeschichte zu tun haben würde, das war mir eigentlich von der ersten Seite, ja, noch bevor ich das Buch überhaupt gekauft hatte, klar – weshalb ich auch beschloss, das Buch nicht an meinen Lieblingsbüchern zu messen, sondern an Büchern seines Genres. Zugegeben: Ich habe bislang nicht viel in die Richtung Erotik-Roman gelesen, aber mit 12 oder 13 hatte ich eine sehr exzessive Frauenroman-Phase (besonders Susan Elizabeth Phillips!) und einige der Sex-Szenen auf „Shades of Grey“ haben mich doch sehr an das erinnert, was ich dort vor sieben Jahren las. Was mich überraschte – im negativen Sinne. Die Differenz zwischen dem, was in der Marketingkampagne kommuniziert wird und was das Buch tatsächlich zu bieten hat, ist enorm. Wirft man einen Blick auf den Buchrücken, auf dem Kommentare verschiedener namhafter Zeitungen abgedruckt sind, hat man das Gefühl, es mit DEM Buch des Sommers zu tun zu haben:

„Seit ‚Eat, Pray, Love‘ hat unter Frauen kein Buch mehr für so viel Aufregung gesorgt wie der Erotikroman ‚Shades of Grey‘.“ – orf.at

Wenn dem wirklich so ist, dann ist das sehr, sehr traurig. ‚Eat, Pray, Love‘ hat mir sehr gut gefallen, genau wie die Verfilmung!

„‚Shades of Grey‘ und die Folgebände sind derzeit ein Phänomen, wie es Ende der 1990er-Jahre die TV-Serie ‚Sex and the City‘ war.“ – tagesanzeiger.ch

Dass ich auch ‚Sex and the City‘ nichts abgewinnen konnte, steht sicherlich in keinerlei Zusammenhang zu der Tatsache, dass das mit ‚Shades of Grey‘ und mir irgendwie in eine seltsame Hassliebe ausgeartet ist.

„Die ungeheure Mundpropaganda zu ‚Shades of Grey‘ erinnert höchstens noch an die Aufregung um ‚Sakrileg‘, ‚Drachenläufer‘ oder ‚Eat, Pray, Love‘.“ – New York Times

Aber: Wer diese drei Auszüge aus Artikeln genauer liest, dem wird schnell klar: Sie urteilen nicht über die Qualität des Buches, sondern BEurteilen nur den Hype, der um das Buch gemacht wird.

Oben angesprochene Mundpropaganda hat einen gerade am Anfang, in den ersten Tagen nach dem Erscheinen des Buches, in die Irre geführt: Man gewinnt den Eindruck, dass der krasse Sado-Maso-Sex einen förmlich anspringen müsse. Was er nicht tut. Zwei, drei Sexszenen waren vielleicht etwas härter, aber ich hatte das Gefühl, dass E. L. James die Szene weder verstanden hat, noch wirklich Ernst nimmt. Eigentlich kommt sie, gemeinsam mit Hauptprotagnostin Ana (21), die noch Jungfrau ist und natürlich von Selbstbefriedigung bislang auch schön die Finger (haha) gelassen hat, zu dem Schluss, dass Christian durch die Liebe einer Frau ‚therapiert‘ werden müsse. Fast so, als wäre BDSM eine Krankheit. Es bleibt jedem selbst überlassen, worauf er oder sie im Schlafzimmer (oder auch außerhalb, Sexualität beschränkt sich in meinen Augen längst nicht auf diesen einen Raum, so wie „das Bürgertum“ es gerne kommuniziert) steht, aber es ist ziemlich eindeutig, dass Ana und Christian nicht wirklich auf einer Wellenlänge sind. Vielleicht das, was mich am meisten an dem Buch gestört hat: Dass Ana eigentlich keinen Bock auf die ganze Sache hat und sich nur aus „Ich liebe dich, ich will dich retten, vielleicht bist du dann irgendwann der Mann, von dem ich hoffe, dass du bereit bist, ihn für mich zu sein“-Gründen überhaupt darauf einlässt, es auszuprobieren. Schläge findet sie blöd, sein Spielzimmer beängstigend und irgendwie ist das ganze ja schon ziemlich abstoßend. Und trotzdem, manchmal, ja, da wird sie schon ein bisschen feucht. Auch die Darstellung von Christian ist in meinen Augen wenig glaubwürdig: Ständig wird betont, dass er sich noch nie auf das eingelassen habe, worauf er sich mit Ana plötzlich, ohne große Vorbehalte, einlässt: Pärchenunternehmungen, nebeneinander in einem Bett schlafen, sie mit zu Veranstaltungen und schließlich sogar zu seinen Eltern zu nehmen. Eigentlich führen Ana und Christian kein Verhältnis, das, unter Einhaltung des Vertrages, der jedem BDSM-Pärchen im Internet zum Download zur Verfügung steht, irgendwelche verruchten sexuellen Neigungen auslebt, ein Pärchen, zwischen dem das Körperliche, die Lust am Schmerz und an Unterwerfung und Hingabe im Vordergrund. Nein. Im Gegenteil. In meinen Augen führen sie eigentlich eine Beziehung, in der sich alles um Gefühle, Emotionen und Befindlichkeiten dreht und ab und zu geht es mal ein bisschen härter im Schlafzimmer zur Sache.

