Samstag, kaum 10.

„Jetzt lass die Tante doch mal in Ruhe abkassieren, Joshua.“ Kaum 10 Uhr und schon einmal getantet worden, dieser Job schafft mich. Der kleine Joshua, dessen Tante ich mir nicht zu sein sicher bin, grapscht an meinem Kassenbildschirm herum und ich versuche, quasi noch im Halbschlaf, Schadensbegrenzung zu betreiben.
Piep.
Bonstorno.
Alles noch einmal aufs Band. Nur der kleine Joshua bitte nicht. Haha.
Die Mutter, entschuldigend und unter tiefen Augenringen: „Er ist halt ein lebendiges Kerlchen.“ Mein Katia-Saalfrank-Super-Nanny-Blick und ich nicken. Die Kunden in der Schlange beginnen langsam ungeduldig zu werden, räuspern sich, klimpern mit ihren Schlüsseln, werfen demonstrative Blicke auf ihre Armbanduhren. Und ich weiß: Mittagessen für Ehemänner müssen gekocht werden, Kinder wollen vom Fußballtraining abgeholt werden, Autos wollen gewaschen werden. Ich weiß das alles. Ich kenne diese Samstage in der Kleinstadt. Auch ich bin Kleinstadt, ob es mir passt oder nicht, ob ich es verleugne oder zu überwinden versuche. Ich bin eine von denen.
Manchmal frage ich mich, wie ich hier enden konnte, an dieser Kasse im sozialen Nirgendwo. „Aber dir standen doch so viele Türen offen!“ Das war es, was meine Mutter sagte, als ich heulend im Flur stand und von dem geschmissenen Studium erzählte und seinen Namen stammelte, immer wieder seinen Namen. Für wen ich wohl die größere Enttäuschung bin – für sie? Oder für mich?
Joshua nebst Mutter verlassen den Laden. Die Frau mag kaum fünf Jahre älter als ich sein. Hängen meine Schultern auch schon so? So … hoffnungslos? Ich habe kein Kind und keinen Mann, keine Hypothek, keinen Kombi mit Allradantrieb. Die Joshua-Mutter steckt hier wirklich fest. Ich nicht. Und dennoch tue ich es. Kein Schritt vor, immer nur einen Zurück. Uni geschmissen. Wohnung gekündigt. Wieder ins Kinderzimmer. Job hinter der Kasse angenommen. Nein, Quatsch, ist doch nicht schlimm, dass Ihnen der Joghurt vor dem Kühlregal hingefallen ist und jetzt überall Erdbeerstückchenaromaimitatjoghurt liegt, durch den alle Kunden blind mit ihrem Einkaufswagen schieben. Ich wische das schnell in meiner Pause auf. Und dann gebe ich Ihnen auch noch gerne das Wechselgeld genau so wie Sie das möchten. Ist doch alles kein Thema.
Wann bin ich so verbittert worden? Wann sind die Falten um meinen Mund tiefer geworden? Wann hat mein Lächeln zum ersten Mal nicht mehr meine Augen erreicht, als ich einen schönen Tag wünschte, ein schönes Wochenende, ein schönes Leben? Kann ich überhaupt noch lächeln?
Wieso?
Darum.
Und das Problem ist: Ich gebe mich mit dieser Antwort zufrieden. Deswegen sitze ich hinter dieser Kasse. Deswegen schlafe ich wieder unter Take That Postern. Deswegen bin ich die Frau, die „Kassenbon?“ fragt und nach der Schicht mit missmutiger Miene nach Hause schlurft. Auch bei Sonnenschein.
Steht es einem überhaupt zu, so wehleidig zu sein, wenn man sich selbst ins Abseits katapultiert hat?
Nein.
Und dennoch: Scheißhurrenfickkackdreckmist. Ich will hier raus. Wann kommt denn endlich jemand und reißt mich aus diesem Leben raus, wie ein Pflaster von der mittlerweile verheilten Haus?
Nie?
Okay.

(Bild via shoothead.)

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