Der Anfang vom Ende.

Zuerst hatte er sich über ihren Namen lustig gemacht und sie hatte gedacht „Wow, noch so ein Arsch“ und war kopfschüttelnd pinkeln gegangen. Ihr Höschen war blau gewesen, in der Toilettenkabine neben ihr kotzte sich irgendwer die Seele aus dem Leib und sie war noch ein paar Tage 16. Einlass ab 18, hatte irgendwo gestanden. Die Uhr zeigte 2 Uhr 07, aber vielleicht war es auch eine Stunde später, ihre Arme zitterten ein wenig. Sie zog die Strumpfhose wieder rauf, das Kleid runter, alles ein wenig umständlich, der Kleidsaum steckte im Bund fest, doch sie bemerkte es noch, zog wieder, irgendwann saß alles einigermaßen. Sie betätigte die Klospülung, das Mädchen nebenan hatte immer noch nicht aufgehört zu kotzen. Es war 1999 und sie war ein wenig betrunken und die Songs in ihrem Kopf versuchten einander zu übertönen.
Sie wusch sich die Hände, nur kaltes Wasser, draußen Schnee und bald ein neues Jahrtausend, doch sie immer noch ungeküsst und schlecht im Fühlen. Energisch rupfte sie ein Papierhandtuch aus dem Spender, verfehlte den Mülleimer, rempelte eine große Brünette an. „Ey, pass doch auf, Kleine!“

Als sie aus der Damentoilette stolperte, stand er da plötzlich, die Arme verschränkt, selbstgefällig, und sagte:
„Bono also.“
Sie sagte nichts und sagte doch alles.
„Hey, ich meine: Der Name ist immerhin ein Gesprächseröffner…“
Gesichtskino. Dass er noch nicht tot umgefallen war.
„Bestimmt heißt du eigentlich Bernadette!“
Bloß nicht aus der Reserve locken lassen.
„Ich meine: Niemand heißt Bono. Außer … Bono eben.“
Wo war nochmal die Bar?
„Ich glaube, nichtmal Bono heißt wirklich Bono.“
Und auf welcher Seite war ihre verflixte Tasche? Links? Nein. Also rechts. Sie nestelte am Verschluss herum, ein wenig zu lang, dann gelang es ihr, sie zu öffnen. Dann der Geldbeutel. Nun noch den Schülerausweis finden.
Da.
„Boah, wie mies!“ Er lachte und dabei verzog sich sein Mundwinkel ganz komisch. Nicht unattraktiv, nein, das passte zu ihm. Selbstgefällig, das war sein Adjektiv, ein Wort, fast wie für ihn erfunden.
Bono Alice Körner, stand da. Schwarz auf blau.
Aber vielleicht meinte er ja auch das Bild.
Sie, mit 12, Zahnspange, Kleinemädchenpony, Brille, grobporige Nase, das volle Programm.
„Willst du dich ein bisschen mit mir betrinken?“, fragte er.
Und das, das sollte der Anfang sein.
Der Anfang
vom Ende.

(Bild via Riley Alexandra.)

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3 Comments

  1. Der Dialog ist dir wirklich gut gelungen, ich bin aus dem Schmunzeln nicht mehr rausgekommen. Auch ansonsten finde ich den Text ziemlich gut, diese bittere, sarkastische Stimmung gefällt mir. Im ersten Absatz hat sich allerdings ein kleiner Tippfehler eingeschlichen (‚aber vielleicht war aus auch eine Stunde später‘ <- man beachte das 'aus'). Ich hoffe, ich komme hier nicht wie eine penible Deutschlehrerin rüber, ich wollte nur mal darauf hinweisen. Liebe Grüße 🙂

    1. Ach Quatsch, über Rechtschreibfehlerhinweise freue ich mich immer immens! Habe den Text im Zug geschrieben und daheim abgetippt, war dabei aber vermutlich ein wenig unkonzentriert! Ansonsten: Danke für das Lob und schön, dass dir meine Texte gefallen. 🙂

  2. Wow, wirklich gut geschrieben, gefällt mir sehr gut. Vor allem weil du nicht offensichtlich beschreibst sondern sehr subtil die charaktere wirken lässt.
    schön!
    lg Lisa

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