Auch der Schreibstil lässt einem Schauer über den Rücken laufen – leider nicht vor Erregung, sondern vor Zahnweh: Ewige Wiederholungen bestimmter Begriffe, besonders die Worte „Unterbewusstsein“ und „innere Göttin“, die sich in ihrem Kopf einen verbalen Kampf wie Engel und Teufel auf der rechten und linken Schulter lieferten, gingen einem bereits nach einer handvoll Kapitel total auf die Nerven, und wenig anspruchsvolle Satzgebilde erzählen eine Geschichte, die sich kaum von den bunten, stressigen Frauenromanen meiner frühen Jugend unterscheiden. Und dennoch: Irgendwas packt einen. Man kann nicht aufhören zu lesen und fühlt sich, trotz jedweder analytischer „Was ist das doch für ein Mist“-Gedanken irgendwie schon ganz gut unterhalten.

Was „Shades of Grey“ also, trotz alledem, schafft: Spannung erzeugen. Egal wie trashig und anstrengend Story und Schreibstil auch sind: Man bleibt dran, Seite für Seite, bis zum Ende. Keine Ahnung, wann ich zuletzt so schnell 600 Seiten konzentriert am Stück gelesen habe… Und: Teil 2 und 3 will man dann auch irgendwie dringend lesen. Obwohl man weiß: Besser wird’s nicht. Schlechter vielleicht schon. Es ist wie mit einem Auffahrunfall: Man kann kaum hin-, aber irgendwie auch nicht wegsehen. Vielleicht ist „Shades of Grey“ deswegen in aller Munde, unstrittig ‚DAS‘ Buch des Sommers: Weil man sich an ihm stößt, weil jeder darüber sprechen will, weil plötzlich etwas, das als Erotikliteratur verkauft wird, nicht mehr klammheimlich, sondern in der Bahn oder im Wartezimmer gelesen wird. Ob es sich dann wirklich um glaubwürdige Erotikliteratur handelt, sei mal dahingestellt.

Allgemein sehr spannend: Kossis Leseeindrücke. Sie decken sich in etwa mit dem, was ich beim Lesen des Buches empfunden habe.

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1 Comment

  1. Du sprichst mir aus der Seele. Furchtbarer Schreibstil, total naiver und voreingenommener Umgang mit dem Thema BDSM, kitschige Liebesgeschichte…aber trotzdem will man es zu Ende lesen. Aber der Schreibstil.. ich lese es gerade auf Englisch, ich hoffe für die deutsche Übersetzung wurden da einige Widerholungen gestrichen, ansonsten… Halleluja.

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