Das Jahr magischen Denkens – Joan Didion.

Das Jahr magischen Denkens von Joan Didion
251 Seiten, Gegenwartsliteratur (biographisch)
erschienen am 4. Oktober 2005

Ich begriff, dass ich mir vorläufig nicht zutraute, vor der Welt einen vernünftigen Eindruck zu machen. (S. 188)

Inhalt: Vierzig Jahre war Joan Didion mit John Gregory Dunne verheiratet, als er am Abend des 30. Dezember 2003 einen Herzinfarkt erlitt und starb. Das Jahr magischen Denkens erzählt von ihrer Ehe mit dem Schriftsteller, von der eigenen Welt zweier kreativer Menschen, die einander im Leben und in der Arbeit alles waren. Es erzählt von der schweren Krankheit der einzigen Tochter Quintana, die zu dem Zeitpunkt, als ihr Vater starb, auf der Intensivstation eines New Yorker Krankenhauses um ihr Leben kämpfte. Indem sie darüber schreibt, versucht Joan Didion, dem Geschehen einen Sinn abzugewinnen, es einzuordnen in Zusammenhänge von Ursache und Wirkung, von Ordnung und Zweck. Ihr Buch lotet auf klügste Weise die Grenzen der Klugheit aus, es ist ein Aufbegehren es Verstandes gegen die existentielle Unvernunft des Todes und eine brillante und bewegende Studie der Trauer.

Meinung: „Das Jahr magischen Denkens“ hat mich kalt erwischt, gepackt, durchgerüttelt, bewegt und dem Thema Tod, Trauer und ihre Bewältigung noch ein Stück näher gebracht. Die Journalistin und Autorin Joan Didion schildert in „Das Jahr magischen Denkens“, wie sie das Jahr nach dem Tod ihres Mannes John, ebenfalls Journalist und Autor, erlebt hat, sich in einer Doppelbelastung befindend, da zu diesem Zeitpunkt ihre Adoptivtochter Quintana schwer erkrankt auf der Intensivstation um ihr Leben kämpfte. In jeder Zeile wird deutlich, zu welcher großen Liebe Didion fähig ist, wie besonders das Band war, was zwischen ihr und ihrem Mann bestand: Vierzig Jahre waren sie miteinander und längere Phasen der räumlichen Trennung hatte es zwischen ihnen nie gegeben. Manchmal war der eine sogar quer durch Amerika geflogen, nur um mit dem anderen zu Abend essen zu können. Sie hatten die Skripte des jeweils anderen Korrektur gelesen, über brisante Themen diskutiert, einander in Krisensituationen beigestanden. Kurz: Joan und John führten eine dieser Beziehungen, für die ich eines Tages alles geben würde.
Doch 2003, plötzlich, beim Abendessen, erleidet John einen Herzinfarkt und stirbt. Die Ärzte können nichts mehr für ihn tun. Auf knapp 250 Seiten schildert Didion, wie es ist, wenn einer, der vierzig Jahre lang Teil eines glücklichen, liebenden Paares war, zurückgelassen wird, plötzlich auf sich gestellt ist. Sie schildert, wie schwer es ihr gefallen ist, Johns endgültiges und unwiederbringliches Verschwinden zu realisieren (sie konnte beispielsweise seine Schuhe nicht weggeben, weil sie, und sie wusste selbst, wie irrational dieser Gedanke war, davon überzeugt war, dass er sie bei seiner Rückkehr doch benötigen würde) und gewährt dem Leser einen Einblick in die gemeinsamen Jahr mit John, die Zeit, als Quintana ein Baby war, ihre gemeinsame Reise durchs Leben. Untermauert wird all dies zum einen durch die parallele Schilderung von Quintanas Krankheitsverlauf (als Didion das Buch schrieb, konnte sie noch nicht wissen, dass ihr 2005 auch noch der Tod ihres einzigen Kindes bevorstehen würde) sowie durch das zitieren aus verschiedenen literarischen und wissenschaftlichen Werken zum Thema Trauer. Auch auf Johns letztes Buch, in dem, wie als habe er eine Vorahnung gehabt, das Thema Tod eine sehr zentrale Rolle spielt, geht Didion näher ein.

Ich habe Didions „Das Jahr magischen Denkens“ sehr schnell durchgelesen, bin förmlich durch die Seiten geflogen, obwohl ich mich eigentlich eher auf die Vorbereitung für meine Abiprüfung hätte konzentrieren müssen – was beweist: „Das Jahr magischen Denkens“ fesselt, jede einzelne, traurige, bewegende Seite. Unbedingt lesen!

Ich glaubte auch nicht, dass es „Pech“ war, was John getötet und Quintana gehabt hatte. Als sie noch auf der Westlake Mädchenschule war, sprach sie einmal von etwas, das sie als ungleiche Verteilung schlechter Nachrichten bezeichnete. In der neunten Klasse war sie von einem Ausflug in den Yosemite-Park nach Hause gekommen, um zu erfahren, dass ihr Onkel Stephen sich umgebracht hatte. In der elften Klasse war sie in Susans Haus morgens um halb sieben geweckt worden, um zu erfahren, dass Dominique umgebracht worden war. „Die meisten an der Westlake kennen noch nicht mal jemanden, der einfach so gestorben ist“, sagte sie, „und ich hatte, seit ich dort bin, einen Mord und einen Selbstmord in der Familie.“
„Am Ende gleicht sich alles aus“, sagte John, eine Antwort, die mich verwunderte (was sollte das heißen, konnte er sich nichts Besseres einfallen lassen?), aber sie war zufrieden.
Mehrere Jahre später, nachdem Susans Eltern nacheinander im Abstand von ein oder zwei Jahren gestorben waren, fragte Susan, ob ich mich daran erinnerte, wie John zu Quintana gesagt hatte, am Ende gleiche sich alles aus. Ich sagte, ich erinnerte mich.
„Er hatte recht“, sagte Susan. „Es gleicht sich aus.“
Ich erinnere mich, schockiert gewesen zu sein. Es war mir nicht in den Sinn gekommen, dass John gemeint haben könnte, jeder von uns bekomme irgendwann schlechte Nachrichten. Quintana oder Susan, eine von beiden, musste ihn missverstanden haben. Ich erklärte Susan, dass John etwas völlig anderes gemeint hatte: Er meinte, dass Menschen, die schlechte Nachrichten bekommen hätten, schließlich auch ihren Anteil an guten Nachrichten bekämen.
„Das habe ich überhaupt nicht gemeint“, sagte John.
„Ich habe gewusst, was er meinte“, sagte Susan.
Hatte ich gar nichts verstanden?
 (S. 193-194)

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2 Comments

  1. Danke für diesen Tipp! Habe es verschlungen und geweint.
    Lies bitte mal nur die türkisfarbenen Buchstaben auf dem Einband. Das habe ich entdeckt, nachdem ich das Buch ausgelesen hatte… da konnte ich nicht mehr aufhören zu weinen…
    Liebe Grüße!

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