Dann passierte mir Leif.

Mit 14, da war meine Vorstellung von Liebe simpel: Boy meets Girl. Magic Moment. Happily Ever After. Dann passierte mir Leif. Leif lachte selten nicht, erledigte tausend Dinge gleichzeitig und las die gleichen Bücher, mochte die gleichen Filme, reiste. Und: Leif liebte Sara. Sara war mittelgroß, blondgelockt und tanzte Ballett. Wenn sie tanzte, dann stand alles um sie herum still, auch ein bisschen die Welt. Manchmal tat sie das sogar, wenn sie nicht tanzte; stillstehen, die Welt. Es war seltsam: Erst lernte ich Leif kennen, der sich in meine Gedanken schlich und das nicht einmal subtil. Wir kannten uns drei Tage, da erzählte er mir von Sara. Es war nichts vorgefallen, außer einer einzigen Begenung. Und seitenlanger E-Mails. Es sollte auch lange nichts vorfallen, einen ganzen Sommer nicht. Nicht, bevor mir Leif Sara vorgestellt hatte und sie sagte, wissend, aber nicht vorwurfsvoll, neugierig, aber nicht durchdringend: „Du bist also Mia.“ So, als wisse sie alles, als kenne sie mich. Später, viel später, sollte Leif mir erzählen, dass er Sara die Mails hatte lesen lassen, jede, dass es so etwas zwischen ihnen nicht gab, so etwas wie: Geheimnisse, Distanz, Vertrauensbrüche. Sie ließen einander ihre Tagebücher lesen und ihre Laptops kannten so etwas wie Passwortschutz nicht. Sie waren viel, nur eines nicht: Simpel. Ihre Liebe war es nicht und meine Beziehung zu ihnen auch nicht. Ich verbrachte gerne Zeit mit ihnen, fragte mich aber auch, wo das alles hinführen solle. Das mit mir, Sara und Leif.

Ich habe mich in beide verliebt, in diesem kurzen, heftigen Herbst voller Rollkragenpullover und erstem, viel zu frühem Punsch und Kaminprasseln. Ich habe mich in Leif verliebt, der Dinge in zerlesenen Taschenbüchern anstrich, dabei höchst konzentriert, manchmal gute Zeilen leise mitmurmelnd, mein Kopf auf seinem Bauch. Und ich verliebte mich in Sara, deren Lachen elfengleich klang, die die besten Waffeln der Welt buk, die mich ganz zögerlich küsste, zum ersten Mal irgendwann im November, als wir völlig durchnässt in einem ziemlich beklemmenden Zoo vor dem Affengehege standen.

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich mich traute, nach einem Namen für meine Gefühle zu googlen; ich war auf einer katholischen Mädchenschule gewesen. Polyamory, ein englisches Kunstwort, sollte das beschreiben, was uns passierte, im Herbst vor vier Jahren. Es gab sogar eine verdammte Flagge für meine Gefühle und irgendwas mit Satre und de Beauvoir.

Sara erzählte es mir zuerst, dass sie glaubte, schwanger zu sein. Ich hielt ihre Hand, als wir darauf warteten, wie viele Streifen der Schwangerschaftstest anzeigen würde und auch noch eine Weile danach. „In Kanada ist es möglich, dass mehr als zwei Menschen die Elternschaft für ein Kind übernehmen“, hörte ich mich sagen, am Abend, als wir zu dritt auf der Terrasse saßen und die letzten Sonnenstrahlen einfingen, und daraufhin brachen wir ihn Gelächter aus, bis ich Schluckauf bekam und Sara heulte und Leif den Kühlschrank nach Bier zu durchsuchen begann. Melina ist heute 2 und wir sind ihre Eltern, wir alle. Obwohl wir dann doch nicht nach Kanada ausgewandert sind. Elternschaft beginnt im Kopf und endet im Herzen. Und ja, vielleicht bekommen wir irgendwann noch ein Kind. Vielleicht.

Liebe ist niemals simpel. Liebe ist niemals eine Einbahnstraße. Liebe sollte sich niemals Konventionen unterwerfen, nur weil die Leute dann nicht so starren. Liebe darf laut sein und bunt und alternativ. Grenzenlos. Liebe darf Kopf stehen und Rad schlagen, immer mit dem Risiko, sich alle Knochen zu brechen. Liebst du, dann bist du Wachs in den Händen des Lebens – ganz gleich, ob du einen Menschen liebst oder Leif und Sara und Melina.
Das ist meine Geschichte.
Dass Liebe einfach ist, weil sie niemals einfach ist.
Dass geht, was nicht geht.
Geh raus. Trau dich zu lieben. Hör niemals auf, daran zu glauben, dass es funktionieren kann.

(Bild via marrren.)

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3 Kommentare

  1. Das hört sich höchst tragisch and. Aber zum Glück warst du (oder die Autorni) noch zu Jung um unglücklich dabei zu werden. Manchmal gibt es aber die paradox, schönen Augenblicke.

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